Russische Reiseanbieter sind bankrott: Urlauber gestrandet

Das Tourismusgeschäft hat in Russland eine niedrige Rentabilität, die Marge beträgt durchschnittlich nur 3,5 Prozent. Foto: Alexej Danitschew / RIA Novosti

Das Tourismusgeschäft hat in Russland eine niedrige Rentabilität, die Marge beträgt durchschnittlich nur 3,5 Prozent. Foto: Alexej Danitschew / RIA Novosti

Mehr als 6 000 Russen können nicht aus ihrem Sommerurlaub zurückkehren, weil gleich mehrere Reiseunternehmen bankrottgegangen sind. Als Gründe werden aktuelle wirtschaftspolitische Umstände aber auch Fehlkalkulationen und Marktversagen angeführt. Wie könnte eine Reform des russischen Pauschaltourismus aussehen?

Die russische Tourismusbranche wurde für viele unerwartet von einer Krise heimgesucht. Innerhalb von nur drei Wochen gingen acht Reiseunternehmer in den Bankrott. Ungefähr 100 000 russische Touristen waren von dieser Pleitenwelle betroffen und konnten teilweise bis heute nicht nach Hause zurückkehren oder ihren Urlaub antreten. Den Angaben der staatlichen Tourismusagentur Rosturizm zufolge, befinden sich zurzeit noch ungefähr 6 000 russische Touristen im Ausland. Als Hauptgründe für die Krise nennen Experten wirtschaftlich-politische Gründe sowie die Auswirkungen der westlichen Sanktionen. Der Zusammenbruch auf dem Tourismusmarkt ist vergleichbar mit der Situation im Jahr 2009, das zu einem der negativsten in der Geschichte der russischen Tourismusindustrie zählt.

 

Der psychologische Effekt der Sanktionen

Die Welle der Bankrotte brach Mitte Juli los, als einer der größten und ältesten Reiseveranstalter Russlands – das Unternehmen Newa – pleiteging. Der Reiseveranstalter hat nach offiziellen Angaben jährlich für über 720 000 Kunden den Urlaub organisiert, zumeist in Form von Charterreisen. Zu dem Moment, als die Pleite des Unternehmens bekanntgegeben wurde, befanden sich noch etwa 7 000 Newa-Kunden im Ausland. Den Höhepunkt erreichte die Krise schließlich mit dem Konkurs des Reiseveranstalters Labirint, von dem mehr als 60 000 russische Touristen betroffen waren.

Irina Tjurina, Pressesekretärin der Russischen Union der Tourismusindustrie, meint, dass die Hauptursachen für die Pleiteserie in der politisch instabilen Situation zu suchen seien. Diese wurde zudem durch den Anstieg der Wechselkurse verschlimmert. Hinzu kam die Problematik rund um die westlichen Sanktionen. Viele Russen haben beispielsweise geglaubt, dass Europa die Ausstellung von Reisevisa einschränken würde.

Die Zahl der Russen in europäischen und asiatischen Urlaubsorten ist um ein Vielfaches zurückgegangen. Laut Irina Schtschegolkowa von Rosturizm um 20 bis 25 Prozent. Zusätzlich fürchten sich die russischen Urlauber davor, im Ausland ohne Geld sitzen zu bleiben, weil das Guthaben auf den Kreditkarten aufgrund von Sanktionen eingefroren wird, beziehungsweise sie nicht auf das Geld zugreifen können. Auch ist die Angst groß, nicht in die Heimat zurückkehren zu können, weil der Reiseveranstalter bankrottgegangen ist. „All das sind sehr besorgniserregende Signale, die zeigen, dass die russische Tourismusindustrie große Probleme hat“, fasst Irina Schtschegolkowa zusammen.

 

Business nach dem Pyramidenschema

Das Hauptproblem ist jedoch hausgemacht – es ist das Geschäftsmodell. Das Tourismusgeschäft hat in Russland eine niedrige Rentabilität, die Marge beträgt durchschnittlich nur 3,5 Prozent. „Das ist ein fließendes Geschäft, und wie jedes Geschäft dieser Art, verlangt dieses langwierige Planung und Risikomanagement“, sagt der Direktor des Reiseveranstalters Multitur Aleksej Wysokanow. In der Realität kaufen viele Firmen blockweise Tickets bei Airlines ein und reservieren eine feste Anzahl an Hotelbetten. Dabei überschätzen sie oft die Menge der tatsächlichen Touristen. Deshalb gibt es auch auf dem Markt eine riesige Anzahl an Reisen, die der Firma keinen Profit bringen. Wenn der Anteil der Überkapazitäten im Rahmen von 15 bis 20 Prozent bleibt, dann kann die Firma sich über Wasser halten. Doch dieses Jahr, sagen Experten, betrage der Anteil an nicht abgesetzten Reisen 50 Prozent.

Einige Experten nennen einen weiteren Grund für die Krise: Viele Touristen hätten gelernt die Hotelzimmer eigenständig zu buchen, die benötigten Visa selbständig zu beantragen und die Tickets allein zu kaufen. Der Anteil dieser selbstständigen Touristen beläuft sich bereits auf ein Drittel der Reisenden. Allerdings denken nicht alle Teilnehmer des Marktes, dass dies eine Gefahr ist. „Diese Touristen stellen nur einen Tropfen im Meer dar. Zudem ist es günstiger eine Reise bei einem Reiseveranstalter zu buchen, anstatt sie selbst zu organisieren“, behauptet Aleksej Wysokanow. Durchschnittlich kostet ein Strandurlaub, der über einen Reiseveranstalter gebucht wurde 30 Prozent weniger als eine selbstständig organisierte Reise, weil die Flugtickets für Charterreisen billiger sind.

Doch es gibt noch eine weitere, inoffizielle Version der Geschehnisse: Es wird behauptet, dass die Bankrotte inszeniert wurden. Die Veranstalter hätten die Pleiten angeblich als Vorwand genutzt um aus einem Geschäft auszutreten zu können, dass kein Profit mehr bringt. Ein staatliches Untersuchungskomitee hat deshalb bereits fünf Strafverfahren gegen Reiseveranstalter eröffnet, darunter die Firmen „Newa“ und „Labirint“.

 

Höhere Einstiegshürden

Aufgrund der Ereignisse taucht vielfach die Frage nach einer Reformierung der Branche auf. Zur Lösung dieses Problems wurde von der Regierung bereits eine Arbeitsgruppe zusammengestellt. Die Bundesagentur für Tourismus der Russischen Föderation schlägt vor, die Anzahl der Spieler auf dem Markt zu verringern. Weitere Vorschläge sind eine Erhöhung der Einstiegshürden für neue Firmen oder die Einführung mehrerer Typen von Lizenzen. Zurzeit ist nur eine Lizenz für die Aufnahme touristischer Tätigkeiten notwendig.

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