Russland drängt auf den iranischen Markt

Russland plant 2,5 bis drei Millionen Tonnen Erdöl jährlich aus dem Iran anzukaufen. Foto: AP

Russland plant 2,5 bis drei Millionen Tonnen Erdöl jährlich aus dem Iran anzukaufen. Foto: AP

Russland und der Iran wollen die gegenseitigen Wirtschaftsbeziehungen ausbauen. Im Mittelpunkt stehen dabei die Lieferung iranischen Rohöls und neue Absatzchancen für russische Produkte. Auch andere Länder planen Investitionen im Iran. Das Land könnte von den westlichen Sanktionen gegen Russland profitieren.

Russland und der Iran haben eine auf fünf Jahre ausgelegte Absichtserklärung unterzeichnet, die eine Ausweitung der wirtschaftlichen Zusammenarbeit bedeutet. „Die Absichtserklärung sieht eine Erweiterung der Handels- und Wirtschaftskooperationen im Bereich des Baus und Konstruktion von Generatoren, der stromerzeugenden Infrastruktur, des Öl- und Gasbereichs sowie einer Lieferung von Autos, Geräten, und Erzeugnissen vor", heißt es aus dem Energieministerium der Russischen Föderation. Die Verträge werden vom neunten bis zehnten September in Teheran bei einer Sitzung der intergouvernementalen Kommission der Russischen Föderation und des Irans diskutiert werden.

 

Iranisches Öl für russische Aggregate

Ganz oben auf der Tagesordnung steht der Ankauf iranischen Erdöls durch Russland. Anfangs waren sehr große Mengen von bis zu 25 Millionen Tonnen pro Jahr im Gespräch. Das hätte in etwa einem Viertel der gesamten iranischen Ölfördermenge entsprochen. Aktuell geht es nach Angaben von „Kommersant" nur noch um 2,5 bis drei Millionen Tonnen jährlich. Der Iran wird das Öl etwas billiger als „Brent", die wichtigste europäische Rohölsorte, verkaufen. Das Vertragsvolumen könnte bis 1,8 Milliarden Euro pro Jahr betragen.

Drei Millionen Tonnen pro Jahr entsprechen etwa 1,5 Prozent der Erdölförderung des Irans. Grigorij Birg, Analytiker bei Investcafé erklärte gegenüber RBTH, dass diese Menge zehn Prozent des russischen Ölexports in südostasiatische Länder entspricht oder zwei Prozent des Ölexports in Länder der EU. „Das sind bedeutende Mengen auf dem Ölmarkt", so Birg, vor allem im Hinblick auf negative Auswirkungen der gegen Russland bestehenden Sanktionen. Das iranische Öl kann in unverarbeitetem Zustand weiterexportiert oder in Russland zu exportfähigen Erdölprodukten weiterverarbeitet oder auf dem heimischen Markt verwendet werden.

Ein Problem der geplanten Zusammenarbeit ist das bestehende Embargo gegen Erdöllieferungen aus dem Iran. Daher werden alternative Lieferwege gesucht. In der Diskussion war zunächst die Lieferung nach Belarus oder in die Ukraine, wo russische Erdölgesellschaften Raffinerien haben. Dem standen politische Gründe entgegen. Nun wird überlegt, das iranische Erdöl über die Volksrepublik China und Afrika, hier voraussichtlich Südafrika, nach Russland zu liefern.

 

Russland intensiviert Investitionen im Iran

Lewan Dschagarjan, Botschafter der Russischen Föderation in Teheran, erklärte, dass der Iran außer Rohöl auch petrochemische Produkte,

Zement, Teppiche und Produkte aus der Gemüse- und Früchteverarbeitung nach Russland liefern könnte. Mit dem Verkaufserlös plant der Iran, Waren und Dienstleistungen in der Russischen Föderation zu kaufen. Mehdi Sanai, iranischer Botschafter in Moskau, sagte, dass Teheran an russischen Maschinen, schweren Lastwagen, Schienen und Metallen sowie Getreide interessiert sei.

Die Vereinbarungen zwischen den zwei Ländern sehen auch eine Teilnahme russischer Unternehmen und Aktiengesellschaften an Projekten auf iranischem Boden zum Bau und der Erneuerung von Stromkraftwerken und Stromnetzen vor. Teheran, so der Botschafter, sei zudem an der Mitarbeit Russlands an der Elektrifizierung der iranischen Eisenbahnen interessiert. Auch überlege der Iran den Ankauf von mehreren hundert Megawatt Strom aus Russland. Der Iran würde den Worten des Botschafters zufolge auch gemeinsame Projekte zum Bau von Mini-Raffinerien und der Erschließung von Erdgasvorkommen auf iranischem Boden begrüßen.

 

Der Iran profitiert von Sanktionen gegen Russland

Experten sehen den Grund der intensivierten Zusammenarbeit zwischen Russland und dem Iran in den angespannten Beziehungen beider Staaten zum Westen. „Moskau hat enorme diplomatische Bemühungen für die Klärung der iranischen Atomfrage investiert und war bereit, von Handlungen abzusehen, die eine scharfe Kritik der USA hervorrufen könnten" erklärt Andrej Baklizkij vom PIR-Zentrum gegenüber „Kommersant". Doch die Situation habe sich verändert, so der Experte. „Russland ist jetzt weit weniger geneigt, Empfehlungen der USA in Erwägung zu ziehen, und der Iran, dessen Wichtigkeit für den Westen im Zusammenhang mit den Ereignissen im Irak und der Suche nach Alternativen für russische Energieträgerstark gestiegen ist, hat einen großen Handlungsspielraum erhalten", sagt Baklizkij. „Weiteren Sanktionen durch die USA, die Russland bei einem Verstoß gegen das Embargo gegen den Iran drohen könnten, werden weit weniger Vehemenz beigemessen. Gegen den Erdölsektor der Russischen Föderation wurden ohnehin schon Sanktionen eingeführt", erläutert der Experte.

Als einen weiteren Grund für das russische Engagement im Iran sehen Experten im umkämpften Markt in Persien. Seit Ende des letzten Jahres,

als gegen den Iran bestehende Sanktionen gelockert wurden, sind bereits Delegationen aus China, Großbritannien, der Bundesrepublik Deutschland, Frankreich, Italien, Österreich, Schweden und einer Reihe anderer Länder in Teheran gewesen. Vor einigen Tagen hatten „Reuters" und „The Wall Street Journal" eine Meldung mit Verweis auf Quellen in deutschen Industrieverbänden berichtet, dass aufgrund der Situation in der Ukraine und der durch die USA und die EU eingeführten Sanktionen gegen Russland die deutsche Geschäftswelt ihre Investitionen aus der russischen in die iranische Wirtschaft umschichten könnte. Die deutsche IHK schätzt, dass, bei einer weiteren Lockerung der Sanktionen gegen den Iran, der Export Deutschlands in das Land von 1,85 Milliarden Euro im Jahr 2013 auf zehn Milliarden Euro pro Jahr steigen wird.

 

Die ungekürzte Fassung dieses Beitrags erschien zuerst bei Kommersant.

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