Rheinmetall-Deal: Russland sucht Ersatz für deutsche Laser

Vizekanzler Gabriel hat den Rheinmetall-Deal mit Russland gestoppt. Foto: AP

Vizekanzler Gabriel hat den Rheinmetall-Deal mit Russland gestoppt. Foto: AP

Die deutsche Bundesregierung hat ein Rüstungsgeschäft von Rheinmetall mit Russland gestoppt. Vizekanzler und Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel verhindert die Auslieferung von Rheinmetall-Technik an Russland. Aus dem russischen Verteidigungsministerium heißt es diesbezüglich, dass die einheimische Rüstungsbranche in der Lage sei, die fehlenden Teile zu ersetzen.

Während die deutsche Bundesregierung behauptet, das Gefechtsübungszentrum im russischen Mulino sei ohne die Laser von Rheinmetall nicht funktionsfähig, spielt das russische Verteidigungsministerium die Rolle des deutschen Zulieferers herunter. Die Wahrheit liegt wie so oft wohl in der Mitte.

 

Wie groß ist die Bedeutung der deutschen Komponenten?

Öffentlichkeitswirksam stoppte Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel vor wenigen Tagen einen umstrittenen Deal zwischen dem deutschen Rüstungskonzern Rheinmetall und dem russischen Verteidigungsministerium. Das deutsche Unternehmen sollte ursprünglich ein Gefechtsübungszentrum in Mulino, einer Militärsiedlung nordöstlich von Moskau, errichten. Im Kontext der Ukraine-Krise hält Deutschland das 100-Millionen-Euro-Geschäft jedoch nicht mehr für vertretbar. Es gehe Gabriel bei dem Stopp um den Schutz von Menschenleben. Und auch aus dem Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle hieß es: „Aufgrund der aktuellen politischen Lage werden keine Genehmigungen für die Ausfuhr von Kriegswaffen oder sonstigen Rüstungsgütern nach Russland erteilt".

Das russische Verteidigungsministerium konterte schnell: Der Anteil von Rheinmetall am gesamten Projekt betrage nicht mehr als zehn Prozent, betonten hochrangige Quellen. Das Gefechtsübungszentrum in Mulino werde wie geplant am 1. September 2014 in Betrieb gehen, sagte der stellvertretende Verteidigungsminister Juri Borisow. Russland sei zudem durchaus in der Lage, den Bau eigenständig fertigzustellen.

Tatsächlich ist am Bau des Übungszentrums ein ganzes Konsortium an Unternehmen beteiligt. Eines der wichtigsten davon ist Rusbitech, das sich auf die Entwicklung und Produktion von militärischen Übungsmodulen spezialisiert hat. Daneben sind noch ein halbes Dutzend weiterer Spezialunternehmen aus der heimischen Rüstungsbranche vertreten. Tatsächlich dürfte demnach rein rechnerisch der Anteil von Rheinmetall am Gesamtprojekt nicht übermäßig groß sein. Dennoch gehört das deutsche Unternehmen zu den Schlüssellieferanten.

 

Innovative Laser-Technologie von Rheinmetall

Das Gefechtsübungszentrum hat eine Größe von etwa 500 Quadratkilometern und soll zu einem High-Tech-Schießübungsplatz für die russischen Bodentruppen ausgebaut werden. Geschossen werden soll dabei nicht mit Übungsmunition, sondern mit speziellen Laserkanonen. Potenzielle Treffer werden dabei über spezielle Sensoren in Echtzeit registriert. Alle Informationen über den Übungsverlauf laufen in einer Kommandozentrale

zusammen. Der Vorteil des Systems: Es erlaubt die Realisierung eines gefechtsnahen Übungsszenarios. Aber genau diese Laser-Technologie, ohne die das Übungszentrum sinnlos wäre, stammt von Rheinmetall.

„Bei Rheinmetall heißt es, dass die Anlage ohne die noch ausstehenden Lieferungen der Lasertechnik nicht nutzbar ist", erklärte der Koordinator für die zwischengesellschaftliche Zusammenarbeit mit Russland Gernot Erler kürzlich in einem Interview. Das russische Verteidigungsministerium gibt sich aber dennoch optimistisch. Juri Petrow, stellvertretender Leiter der Hauptabteilung für Kampfvorbereitung bei der russischen Armee, berichtete kürzlich stolz, dass das Zentrum zu 95 Prozent fertig gestellt sei und alle deutschen Zulieferungen durch russische ersetzt werden könnten.

 

Gefechtsübungszentrum Mulino: Fertigstellung erst 2015?

Es steht also derzeit Aussage gegen Aussage. Glaubt man unabhängigen Militärexperten, könnten beide Seiten Recht haben. Ohne die Technik von Rheinmetall ist die Anlage zwar nicht funktionsfähig, ein Aus für das Projekt bedeutet das allerdings noch lange nicht. „Es gibt mindestens zwei Hersteller in Russland die ähnliche Anlagen, wenn auch nicht von solcher Komplexität und Größe, bauen können", erklärt Ruslan Puchow, Leiter des Moskauer Analysezentrums für Strategie und Technologie. Die Rede ist von der Sankt Petersburger Firma Transas und vom Rüstungsbetrieb KRET, der zur staatlichen Rostec-Holding gehört. Beide Firmen wollten ein mögliches Engagement in Mulino bis jetzt nicht kommentieren. Allerdings nannte der stellvertretende Verteidigungsminister Juri Borisow zumindest Transas als möglichen „Lückenfüller" für Rheinmetall: „Das ist unser führendes Unternehmen in Sachen Übungsgerät", betonte Borisow.

„Natürlich ist das Original besser als die Kopie", führt Puchow weiter fort. In der jetzigen Situation müssen sich die Russen allerdings etwas einfallen lassen und versuchen mit eigenen Mitteln auskommen. „Das Problem ist,

das Rheinmetall schon mehrere Anlagen solcher Art gebaut hat und im Vergleich zu russischen Firmen über eine größere Erfahrung verfügt", ergänzte er. Man müsse sich letztlich damit abfinden, dass die Anlage eventuell nicht ganz so effektiv und funktionsreich ausfällt, wie ursprünglich geplant.

Ob sich der Lieferstopp auf die Baufristen auswirkt, wisse derzeit nur das Verteidigungsministerium. Dieses wiederum beharrt darauf, dass die Anlage planmäßig im September abgenommen werde und die ersten Übungen bereits im Dezember stattfinden könnten. Die russische Zeitung „Wedomosti" berichtete jedoch unter Berufung auf Quellen im Verteidigungsministerium, dass die deutsche Absage die Fertigstellung der Anlage um drei bis vier Monate nach hinten verschiebe. Die ersten Militäreinheiten könnten das Übungszentrum demnach erst ab Sommer 2015 nutzen.

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