Ebola: Russische Forscher auf gefährlicher Mission

"An der Beisetzung eines Verstorbenen nimmt das ganze Dorf teil und umarmt ihn, bevor er ins Grab gelegt wird. Alles das ist nicht geeignet, die weitere Ausbreitung der Seuche schnell zu stoppen." Foto: Reuters

"An der Beisetzung eines Verstorbenen nimmt das ganze Dorf teil und umarmt ihn, bevor er ins Grab gelegt wird. Alles das ist nicht geeignet, die weitere Ausbreitung der Seuche schnell zu stoppen." Foto: Reuters

In Westafrika wütet das Ebola-Virus, die Zahl der Neuinfektionen steigt. Zwei russische Forscher sind nach Guinea gereist, um den Kampf gegen die Seuche aufzunehmen. RBTH sprach mit einem von ihnen über ihre gefährliche Arbeit.

Michail Schtschelkanow vom Iwanowski-Institut für Virologie trat gemeinsam mit Viktor Melejew, Russlands führendem Facharzt für Infektionskrankheiten, Anfang August eine gefährliche Reise an: nach Guinea in Westafrika. Dort nahm die Ebola-Epidemie im März ihren Anfang. Seitdem breitet sich das Virus mit erschreckender Geschwindigkeit aus.

RBTH: Herr Schtschelkanow, wie ist aktuell die epidemiologische Situation in der Region?

Schtschelkanow: Früher wurden nur die schwersten Fälle beobachtet, heute dagegen geraten dank einer früheren Diagnostik Infizierte wesentlich schneller ins Blickfeld der Ärzte. Daher sinkt die Sterblichkeit bei Ebola. Die Diagnostik im Donka-Krankenhaus in Conakry kann sich durchaus sehen lassen. Das Labor wird von Doktor Maga, einem Absolventen der Moskauer Staatlichen Akademie für Tiermedizin, geleitet.

Was ist Ihre Aufgabe in Guinea?

Zum einen leisten wir den Spezialisten vor Ort wissenschaftliche und methodische Unterstützung. Wir helfen unter anderem dabei, die

Diagnostik des Virus zu verbessern. Und ich denke, dass unser Einsatz in dieser Hinsicht bislang effektiv war. Zweitens beraten wir die örtlichen Spezialisten zum Ebola-Virus.  

Wir waren auch in einem der Feldkrankenhäuser. Dort berieten wir die Ärzte bei der klinischen Behandlung hämorrhagischer Fieber. Die klinischen Ansätze zur Behandlung solcher Fieber sind ziemlich unspezifisch. Und da es in Russland beispielsweise das Krim-Kongo-hämorrhagische Fieber gibt, können wir eine gewisse Erfahrung einbringen. Zu unseren Aufgaben gehört außerdem, die Sicherheit der russischen Staatsbürger und Botschaftsmitarbeiter zu gewährleisten.

Wie lässt sich die Seuche Ihrer Meinung nach stoppen?

Das ist aus zwei Gründen schwierig. Erstens verbirgt sich der Hauptwirt dieses Erregers in der Natur. Die Zirkulation von Viren natürlicher Wirte im waldreichen Guinea, Sierra Leone und Liberia zu kontrollieren, ist praktisch unmöglich. Ein zweiter wichtiger Grund ist in den sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen dieser Länder zu sehen. Westafrika ist eine der weltweit ärmsten Regionen. Sanitär-epidemiologische Einrichtungen nach unserem Verständnis gibt es hier überhaupt nicht.

Hinzu kommen die Schwäche der administrativen Strukturen vieler Länder Westafrikas und der hohe Grad an Korruption. Unter diesen Bedingungen ist noch nicht einmal eine konsequente Umsetzung von Maßnahmen zur Bekämpfung der Seuche möglich. Für nur rund einem Euro Bestechungsgeld kann ein infizierter Mensch eine Schutzzone verlassen. Auch dürfen die Besonderheiten der unter den Einheimischen verbreiteten religiösen Rituale nicht außer Acht gelassen werden. So etwa nimmt an der Beisetzung eines Verstorbenen das ganze Dorf teil und umarmt ihn, bevor er ins Grab gelegt wird. Alles das ist nicht geeignet, die weitere Ausbreitung der Seuche schnell zu stoppen.

Im Donka-Krankenhaus haben wir dennoch Maßnahmen umsetzen können, um eine Ausbreitung zu verhindern. Alle im Donka-Krankenhaus Verstorbenen werden beispielsweise schon auf dem Krankenhausgelände kremiert. Die Verwandten kommen mit den Verstorbenen nicht mehr in Kontakt. Das ist eine bindende Vorschrift. 

Auch das Gesundheitsministerium von Guinea und die WHO haben bestimmte Maßnahmen eingeleitet. Die westafrikanischen Regierungen haben außerdem begriffen, dass es keinen Sinn hat, die Zahl der Infizierten zu kaschieren. In den letzten Tagen hat da tatsächlich ein gewisses Umdenken eingesetzt.

Bald beginnt in Russland das nächste Studienjahr. Auch Studenten aus Guinea werden nach Russland zurückkehren. Wie lässt sich das Risiko einer Verbreitung des Virus minimieren?

Diese Frage ist noch nicht geklärt. Es gibt jedoch eine bewährte Praxis des Unternehmens Russal, das seine Mitarbeiter vor der Einreise nach Russland für eine dreiwöchige Quarantäne nach Casablanca in Marokko bringt. So lange ist in etwa die Inkubationszeit. Dort arbeiten sie in einem abgeschiedenen Gelände und reisen erst im Anschluss nach Russland zurück. Ich weiß nicht, ob etwas Ähnliches für Studenten machbar ist. Es könnte schwierig werden, schließlich sind solche Maßnahmen kostenintensiv.

Ist es möglich, dass Russland Menschen aus gefährdeten Regionen nicht mehr ins Land lässt?

Wohl kaum, aber wenn Studenten nach Russland einreisen, wird die ersten ein bis zwei Monate ihr Gesundheitszustand überwacht. Ich kann noch nicht sagen, wie. Aber es wird auf jeden Fall entsprechende Maßnahmen geben.

Info zur Ebola-Epidemie

Mit Stand vom 4. August sind bislang etwa 889 Infizierte dem Ebola-Virus erlegen. Die Sterblichkeit beträgt etwa 50 Prozent, das ist ein deutlich geringeres Niveau als bei früheren Epidemien, bei denen die Mortalität noch bei 90 Prozent lag. Mit geschätzten bis zu 1 800 aktuell infizierten Personen ist diese Epidemie die größte seit Entdeckung des Virus im Jahr 1976.

Inzwischen wurde die Ebola-Epidemie in Westafrika von den Seuchen-Experten der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Internationaler Gesundheitsnotfall eingestuft. Ebola-Erkrankungen wurden außer in Guinea noch in Liberia, Sierra Leone und Nigeria sowie in Hongkong registriert.

In Russland wurde das Ebola-Virus intensiv erforscht. Der russische Leiter des Donka-Krankenhauses in Conakry, das größte Krankenhaus des Landes, hat an der Moskauer Staatlichen Akademie für Tiermedizin studiert. Dort wird unter anderem die Diagnostik von Virusinfektionen, die wie Ebola von Tieren auf Menschen übertragen werden, gelehrt.

Einen Impfstoff gegen das Ebola-Virus gibt es bislang nicht. Einige Forscher sehen daher die Gefahr, dass der Erreger als biologische Waffe verwendet werden könnte.

 

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