Milliardendeal: Russische Investoren stehen vor Übernahme von RWE-Tochter

Führende deutsche Politiker sprachen sich gegen den Verkauf der RWE-Tochter aus. Foto: ShutterStock/Legion-Media

Führende deutsche Politiker sprachen sich gegen den Verkauf der RWE-Tochter aus. Foto: ShutterStock/Legion-Media

Nachdem bereits im Juli die EU-Kommission dem Verkauf des Öl- und Gasförderunternehmens RWE-Dea an russische Investoren zugestimmt hat, machte nun auch die Bundesregierung den Weg frei für den milliardenschweren Deal. Das Geschäft war wegen der Ukraine-Krise unter deutschen Politikern umstritten.

Die Regierung der Bundesrepublik Deutschland genehmigte dem deutschen Energieversorgungskonzern RWE den Verkauf des Tochterunternehmens RWE Dea, teilte die russische Wirtschaftszeitung „Wedemosti“ unter Verweis auf eine Quelle im Bundesministerium für Wirtschaft und Energie mit. Als Käufer tritt die Investmentgesellschaft LetterOne auf, die im Juni 2013 in Luxemburg von Aktionären einer der größten Investmentholdings in Russland, der Alfa Group, gegründet wurde. Dahinter stecken die Unternehmer Michail Fridman, German Chan und Alexej Kusmitschew, die das Unternehmen gegründet hatten, nachdem das russische Erdöl-Unternehmen TNK-BP für 10,5 Milliarden Euro an Rosneft ging. RWE Dea ist das erste Unternehmen aus dem Bereich der Petrochemie im Portfolio der Investmentgesellschaft.

 

Vielversprechende Investition 

„Dea betreibt vor allem die Erkundung und Erschließung von Erdöllagerstätten und verfügt über Konzessionen in 14 verschiedenen Ländern, sowohl in Europa als auch auf anderen Kontinenten“, berichtet Ilja Balakirjew, Chef-Analyst von UFS IC. Er hält die Investition für vielversprechend. In den nächsten Jahren sei durch die Erschließung von

Lagerstätten in Ägypten und in der Nordsee vor der Küste Großbritanniens mit einem deutlichen Anstieg der Fördermenge zu rechnen. „Da die Europäische Union nach Lösungen zur Selbstversorgung mit fossilen Rohstoffen und nach alternativen Lieferanten sucht, wobei sie europäische Unternehmen bevorzugt, wird diese Nische recht attraktiv für russisches Kapital werden“, ist der Experte überzeugt. Der Anteil von RWE Dea an der Gesamtversorgung Deutschlands ist zugegebenermaßen sehr gering: Er beträgt beim Erdöl etwa ein Prozent, beim Erdgas ungefähr zwei Prozent und bei der Gasspeicherung etwa 1,8 Prozent. RWE Dea realisiert Projekte in Großbritannien, Norwegen, Ägypten, Dänemark, Algerien und Libyen.

Der Kaufpreis beträgt 5,1 Milliarden Euro (6,9 Milliarden US-Dollar) einschließlich von Verbindlichkeiten in Höhe von  600 Millionen Euro. Dies ist die bisher größte Investition russischer Investoren in ein ausländisches Projekt. Im Jahr 2011 erwarb die russische Telekommunikations-Holding VimpelCom Aktiva des ägyptischen Magnaten Naguib Sawiris für 4,9 Milliarden Euro (6,5 Milliarden US-Dollar). Und 2007 erwarb die weltweit größte Nickel-Produktionsgesellschaft, die russische Norilsk Nickel, das kanadische Unternehme LionOre für 4,5 Milliarden Euro (5,9 Milliarden US-Dollar).

 

Deutsche Politiker waren gegen den Verkauf

Gegen den Verkauf der RWE-Tochter sprachen sich führende deutsche Politiker aus. So erklärte zum Beispiel Norbert Röttgen, Vorsitzender des Auswärtigen Ausschusses des Bundestages, in einem Interview gegenüber der Zeitung „Die Welt“, dass der Deal „sich nicht in die aktuelle Situation einfügt“ und diejenigen, die bewusst ihre Abhängigkeit von russischen Rohstofflieferungen vergrößerten, „die Ernsthaftigkeit der politischen Lage nicht verstehen“. RWE-Generaldirektor Peter Terium war sich dieses Vorwurfs bewusst, wie er in einem Interview mit dem Fernsehsender Bloomberg-TV im Mai 2014 betonte: „Wenn Sie in Europa leben, besonders in Deutschland, das in vielen Bereichen mit Russland zusammenarbeitet, müssen Sie sehr vorsichtig handeln. Sie müssen ihre Aktivitäten sehr sorgfältig planen, um die Situation nicht anzuheizen.“

Experten erinnern daran, dass weder die Eigentümer der Alfa Group selbst noch die in ihrem Besitz befindlichen Unternehmen von den Sanktionen der USA und der Europäischen Union betroffen seien. Dmitrij Baranow, Senior-Experte bei Finam Management, geht davon aus, dass der Verkauf streng nach allen Normen und Vorschriften der Europäischen Union abgewickelt worden sei. Überraschungen, die den Verkauf doch noch stoppen könnten, seien daher nicht mehr zu erwarten. Ohnehin werde das Geschäft von den europäischen Regulierungsbehörden aufmerksam beobachtet, da es den sensiblen Gasmarkt betreffe.

Russische Investoren werden sich wohl auch weiter auf dem internationalen Energiemarkt umsehen. „Wenn sich dieses Geschäft erfolgreich entwickelt, werden russische Investoren den Erwerb weiterer Aktiva im europäischen Gas-Sektor in Europa in Erwägung ziehen“, glaubt der Experte. Balakirjew weist darauf hin, dass es in Russland selbst faktische keine größeren Erdöl-Aktiva mehr gebe, die so ohne weiteres erworben werden könnten. Deshalb hätten sich die Investoren um Michail Fridman im Ausland umgesehen.

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