Exklave Kaliningrad stellt sich auf Sanktionen ein

Quark aus Litauen und Obst aus Polen werden nun durch andere Importe ersetzt. Foto: Igor Sarembo/RIA Novosti

Quark aus Litauen und Obst aus Polen werden nun durch andere Importe ersetzt. Foto: Igor Sarembo/RIA Novosti

Sanktionen machen der Region Kaliningrad zu schaffen, während die Suche nach neuen Lieferanten auf Hochtouren läuft. Die Bewohner bleiben dabei weitestgehend gelassen.

Das zwischen Polen und Litauen gelegene Kaliningrader Gebiet ist stärker von europäischen Importen abhängig als andere russische Regionen. Entgegen vielen Befürchtungen wurden die Regale in den Läden der Exklave mit der Einführung des Lebensmittel-Embargos allerdings nicht leergefegt. 

Die sanktionierten Waren machen rund 16 Prozent des gesamten Kaliningrader Importvolumens aus. Es sei kein Problem, diesen Anteil durch Importe aus anderen Ländern zu ersetzen, informierte die Regionalregierung unmittelbar nach Verhängung des Importstopps.

Und tatsächlich erhält die Exklave bereits seit Mitte August Äpfel und Tomaten aus Serbien und Weintrauben aus Malaysia. Wie die stellvertretende Zolldirektorin des Kaliningrader Gebiets, Swetlana Kumanjewa, mitteilte, würden nun Verträge mit Lieferanten aus Weißrussland, der Türkei, Israel und mehreren Ländern Südamerikas geschlossen.

Engpässe gibt es trotzdem. Auf die Schwarze Liste wurden Käsesorten gesetzt, die in der Region selbst kaum produziert werden, sowie Obst- und Gemüsesorten, die bisher im Wesentlichen aus Polen und Litauen kamen. Nikolaj Zukanow, Gouverneur der Region Kaliningrad, ist überzeugt, dass die Probleme in erster Linie hausgemacht sind. „Für uns als Exklave war die Lebensmittelversorgung immer schon eine Schwachstelle“, erklärt Zukanow. „Die Einzelhandelsketten hätten sich längst schon von den polnischen und litauischen Lieferungen unabhängig machen müssen und eigene Kapazitäten zur Lagerung von Obst und Gemüse aufbauen sollen.“ Allerdings räumt der Gouverneur ein, dass es in den nächsten zwei Monaten bei einigen Waren durchaus zu Versorgungslücken kommen könne.

Nach den Worten des Chefs der Kaliningrader Einzelhandelskette Semja sind die Einzelhändler bereits dabei, eine große Lagerhalle zu errichten. Auch die Unternehmensgruppe Fito-Depo, die die Läden und Kantinen des Gebiets mit Kartoffeln, Gemüse und Früchten versorgt, baut gegenwärtig ein Lager auf. 


Lieferanten erhöhen Preise

Zu den fehlenden Lagerkapazitäten kommt die Bürokratie. Der Zoll und die Aufsichtsbehörde des russischen Landwirtschaftsministeriums verschärften mit dem Importverbot die Anforderungen an die Frachtpapiere für die Einfuhr von Obst und Gemüse. So bilden sich an der Grenze immer länger

werdende Lkw-Schlangen. Ende August blieben sechs Lastwagen mit verderblichen Lebensmitteln im Zwischenlager INMAR hängen und wurden erst abgefertigt, nachdem der Kaliningrader Minister für Wirtschaftspolitik persönlich interveniert hatte.

„Außerdem arbeiten die neuen Lieferanten aus der Türkei, Mazedonien, Serbien, Weißrussland und Israel – im Gegensatz zu den bisherigen Handelspartnern aus der Europäischen Union – nur gegen Vorkasse“, sagt der Vorstandsvorsitzende der Gruppe Wester, Oleg Bolytschew. „In der jetzigen Situation müssen wir damit leben, dass die Regale der Läden nicht immer mit Äpfeln, Pfirsichen und exotischen Früchten gefüllt sind.Problematisch ist auch die Lage der Lebensmittelhersteller, die bisher europäischen Käse in der eigenen Produktion verwendet haben. Laut Oleg Bolytschew hat eine Reihe Lieferanten die Preise bereits angehoben. Betroffen sind nicht nur ausländische Käsesorten, sondern auch Fleischprodukte, Früchte, Gemüse, Fischprodukte und Fertiggerichte. 


