„Von einer Abschottung der russischen Wirtschaft kann keine Rede sein“

Foto: Olesja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Foto: Olesja Kurpjajewa/Rossijskaja Gaseta

Der Chef des russischen Unternehmerverbandes im Gespräch mit RBTH über Sanktionen, Importsubstitution und Wachstum.

Einige Wirtschaftsexperten nehmen an, dass die russische Wirtschaft durch die Sanktionen nur gewinnt - dank dem Ausbau der Importsubstitutionen. Halten Sie denn diese Hoffnung für berechtigt?

 Für viele Branchen, unter anderem den Agrarbereich, eröffnen sich zusätzliche Möglichkeiten, um auf dem Binnenmarkt Boden wieder gutzumachen. Der monatliche Geschäftsklimaindex des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes verzeichnet seit mehreren Monaten eine Belebung der Nachfrage nach Erzeugnissen russischer Unternehmen. Zum Teil wirkt sich die Rubelabwertung zu Beginn des Jahres aus, zum Teil die Einfuhrbeschränkungen. Insgesamt hat sich die Stimmung im Vergleich zu den Vormonaten etwas verbessert, obwohl sie immer noch leicht im Minus liegt: Im August betrug der Wert des Index 49,6 Punkte bei einem neutralen Wert von 50 Punkten. Gleichzeitig erfordert die Importsubstitution, vor allem in Bezug auf Hightech-Erzeugnisse, etwas Geduld – das ist keine Frage von Monaten. Aber das bedeutet nicht, dass man die Modernisierung der Industrie und die Verbesserung ihrer Innovationsfähigkeit auf die lange Bank schieben kann – dann wird es nämlich zu spät sein.


Wie hat sich die politische Instabilität, die unter anderem durch die ukrainische Krise verursacht wurde, auf die russische Geschäftswelt ausgewirkt? Verlieren wir nicht unsere Partner?

 Man kann nicht sagen, dass die Geschäftswelt nicht unter der Einführung der Sanktionen leidet. Nach diversen Einschätzungen hat der eingeschränkte Zugang zu langfristigen Kreditlinien die Kreditkosten für russische Unternehmen auf den internationalen Märkten steigen lassen. Der

Alexander Schochin, geboren 1951 in der Nähe von Archangelsk, studierte Wirtschaftswissenschaften an der Moskauer Staatlichen Universität. Arbeitete seit 1987 als Berater im Außenministerium der UdSSR.

Seit 1993 Abgeordneter der Staatsduma. Von Januar bis November 1994 war er russischer Wirtschaftsminister. Seit 2004 Mitglied der Regierungspartei Einiges Russland.

Übernahm 2005 den Vorsitz im Verband russischer Industrieller und Unternehmer. Mitglied von Aufsichtsräten mehrer Großunternehmen, darunter Lukoil, RZhD und Baltika.

Wertverfall russischer Unternehmen wird auf 15 bis 20% gegenüber dem Stand vom 16. Juli 2014 geschätzt. Die Auswirkung der Einfuhrbeschränkungen für Technologien lässt sich nur schwer abschätzen, aber sie können langfristige Folgen für die Modernisierung der russischen Wirtschaft haben. Es gibt Partner, die gezwungen sind, Projekte auf Eis zu legen. Das betrifft im Wesentlichen neue Investitionsprojekte.

So hat zum Beispiel das Staatsunternehmen Rosnano zwei Jahre lang zusammen mit der Europäischen Bank für Wiederaufbau und Entwicklung (EBRD) am Aufbau eines Fonds für Direktinvestitionen gearbeitet. Es war geplant, dass die EBRD Investitionen in Höhe von 100 Millionen US-Dollar tätigt. In der gegenwärtigen Situation werden diese Pläne wahrscheinlich nicht umgesetzt werden, was sich unterm Strich auch negativ auf Privatinvestitionen und die Entwicklung neuer Technologien auswirken dürfte. Es gibt allerdings auch traditionelle Partner, die nicht beabsichtigen, sich vom russischen Markt zurückzuziehen, darunter etwa Banken (Raiffeisenbank, Deutsche Bank, Morgan Stanley), Energieunternehmen (Royal Dutch Shell, BP, E.ON Ruhrgas AG, Schneider Electric, Fortum Corporation) und Hersteller von Technik, Lebensmitteln und Ausrüstungen (Philips, Nestlé, Unilever, LG Electronics).


