Russlands Embargo: Das „europäische Loch“ im Supermarktregal

Russlands Lebensmittel-Importverbot: Die EU-Länder müssen mit Verlusten in Höhe von zwölf Milliarden Euro rechnen. Foto: Shutterstock

Russlands Lebensmittel-Importverbot: Die EU-Länder müssen mit Verlusten in Höhe von zwölf Milliarden Euro rechnen. Foto: Shutterstock

Experten prognostizieren, dass die EU-Länder aufgrund des von Russland verhängten Lebensmittel-Embargos Verluste von bis zu zwölf Milliarden Euro erleiden könnten. Die Russen befürchten eine Verknappung der Lebensmittel und einen Preisanstieg.

Auf die Sanktionen der Europäischen Union und den USA hat Russland mit einem Importverbot von bestimmten Lebensmitteln aus den westlichen Ländern reagiert. Neben der EU erstreckt sich das Importverbot auf eine Reihe von Produkten aus den USA, Kanada, Norwegen und Australien. Japan befindet sich nicht auf der Schwarzen Liste, obwohl es ebenfalls Sanktionen gegen die Russische Föderation eingeführt hatte.

Das Verbot soll für ein Jahr gelten. Unter den verbotenen Gütern befinden sich Rind- und Schweinefleisch, Geflügel und Geflügelprodukte, geräucherte Lebensmittel und Wurstwaren, Milch und Milchprodukte, darunter auch Käse, Obst und Gemüse, Knollenfrüchte, Nüsse sowie Fisch.

Während die Bevölkerung verunsichert reagiert, geben sich Händler gelassen und sind zuversichtlich, dass ausländische Geschäftspartner Mittel und Wege finden werden, die Sanktionen zu umgehen. Experten erwarten zudem, dass Russland die Importe aus Südamerika und Asien ankurbeln wird.

 

Importverbot berührt Deutschland und die USA wenig

Am stärksten werden sich die Lebensmittelsanktionen Russlands in den EU-Ländern bemerkbar machen, denn niemand exportiert so viele dieser Waren nach Russland wie sie. Nach Angaben des Instituts für Globale Strategieforschung deckt Russland 31,5 Prozent seines Fleischbedarfs, 42,6 Prozent der Milchprodukte und 32 Prozent des Gemüses mit Importen aus Europa ab.

„Für die EU könnten die Verluste nach ersten Schätzungen bis zu zwölf Milliarden Euro betragen. Die Lebensmittelexporte machen etwa zehn Prozent der gesamten Ausfuhren der EU nach Russland aus“, erklärte der EU-Repräsentant in Moskau Vygaudas Ušackas in einem Interview mit dem Radiosender Goworit Moskwa.

Experten verweisen auf die hohe Abhängigkeit Russlands von Lebensmitteln aus dem Ausland. Nach Angaben des föderalen Zolldiensts hatten die Lebensmittelimporte nach Russland im Jahr 2013 einen Wertumfang von etwa 32 Milliarden Euro erreicht. Nach Angaben des Instituts für Globale Strategieforschung kauft die Russische Föderation 70 Prozent aller Früchte und Beeren und etwa 50 Prozent an Trockenmilch und Käse im Ausland.

Betrachtet man die EU-Länder individuell, so sind Lettland, Litauen, Polen und Finnland am meisten auf den Export nach Russland angewiesen. Sie liefern größtenteils Butter, Käse und Quark. 41 Prozent der finnischen Butterexporte und 47 Prozent der Ausfuhren von gefrorenem Fisch gehen

nach Russland. In Lettland und Litauen entfallen 43 Prozent der Exporte an Wursterzeugnissen auf Russland. Polen und Litauen hatten bislang in Russland ihren größten Abnehmer für Gemüse, Früchte und Nüsse.

In Deutschland, Italien, Großbritannien und Spanien könnten insbesondere ausgewählte Unternehmen die Wirkung der Sanktionen Russlands zu spüren bekommen, befindet man im Institut für Globale Strategieforschung. Nach Berechnungen des Instituts entfallen nur neun Prozent des spanischen und sechs Prozent des italienischen Exports an gefrorenem Rindfleisch, und nur sechs Prozent des deutschen Exports an Schweinefleisch und Trockenfrüchten auf Russland.

Was die USA, Kanada und Australien anbelangt, so kauft Russland in diesen Ländern ebenfalls Fleisch, Fisch, Gemüse und Knollenfrüchte, doch der Anteil der Importe von dort ist äußerst gering. So entfällt der größte Import Russlands aus den USA auf Fleisch, doch auch dieser beträgt nur fünf Prozent. Doch nicht nur die Exportländer, sondern auch die Russen werden die Sanktionen zu spüren bekommen.

 

Werden die Regale der russischen Geschäfte leer sein?

Die Zeitung „Kommersant“ erklärt unter Verweis auf Regierungskreise die Logik und die Fristen der eingeführten Sanktionen. So gehe es um die Sicherstellung der „Versorgungssicherheit“. Moskau glaube, dass in einigen

Monaten die „Sanktionsländer“ Russland ohnehin mit Exportbeschränkungen von Lebensmitteln belegen werden, und wollte nun einen Impuls zum Importersatz geben. Die Welthandelsorganisation (WTO) werde zwar erwartungsgemäß die Beschränkungen aufheben, und Russland werde die Entscheidung ihrer Gerichte akzeptieren. Doch die Handelsstreitigkeiten sollen den Produzenten in der Landwirtschaft ausreichend Zeit geben, die freigewordenen Märkte zu füllen.

Experten gehen davon aus, dass es kaum gelingen wird, schnell eine eigene Produktion aufzubauen. Deshalb wird der Ausweg eher in der Suche nach neuen Lieferanten bestehen. „Russland wird das entstandene Loch nicht sofort mit heimischer Produktion stopfen können“, sagt Alexej Skopin, Leiter der Fakultät für Regionalpolitik und Wirtschaftsgeografie an der Higher School of Economics, und führt aus: „Im günstigsten Falle werden mittelfristig 15 bis 20 Prozent der auf der Sanktionsliste stehenden Waren durch einheimische Produkte ersetzt werden können. Doch bis dahin wird Russland auf ausländische Lieferanten angewiesen sein.“

Als neue Lieferanten kommen insbesondere Asien und Südamerika in Frage. Dabei geht es meist um die Erweiterung bereits bestehender

Kooperationen. „Die russischen Supermärkte werden sicherlich nicht leer werden: Die Türkei und die Länder Südamerikas sind bereit, das ‚europäische Loch‘ voll und ganz zu füllen“, meint Skopin. „Das einzige Problem ist der Anstieg der Transportkosten, die im Preis inbegriffen sein werden. Auch werden die neuen Waren vielleicht qualitativ minderwertiger sein als die europäischen“, gibt der Experte zu bedenken. Er schätzt, dass die Preise für Lebensmittel zwischen fünf und zehn Prozent steigen werden. Der Markt bestätigt Skopins Prognose. Gegenüber RBTH sagten viele Ladenbesitzer, dass die Lebensmittelpreise steigen werden. Vertreter kleiner Einkaufsmärkte meinten, dass die Lieferanten im Falle zeitweiliger Defizite die Preise auch für russische Waren anheben könnten.

Doch manche meinen auch, es könnten weiterhin Waren aus Europa in russischen Geschäften angeboten werden. Dmitrij Potapenko von der Management Development Group erklärt, Lieferungen aus Europa könnten über die Länder der Zollunion in die Russische Föderation importiert werden. Denn in der Zollunion zwischen Russland, Belarus und Kasachstan gibt es weder Zölle noch wirtschaftliche Beschränkungen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland