Apple, Airbus oder Autobauer: Russlands Rohstoffe sind überall

Das Mobiltelefon von Apple hat seine Dünnheit und Kompaktheit auch den chemischen und metallverarbeitenden Industrien in Russland zu verdanken. Foto: Getty Images/Fotobank

Das Mobiltelefon von Apple hat seine Dünnheit und Kompaktheit auch den chemischen und metallverarbeitenden Industrien in Russland zu verdanken. Foto: Getty Images/Fotobank

Viele westliche Verbraucher ahnen gar nicht, dass in vielen Gegenständen, die sie im täglichen Leben benutzen, ein Stück Russland steckt. Egal ob im Auto aus Frankreich oder Japan, im US-amerikanischen Mobiltelefon von Apple oder im Flugzeug aller großen Luftfahrtlinien. Doch wie wird das in Zukunft aussehen? Haben die Sanktionen Auswirkungen auf den Handel?

Ein Stückchen Russland im Smartphone

Für viele iPhone-Nutzer wird folgendes von Interesse sein: Das Mobiltelefon von Apple hat seine Dünnheit und Kompaktheit auch den chemischen und metallverarbeitenden Industrien in Russland zu verdanken. Dort wird nämlich das seltene chemische Element Tantal abgebaut, welches für den Bau des iPhones unabdinglich ist. Erst Tantal mache es möglich, immer kompaktere Akkus zu produzieren, behauptet Alexandr Wolschinskij, Experte des russischen IT-Unternehmens Informsaschtschita. Die seltenen Bestandteile kauft Apple bei insgesamt elf russischen Unternehmen ein, wie aus einem Unternehmensbericht der US-Börsenaufsichtsbehörde SEC hervorgeht. Weiterhin beliefern acht goldverarbeitende Fabriken, unter ihnen auch die Moskauer Fabrik zur Bearbeitung besonderer Legierungen, Apple mit Gold, das zum Überziehen von Kontakten der iPads, iPhones und anderer Apple-Produkte verwendet wird. Zusätzlich kauft Apple auch Wolfram und Zinn bei russischen Herstellern ein. Zinn wird insbesondere dazu benutzt, verschiede elektronische Einzelteile zusammenzulöten.

Natürlich werden diese Buntmetallen nicht nur von Apple sondern auch von vielen weiteren ausländischen Firmen nachgefragt. So beziehen der US-amerikanische Fahrzeugzulieferer Lear oder der Hersteller von GPS-Navigationssystemen Garmin Metalle aus russischer Produktion.

 

Russisches Titan verleiht Flügel


Das russische Unternehmen WSMPO-AWISMA liefern Titanlegierungen und -erzeugnissen an Boeing und Airbus. Foto: AP

Russische Metalle werden auch an die beiden großen Flugzeughersteller Boeing und Airbus verkauft. Bei der Herstellung ihrer Maschinen verwenden diese das chemische Element Titan. Titan ist einzigartig, weil es leicht und hart aber gleichzeitig auch temperatur- und korrosionsbeständig ist – für den Flugzeugbau unersetzliche Eigenschaften. So kann man beim

Betreten des Flugzeugs die Titan-Umrahmungen der einzelnen Türen und Luken sehen. Auch werden die Böden der Frachträume, die Ummantelungen der Turbinen sowie Teile der Flügel und der Räder aus Titan hergestellt.

Russland verfügt hinter China über die zweitgrößten Titanvorkommen der Welt. Der größte russische Hersteller von Titanlegierungen und -erzeugnissen ist das Unternehmen WSMPO-AWISMA. Dieses ist gleichzeitig auch der Hauptlieferant von Boeing und Airbus: Airbus deckt 60 Prozent seines Bedarfs durch die russische Produktion, Boeing immerhin 40 Prozent. Ein weiterer wichtiger Kunde von WSMPO-AWISMA ist der kanadische Flugzeughersteller Bombardier Aerospace.

Über Gewinne und Lieferumfänge der laufenden Verträge spricht das Unternehmen allerdings nicht. Doch nachdem WSMPO-AWISMA 2009 einen Vertrag mit Airbus über umgerechnet etwa drei Milliarden Euro unterzeichnet hat, ist der Umsatz in der Titanproduktion um das Doppelte angestiegen: Von etwa 439 Millionen Euro auf etwa 880 Millionen.

