Gazprom baut Präsenz in Südamerika aus

Nächstes Jahr plant Gazprom International außerdem die Realisierung eines Gasförderprogramms in Bolivien, mit der Förderung solle dort bereits 2016 begonnen werden. Foto: AP

Nächstes Jahr plant Gazprom International außerdem die Realisierung eines Gasförderprogramms in Bolivien, mit der Förderung solle dort bereits 2016 begonnen werden. Foto: AP

Gazprom orientiert sich nach Südamerika. In Brasilien will das Unternehmen Erdöl-Lagerstätten kaufen. In Bolivien soll bereits 2016 mit der Gasförderung begonnen werden. Gazprom könnte so zukünftig am lateinamerikanischen Wirtschaftswachstum mitverdienen.

Wie die Nachrichtenagentur Reuters meldet, hat Gazprom International, eine Tochtergesellschaft des russischen Gasgiganten Gazprom, beschlossen, ihre Präsenz in Lateinamerika weiter auszubauen. Schakarbek Osmonow, Direktor der Gazprom-Niederlassung in Brasilien, teilte Reuters zufolge mit, Gazprom International führe Verhandlungen über den Ankauf von Erdöllagerstätten auf dem brasilianischen Schelf. Um welche Lagerstätten es sich dabei genau handle, sei noch nicht bekannt. Zudem plane Gazprom International im nächsten Jahr die Realisierung eines Gasförderprogramms in Bolivien, mit der Förderung solle dort bereits 2016 begonnen werden.

 

Gazprom auf der Suche nach neuen Märkten

„Lateinamerika ist reich an Kohlenwasserstoffvorkommen, an denen Gazprom großes Interesse zeigt. Mit der Gasförderung wird sich die Tochtergesellschaft Gazprom International, die für internationale Projekte zuständig ist, befassen“, erklärt Iwan Kapitonow, Dozent am Lehrstuhl für

staatliche Wirtschaftsregulierung an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Verwaltungsdienst beim Präsidenten der Russischen Föderation. Seiner Ansicht nach werde „Gazprom durch dieses Vorhaben in der Lage sein, seine eigene Rohstoffbasis zu diversifizieren und zudem noch seine Präsenz in einer überaus attraktiven Region auszubauen, in der eine große Nachfrage herrscht“. Darüber hinaus meint der Experte: „Dadurch, dass dieses Projekt gemeinsam mit europäischen Partnern realisiert wird, ist es durchaus möglich, dass das Unternehmen Gazprom nicht nur durch seine Tätigkeit in dieser Region am Gewinn beteiligt wird, sondern auch Zugang zu neuen Technologien erhält, die gerade in Zeiten von bestehenden Sanktionen dringend benötigt werden.“

In Bolivien ist die Zusammenarbeit mit dem französischen Unternehmen Total geplant.   Grigorij Birg, Analyst bei Investcafé, erklärt, dass Gazprom, Total und das staatliche bolivianische Erdgas- und Erdölunternehmen YPFB bereits 2008 einen entsprechenden Vertrag zur Prospektion und Förderung von Kohlenwasserstoffen für den bolivianischen Erdöl- und Gasblock Asero unterschrieben haben. Die Gasvorkommen des Blocks werden auf etwa 51 Milliarden Kubikmeter geschätzt. Die Investitionen, die für die zukünftige Förderung und Aufbereitung getätigt wurden, belaufen sich auf etwa 722 Millionen Euro. Neben der genannten Förderstätte sollen sich zudem noch zwei weitere Blocks befinden, deren Potenzial bei der Prospektion auf etwa 176 Milliarden Kubikmeter Gas und 15 Millionen Tonnen Kondensat geschätzt wurde. Allerdings ist Gazprom bei diesem internationalen Projekt mit einem Anteil von 20 Prozent nur Minderheitsaktionär. 20 Prozent hält auch die argentinisch-italienische Firma Tecpetrol. Bei Total verbleiben 60 Prozent.

 

Neuorientierung ist eine Chance für Russland

„Angesichts der weltweit immer knapper werdenden Kohlenwasserstoffvorkommen ist praktisch jedes Unternehmen bemüht, seinen Anteil daran durch verschiedene Methoden zu erweitern, um auch in

Zukunft wettbewerbsfähig zu sein“, kommentiert Dmitrij Baranow, Wirtschaftsexperte bei Finam Management. Die Länder Lateinamerikas hätten zukünftig einen wachsenden Energiebedarf, da sie ihre industrielle Entwicklung stark vorantrieben, sagt Baranow. Hier gebe es eine Chance für Russland und russische Unternehmen. „Die Zusammenarbeit mit lateinamerikanischen Ländern wird die politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Russland vertiefen und das Vertrauen in das Land bestärken“, glaubt Baranow. Zudem könnten die russischen Unternehmen das dort erlangte Know-how auch in anderen Regionen der Welt einsetzen.

Für Gazprom sei Lateinamerika eine wertvolle Region für die Zukunft des Unternehmens, verlautet es aus der Pressestelle von Gazprom. Davon zeugt auch das im Februar 2007 unterzeichnete Abkommen zwischen Gazprom und dem brasilianischen Mineralölunternehmen Petrobras über eine Kooperation in den Bereichen Erkundung, Förderung, Transport sowie Vertrieb von Kohlenwasserstoffen. Dabei ging es hauptsächlich um Offshore-Lagerstätten in einem für Gazprom besonders wertvollen Bereich: der Produktion von flüssigem Erdgas. Ähnliche Projekte realisiert Gazprom derzeit in Venezuela: Im September 2008 unterschrieben der russische

Erdgasgigant und der venezolanische Erdölkonzern Petróleos de Venezuela S.A. ein Memorandum zum Projekt Blankilla Este y Tortuga, das die Erschließung und Förderung von Erdgas auf dem Schelf von Venezuela, dessen Lieferung auf den Binnenmarkt, aber auch die Produktion von flüssigem Erdgas sowie dessen Export vorsieht.

Experten sind der Meinung, dass angesichts der seitens der USA und der EU gegen Russland verhängten Sanktionen die Zusammenarbeit von Gazprom mit Brasilien eine neue Bedeutung erlange. „Vor der Einführung von Sanktionen, die auch den Export von einigen Ausrüstungsbestandteilen zur Erdöl- und Erdgasförderung nach Russland verbieten, bevorzugte Russland die Zusammenarbeit mit westlichen Ländern“, erklärt Iwan Kapitonow. Die Hinwendung zu den BRCIS-Staaten sei nun ein schrittweise erfolgender, konsequenter Prozess.

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