Keine Panik bei Verbrauchern

Aus Sicht der Verbraucher hat sich der Bestand in den Regalen zwar verändert, aber dies wird meist nicht als kritisch bewertet, da spürbare Verteuerungen nur bei Zitronen und Tomaten zu beobachten waren. Bei Aprikosen, Pfirsichen und Nektarinen waren die Preise temporär in die Höhe geschnellt. Das Problem konnte dank neuer Lieferungen von Pfirsichen aus Mazedonien gelöst werden.

Problematisch verläuft die Umstellung etwa auch bei Äpfeln, die früher fast ausschließlich aus Polen nach Kaliningrad importiert wurden. Diese werden

nun durch Lieferungen aus Serbien ersetzt, wobei die Preise zwischen einem und 1,10 Euro pro Kilogramm etwa doppelt so hoch sind wie vor dem Importstopp. Diese Situation hat allerdings auch ihre Vorzüge: In der russischen Exklave gibt es Dutzende verwaiste Apfelplantagen aus der Vorkriegszeit. Die meisten Bäume tragen noch Früchte, auch wenn sich um die Gärten in den vergangenen Jahren niemand mehr gekümmert hat. Der Konsumgenossenschaftsverband des Kaliningrader Gebiets kauft seit Mitte August Äpfel von der einheimischen Bevölkerung und den Bauern auf. Seit vielen Jahren kommt damit wieder die eigene Ernte in die Obstabteilungen lokaler Supermärkte. 

Nicht bestätigt haben sich Befürchtungen – oder Hoffnungen – eines bevorstehenden Ansturms russischer Einkaufstouristen auf Geschäfte in Polen oder Litauen. So schreibt die litauische Zeitung Klaipeda, dass die Hoffnung der grenznahen litauischen Einzelhändler auf einen Ansturm „ausgehungerter“ Kaliningrader nicht erfüllt wurde. Nach Informationen der Redaktion habe der Verkehr am Grenzpunkt Sowjetsk – Panemune im August nicht zugenommen. 

Die Kaliningrader selbst haben sich bereits an das neue Sortiment in den Regale gewöhnt. Während es in der ersten Woche nach dem Importverbot noch einen Ansturm in den Supermärkten gab, da sich die

Käufer mit polnischen Äpfeln, litauischen Milchprodukten und anderen Waren aus Europa eindecken wollten, ist es derzeit ruhig.

„Ärgerlich sind nur die neuen Preise für Zitronen“, meint der 55-jährige Alexej Melkow. „Früher hat meine Frau immer Limonade gemacht, jetzt muss ich doppelt überlegen, bevor ich Zitronen kaufe. Darüber hinaus hat sich in unserer Familie nichts geändert. Die Äpfel wachsen im Garten, das Fleisch haben wir schon immer beim Bauern gekauft, und statt polnischem Käse kaufen wir nun den aus Kaliningrad.“ 

Die regionale Administration hofft nun, dass das Importverbot den Anbau von Obst und Gemüse sowie die Viehzucht in Kaliningrad ankurbelt. Und die Bewohner der russischen Exklave, dass die Hersteller, Händler und Lieferanten die Preise nicht grundlos in die Höhe treiben. „Um ehrlich zu sein, hatte ich Angst, dass unsere einzelhändler die Situation zu eigenen Gunsten ausnutzen könnten und die Preise einfach pauschal anheben“, gibt die 25-jährige Kaliningraderin Kristina Litwak zu. „Ich bin froh, dass meine Befürchtungen sich bisher jedenfalls noch nicht bewahrheiten.“

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