Steht Russlands Geldpolitik vor einem Paradigmenwechsel?

Der Preis der wichtigsten russischen Erdölmarke Urals fiel am 18. August auf 98 US-Dollar pro Barrel und damit auf den tiefsten Wert seit Mai 2013. Foto: Reuters

Der Preis der wichtigsten russischen Erdölmarke Urals fiel am 18. August auf 98 US-Dollar pro Barrel und damit auf den tiefsten Wert seit Mai 2013. Foto: Reuters

Der Preis für Erdöl sinkt, auch für die russische Marke Urals. Dadurch könnte auch der Rubel in weitere Turbulenzen kommen. Um negative Auswirkungen auf den Staatshaushalt zu vermeiden, plant die Russische Zentralbank auf Stützmaßnahmen ab 2015 zu verzichten.

Der Preis der wichtigsten russischen Erdölmarke Urals fiel am 18. August auf 98 US-Dollar pro Barrel und damit auf den tiefsten Wert seit Mai 2013, teilt die Nachrichtenagentur Reuters mit. Noch im Juli betrug der Durchschnittspreis 105 US-Dollar pro Barrel. Damit hat Urals innerhalb der vergangenen zwölf Monate 11,3 Prozent des Wertes eingebüßt, davon 8,2 Prozent seit Jahresbeginn 2014. Nach Angaben von Experten sind 100 US-Dollar pro Barrel eine psychologisch wichtige Marke für den russischen Markt. Erinnerungen an das Krisenjahr 2008 werden wach. Damals brach der Preis für russisches Erdöl innerhalb von sechs Monaten von 147 auf 40 US-Dollar pro Barrel ein.

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters habe der Preisverfall mehrere Ursachen: Befürchtungen, dass es aufgrund der politischen Lage im Irak zu Lieferschwierigkeiten kommen würde, hätten sich nicht bestätigt. Zudem habe Libyen das Fördervolumen um ein Viertel gesteigert. Saisonbedingt ist die Nachfrage nach Erdöl in Europa und Asien zurückgegangen.

Allzu negative Folgen für die russische Wirtschaft werden wohl ausbleiben. Der aktuelle russische Staatshaushalt wurde zwar auf Basis eines Urals-

Preises von 114 US-Dollar pro Barrel kalkuliert. „Bei einem Erdölpreis im Bereich von 110 US-Dollar pro Barrel ist der Staatshaushalt ausgeglichen“, erklärt Ilja Balakirew, Chef-Analyst bei UFS IC. Doch der Preisverfall werde durch höhere russische Erdöllieferungen nach Südostasien kompensiert. Dorthin wird eine andere Sorte verkauft, deren Preis höher als der von Urals ist.

Im Mai 2014 erklärte Alexander Djukow, Generaldirektor der Gazprom-Tochter Gazprom Neft, dass das Unternehmen in seinem Wirtschaftsplan für 2014 mit einem durchschnittlichen Erdölpreis von 111,5 US-Dollar pro Barrel kalkuliert habe, bei seinen langfristigen Projekten jedoch von einem Preis von 95 US-Dollar pro Barrel ausgegangen sei. Somit scheinen die russischen Erdölunternehmen für die Zukunft halbwegs gerüstet zu sein.

Insgesamt nehme nach der Einschätzung von Experten Russlands Abhängigkeit von Erdölexporten ab. 2013 hätten die Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasverkauf noch 52 Prozent der Gesamteinnahmen ausgemacht, in 2014 werden es nur noch 45 bis 46 Prozent sein.

 

Bei der Rubelabwertung ist Augenmaß gefragt

Nach Angaben der Nachrichtenagentur Reuters seien weitere Gründe für den Rückgang des Erdölpreises in der Welt die geringe Nachfrage einer insgesamt schwächelnden Weltwirtschaft und die zunehmenden eigenen Erdölressourcen der USA. Zudem drängt der Iran nach dem möglichen Ende bestehender Sanktionen auf den Markt. Im Juni 2014 trat der iranische Präsident Hasan Rohani im staatlichen Fernsehen auf und

kündigte an, dass sämtliche Sanktionen in Kürze zurückgenommen werden würden. Es läge jedoch nicht im Interesse des Irans, den Erdöl-Weltmarkt kurzfristig mit größeren Erdöllieferungen zu belasten, sondern das Volumen nur allmählich zu steigern, um den Preis nicht unter Druck zu setzen, glaubt Dmitrij Baranow von Finam Investment. Die Entwicklung des Erdölpreises schätzt er optimistisch ein, die Aktivität auf dem Markt nehme wieder zu: „In verschiedenen Ländern beginnt die Vorbereitung auf die Herbst- und Wintersaison und der Erdölpreis wird wahrscheinlich wieder anziehen“, so Baranow.

Solange aber der Erdölpreis noch falle, sollte sich das russische Finanzministerium jedoch nach Möglichkeiten umsehen, den Staatshaushalt zu konsolidieren, findet Ilja Balakirew. Das sei durch eine Abwertung des Rubels möglich. Dabei gibt er zu bedenken: „Eine zu starke Abwertung könnte Unmut in der Bevölkerung hervorrufen, da dadurch die Reallöhne deutlich sinken.“

Der russische Staatshaushalt wird in Rubeln aufgestellt, der Großteil der Einnahmen, der aus dem Verkauf von Rohstoffen stammt, wird jedoch in US-Dollar ausgewiesen. Vor diesem Hintergrund versprach am 18. August die Russische Zentralbank, ab Januar 2015 vollständig auf eine Stützung des russischen Rubels zu verzichten, dadurch kann der Rubelkurs besser an den Markt angepasst werden.

Entsprechend dem in Russland bisher üblichen Modell hat die Zentralbank bisher aktiv an der Korrektur des Währungskurses mitgewirkt, indem sie bei

Verschärfung der politischen Situation und der damit verbundenen Angriffe auf den Rubel Devisen verkaufte. So geschah es auch im März 2014, als die Halbinsel Krim an Russland angegliedert wurde. Die Zentralbank verkaufte damals 22,3 Milliarden US-Dollar, um den Rubelkurs zu stützen. Im April wurde mit lediglich 2,4 Milliarden US-Dollar gegengesteuert und im Mai kaufte die Zentralbank bereits mehr Fremdwährungen auf, als sie verkaufte (1,4 Milliarden gegenüber 365 Millionen US-Dollar). Nichtsdestotrotz sank der Rubelkurs weiter, wenn auch nicht mehr so schnell, wie dies ohne die Stützung der Fall gewesen wäre. Nach Einschätzung Baranows verlor der Rubel gegenüber dem US-Dollar seit Jahresbeginn 2013 mehr als 20 Prozent seines Wertes. Somit könnte ein freigegebener Rubel noch weiter nachlassen.

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