Trilaterale Gespräche: In den Gasstreit kommt Bewegung

Vor Beginn der Kälteperiode müsse die Ukraine etwa zehn Milliarden Kubikmeter Gas in die unterirdischen Speicher pumpen. Grigorij Birg von Investcafé schätzt, dass sich Ende Juli nur noch 14 Milliarden Kubikmeter in den Gasspeichern befanden. Foto: Reuters

Vor Beginn der Kälteperiode müsse die Ukraine etwa zehn Milliarden Kubikmeter Gas in die unterirdischen Speicher pumpen. Grigorij Birg von Investcafé schätzt, dass sich Ende Juli nur noch 14 Milliarden Kubikmeter in den Gasspeichern befanden. Foto: Reuters

„Warm anziehen“ sollten sich die Ukrainer, um unabhängiger von russischen Gaslieferungen zu werden. Angesichts des bevorstehenden Winters und leerer Gasspeicher wird das kaum ausreichen. Vertreter von Gazprom, Naftogaz und der Europäischen Union trafen sich in Moskau, um eine Einigung im Gasstreit voranzutreiben.

Ende August trafen sich in Moskau Vertreter von Gazprom und des staatlichen ukrainischen Energiekonzerns Naftogas gemeinsam mit Vertretern der Europäischen Union zu einer neuen Verhandlungsrunde im Gasstreit zwischen Russland und der Ukraine. Gas für die Ukraine liefert Gazprom seit Mitte August nur noch gegen Vorkasse. Da Naftogas auf diese Bedingung nicht eingehen wollte, stellte Gazprom die Lieferungen ein. Naftogas hat hohe Schulden beim russischen Gasriesen: Über vier Milliarden

Euro sollen es sein. Alexej Miller, Vorsitzender von Gazprom, erklärte nach den Gesprächen, dass die Ukraine erst wieder mit Gas beliefert werde, wenn Schulden in Höhe von 1,1 Milliarden Euro für November und Dezember 2013 beglichen würden und anschließend ein Ratenzahlungsplan für unbezahlte Lieferungen für den April, Mai und Juni 2014 vorgelegt werde. Die EU wolle die Ukraine dabei unterstützen. EU-Energiekommissar Günther Oettinger habe die Hoffnung geäußert, dass Naftogas mit der Rückzahlung der Schulden in den nächsten Monaten beginne, meldete die russische Nachrichtenagentur Itar-Tass. Dass es Schulden gebe, nannte Oettinger „unbestritten“. Bisher hatte die EU sich in der Auseinandersetzung zurückgehalten.

Ilja Balakirew, Chef-Analyst bei UFC, hält es für nachvollziehbar, dass Europa nun auf eine Lösung des Gasstreits drängt, denn die kalte Jahreszeit stehe vor der Tür und in Europa beginne die Heizperiode. Gazprom hingegen hätte keine Eile. Im Gegenteil, mit jedem Tag Zahlungsausfall stiegen die Schulden der Ukraine. Die EU sei gewissermaßen „die Geisel im Gas-Streit“, so Balakirew.

 

Die Ukraine braucht im Winter russisches Gas

Iwan Kapitonow, Vize-Fakultätsleiter für staatliche Regelung der Wirtschaft an der russischen Akademie der Wissenschaften, ist der Ansicht, dass auch die Ukraine bald einlenken werde. Bisher hätte Kiew eine recht selbstsichere Position eingenommen und stets behauptet, auch gänzlich ohne russische Gaslieferungen auszukommen. Im August startete die ukrainische Regierung daher eine Informationskampagne zur Energieunabhängigkeit. Die Ukrainer wurden über Energiesparmöglichkeiten informiert und aufgefordert, erneuerbare Energiequellen zu nutzen. Die Bevölkerung sollte den Heißwasserverbrauch einschränken und sich „warm anziehen“, lautete die Empfehlung. Dennoch verkündete der ukrainische Premierminister Arsenij Jazenjuk, dass die Ukraine mindestens fünf Milliarden Kubikmeter Gas bei Gazprom einkaufen müsse. Dafür seien 2,4 Milliarden Euro auf den Konten der ukrainischen Nationalbank reserviert.

Bisher hatte die Ukraine den von Gazprom vorgeschlagenen Preis und die Berechnungsgrundlagen wiederholt abgelehnt. Der ukrainische Energieminister Jurij Prodan nannte die Preisvorstellung von 385 US-Dollar pro 1 000 Kubikmeter „diskriminierend“. Ohne einen Rabatt durch den

Wegfall von Zöllen läge der Preis gar bei 485 US-Dollar, empörte sich das ukrainische Energieministerium auf seiner Internetseite. Da die Zeit nun dränge, werde der Ukraine nach Ansicht Kapitonows aber wohl keine Wahl bleiben, als den Preis von Gazprom zu akzeptieren und die offenen Rechnungen zu begleichen. Dieser Ansicht ist auch Dmitrij Baranow, führender Experte bei Finam Management. Es sei ein gutes Zeichen, dass alle Parteien verhandlungsbereit seien und die Notwendigkeit einer Einigung eingesehen hätten, findet Baranow.

Vor Beginn der Kälteperiode müsse die Ukraine etwa zehn Milliarden Kubikmeter Gas in die unterirdischen Speicher pumpen. Grigorij Birg von Investcafé schätzt, dass sich Ende Juli nur noch 14 Milliarden Kubikmeter in den Gasspeichern befanden. Über 18 Milliarden Kubikmeter würden aber alleine in der Heizsaison benötigt. Zudem ist die Ukraine Transitland für 50 Prozent der russischen Gaslieferungen an Europa, wie Birg bemerkt. Bisher verlief der Transit ohne Probleme.

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