 

Pressen aus Russland weltweit beliebt


Die russischen Stanzmaschinen kommen in 54 Ländern zum Einsatz. Foto: AP

Ein weiteres russisches Produkt wird unter anderem beim Bau von französischen und japanischen Autos verwendet. Um die Türen, Dächer, Stoßstangen und Kofferräume in die richtige Form zu bringen, werden große mechanische Pressen benötigt, die das russische Unternehmen Tjaschmechpress herstellt. Die russischen Stanzmaschinen kommen mittlerweile in insgesamt 54 Ländern zum Einsatz. Bei Renault und Peugeot in Frankreich, Toyota und Mitsubishi in Japan, Samsung Motors in Südkorea oder bei Tata Motors in Indien. „Mit unseren Geräten ist unter anderem die größte europäische Autofabrik ‚Forges de courselles' in Frankreich ausgestattet", unterstreicht ein Vertreter von Tjaschmechpress. Insgesamt gibt es weltweit 20 Arten von Stanzmaschinen. Allein zehn von ihnen wurden von Tjaschmechpress entwickelt. Der Umsatz der Gesellschaft belief sich 2013 auf umgerechnet etwa 2,2 Millionen Euro. Wieviel von der Produktion ins Ausland exportiert wird, ist nicht bekannt.

 

Russische Teleskoplinsen erobern die Observatorien


Die Hauptspiegel des Greenwich-Teleskops wurden in Russland gefertigt. Foto: Ramil Sitdilow/RIA Novosti

Wenn Sie die Sterne durch ein Teleskop des Königlichen Observatorium von Greenwich in London betrachten, denken Sie immer daran: Ohne russische Ingenieure würden sie mit Mühe nur die Milchstraße erkennen.

Die Hauptspiegel des Teleskops haben einen Durchmesser von zwei Metern und wurden in der Optical Glass Factory im russischen Lytkarino gefertigt. Dort hat man auch ein Set von astronomischen Spiegeln für die chinesische Forschungsakademie für Weltraumtechnik angefertigt. Weitere Kunden sind das Heidelberger Max-Planck-Institut oder die Observatorien in Neapel und Athen. Wie eine Quelle in der Optical Glass Factory bekannt gab, produziert das Unternehmen etwa ein Drittel des weltweiten Bedarfs im Bereich Teleskoplinsen.

Der Clou dabei ist: Für die Herstellung von Gläsern mit großem Durchmesser benötigt man ein thermisch hochbeständiges, durchsichtiges und sehr leichtes Material, genannt Pyroceram. Dieses beschleunigt den Herstellungsprozess von Spiegeln enorm. Die Technologie der Herstellung von Pyroceram beherrschen weltweit jedoch nur zwei Unternehmen, eines davon ist die Optical Glass Factory in Lytkarino. Außer Teleskoplinsen stellt das Unternehmen auch Militärtechnik her, zum Beispiel Nachtsichtgeräte oder Panzerausrüstung. Diese Produkte sind im Ausland sehr gefragt.

 

Folgen westlicher Sanktionen

Sergej Chestanov, Geschäftsführer des russischen Finanzdienstleisters Alop, behauptet, dass sich die neuen Sanktionen der westlichen Staaten

gegen Russland momentan noch überhaupt nicht auf die aufgezählten russischen Exportgüter auswirken würden. Wenn die Europäische Union allerdings den Import von russischen Waren beschränkt, wird insbesondere der russische Hersteller „Schwabe", zu dessen Konsortium auch die Optical Glass Factory in Lytkarino zählt, vor größere Probleme gestellt. Möglichweise würde der Hersteller sogar seine Vormachtstellung auf dem europäischen Markt verlieren. Diese kann momentan aufgrund der niedrigen Herstellungskosten noch aufrechterhalten werden. „Sollten die russischen Hersteller jedoch, wenn auch nur zeitweise, den europäischen Markt verlassen, werden sie aller Wahrscheinlichkeit nach von ihren europäischen Konkurrenten abgelöst", fasst Chestanov zusammen.

Im Jahr 2013 exportierte die Russische Föderation Waren in Wert von 393 Milliarden Euro. Davon entfielen 277 Milliarden auf fossile Energieträger. Die restlichen 116 Milliarden generieren sich hauptsächlich aus dem Export anderer Rohstoffe wie seltene Erden und Metalle.

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