Sanktionen: Russlands Industrie im Aufschwung

Die Sanktionen gegen Russland haben ein Plus in der Produktion erwirkt. Foto: RIA Novosti

Die Sanktionen gegen Russland haben ein Plus in der Produktion erwirkt. Foto: RIA Novosti

Die russische Wirtschaft stagniert. Doch die Industrie trotzt dieser Entwicklung und verzeichnet ein Wachstum. Sie profitiert vom Embargo und dem staatlichen Importersatzprogramm. Experten zufolge könnte sich der positive Trend bis 2015 fortsetzen.

Obwohl das russische Bruttoinlandsprodukt stagniert, verzeichnet die russische Industrie ein unerwartetes Wachstum. Nach einer Analyse der international agierenden Großbank HSBC und des russischen Gaidar-Instituts für Wirtschaftspolitik schreibt die russische Industrie bereits den dritten Monat in Folge schwarze Zahlen. „Die Entwicklungen im Industriesektor sind trotz der gesamtwirtschaftlichen Situation und der Expertenprognosen durchaus natürlich für die momentane Nachfrage, sodass diese positive Produktionsdynamik auch weiterhin bestehen wird", heißt es am Gaidar-Institut.

 

Produktionszuwachs in Maschinenbau und Landwirtschaft

Laut Experten verzeichneten in diesem Jahr in erster Linie Maschinenbaubetriebe und Hüttenwerke einen Zuwachs in ihrer Produktion, da diese aufgrund des Einfuhrverbots von Gütern aus der Ukraine einen zusätzlichen Absatzmarkt hinzugewinnen konnten. Im August 2014 konnten sich weitere Wirtschaftszweige, die sich auf den Binnenmarkt konzentrieren, diesem Trend anschließen. Zu diesen gehört beispielsweise die Lebensmittelindustrie, die vom Importersatz in russischen Lebensmittelgeschäften profitiert. Den Ergebnissen der Analyse zufolge ist das Industriewachstum jedoch noch nicht auf das Embargo gegen bestimmte Produkte aus der EU und weiteren westlichen Ländern zurückzuführen, das erst seit August gilt, sondern eine Folge der leichten Abwertung des Rubels im Februar und März dieses Jahres.

Alexej Koslow, Chefanalyst bei UFS IC, stimmt den Ergebnissen zu und erklärt, dass das russische Industriewachstum auf verschiedene Gründe zurückzuführen sei: „Erstens steigt die Nachfrage im Hüttenwesen aufgrund des Importstopps aus der Ukraine", erklärt der Chefanalyst und fügt hinzu, die starke Nachfrage nach Metall und anderen metallurgischen Erzeugnissen sei auch mit der Umsetzung von großen Pipelineprojekten, darunter das Projekt South Stream nach Europa und die Pipeline Sila Sibiri nach China, verbunden. „Zweitens sind die staatlichen Aufträge an die Militärindustrie gestiegen", so der Experte. Als dritten Grund nennt Koslow den Produktionsanstieg in der Lebensmittelindustrie und der Landwirtschaft, da der nach dem Importverbot von europäischen und US-amerikanischen Lebensmitteln entstandene Bedarf durch inländische Produktion gedeckt werden müsse.

Dmitrij Bedenkow, Chef des Analysedepartements der Investitionsgesellschaft Russ-Invest, hält fest, dass das Wachstum im Industriebereich nur dank der Fertigungsindustrie zustande gekommen sei. „Das Wachstum dieses Industriezweigs betrug in den ersten sieben Monaten dieses Jahres 2,6 Prozent, wohingegen der Bereich der Rohstoffförderung nur ein leichtes Plus von 0,8 Prozent verzeichnete", so der Experte. Anton Soroko, Analyst bei der Investitionsholding Finam, ist zudem der Meinung, dass die Entwertung des Rubels Anfang des Jahres und ein Anstieg der Nachfrage in China den größten Beitrag zu den positiven Entwicklungen im Fertigungssektor geleistet haben. „In der Lebensmittelindustrie verzeichnet man derzeit Rekordgewinne aufgrund der massiven Beschränkung von Importwaren", so Soroko.

 

Nachhaltiges Wachstum?

„Insgesamt betrug der Industrie-Produktionsindex für den Zeitraum Januar bis Juli 2014 101,5 Prozent im Vergleich zum selben Zeitraum des Vorjahres", erklärt Olga Isrjadnowa, wissenschaftliche Mitarbeiterin am Zentrum für makroökonomische Studien der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst. In dieser Zeit habe vor allem die

Fertigungsindustrie Zugewinne verzeichnen können, so sei die Produktion von Konsumgütern in diesem Zeitraum um 3,3 Prozent, die von Passagierwaggons um 5,7 Prozent und die Herstellung von Güterwaggons um 12,7 Prozent gestiegen. Die Textil- und Bekleidungsbranche verzeichnete ein Plus von sechs Prozent, die Herstellung von Elektrobauteilen für den Mobilfunk nahm um 17,6 Prozent zu.

Doch bei Weitem nicht alle Bereiche der russischen Wirtschaft können sich über ein Wachstum freuen. „Zu den schwächelnden Sektoren, die verhinderten, dass das Bruttoinlandsprodukt im zweiten Quartal 2014 einen Zuwachs verzeichnet, zählen der Dienstleistungsbereich sowie der Finanzsektor. Der massenweise Entzug von Banklizenzen, die Instabilität des Rubels sowie die Verschärfung der geopolitischen Lage haben den Finanzsektor stark in Mitleidenschaft gezogen", erklärt Alexej Koslow. Olga Isrjadnowa meint zudem, dass der Rückgang im weltweiten Verbrauch von russischen Energieträgern ebenso negative Auswirkungen auf das Wirtschaftswachstum hätte. „Die negativen Auswirkungen dieser gesamtwirtschaftlichen Dynamik führen zu einem Exportrückgang bei traditionellen Rohstoffen und deren Nebenprodukten

sowie zu einem Rückgang im Bau- und Investitionsbereich", sagt die Expertin. Zudem hätten Automobilhersteller einen Rückgang von 0,7 Prozent und LKW-Produzenten einen Einbruch von 21,1 Prozent von Januar bis Juli 2014 verzeichnet.

Die Experten merken zudem an, dass, sollte das Industriewachstum weiter anhalten, dieser Wirtschaftssektor sogar die Jahresprognosen des Wirtschaftsministeriums von 1,7 Prozent übersteigen werde. Laut der Studie des Gaidar-Instituts könnte das Wachstum bei günstigen Bedingungen sogar bis ins erste oder zweite Quartal 2015 anhalten, denn dann könnten sich auch in der Lebensmittelindustrie die positiven Folgen des Importersatzprogramms zeigen. Auf diese Weise würde es der russischen Wirtschaft gelingen, der Stagnation zu entkommen. Eine Konfrontation mit westlichen Staaten könnte sich in jedem Fall allerdings kurzfristig negativ auf das russische Wirtschaftswachstum auswirken, sagt Anton Soroko.

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