Viele westliche Unternehmen befürchten, dass Russland den Weg des Protektionismus und der Abschottung einschlagen könnte. Haben sich die Prioritäten der russischen Wirtschaftspolitik geändert?
Die Unternehmer in Russland arbeiten aktiv mit ihren ausländischen Kollegen zusammen – von einer Abschottung der russischen Wirtschaft kann keine Rede sein. Die Unterstützung der heimischen Wirtschaft ist gängige Praxis überall auf der Welt. Entscheidend dabei ist, dass dies nicht im Widerspruch zu internationalen Verpflichtungen passiert. Russland ist einen langen Weg gegangen, um der WTO beizutreten und hält seine Verpflichtungen ein. Wir müssen die von der WTO gebotenen Möglichkeiten nutzen und vom Instrumentarium der WTO bei Handelsstreitigkeiten, zum Beispiel im Kampf gegen Dumping, aktiv Gebrauch machen.

Ungeachtet dessen, dass der Prozess des Beitritts Russlands zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung gegenwärtig auf Eis liegt, arbeiten wir weiter an der Anpassung russischer

Normen und Standards an die Normen der OECD, weil wir diese Arbeit als wichtig für die russische Wirtschaft und die in Russland tätigen ausländischen Unternehmen erachten, da dadurch einheitliche rechtliche Rahmenbedingungen geschaffen werden. Ohne Frage streben wir natürlich auch danach, die Zusammenarbeit mit den Ländern der asiatisch-pazifischen Region auszubauen, aber dies erfolgt nicht anstelle, sondern ergänzend zur Vertiefung unserer Partnerschaft mit Europa.

In den vergangenen Jahren ist das Wachstumstempo stetig zurückgegangen. Was ist die Ursache dafür und was kann die Regierung tun?

 Im Wesentlichen hängt das zurückgehende Wachstumstempo mit den strukturellen Problemen der russischen Wirtschaft und unserem nicht allzu günstigen Investitionsklima zusammen. Zu groß ist der Faktor der Unvorhersagbarkeit bei strategischen Entscheidungen selbst dort, wo alles von den Behörden abhängt. In den letzten Jahren hat sich die Korruptionssituation verbessert, aber es ist immer noch eine der fünf größten Hürden für die Unternehmensentwicklung. Es ist immer noch nicht gelungen, ürokratische Hürden abzubauen. Einige Regionen haben es aber geschafft, ein günstigeres Umfeld für die Geschäftswelt als im Landesdurchschnitt zu gestalten. In diesem Jahr haben vier führende Geschäftsverbände Russlands, unter anderem der Russische Industriellen- und Unternehmerverband, zusammen mit der Agentur für strategische Initiativen im Rahmen eines Pilotprojektes eine Nationale Ratingliste des Investitionsklimas in den Subjekten der Russischen Föderation aufgestellt. An der Spitze liegen die Gebiete Kaluga, Uljanowsk und Kastroma sowie die Republik Tartastan und die Region Krasnojarsk.

2013 hatte Russland den Vorsitz bei der G20 und der von Ihnen geführte Russische Industriellen- und Unternehmerverband in der B20, der Business-20, inne. Was hat das gebracht?

 Nach Einschätzung unserer Kollegen aus der В20 war der russische Vorsitz der erfolgreichste von allen in der Geschichte der Business-20. Ohne die Erfolge der Vorgänger schmälern zu wollen, möchte ich bemerken, dass die Zahl und auch die Aktivität der Teilnehmer während unseres Vorsitzes am höchsten waren. Wir haben in sieben Arbeitsgruppen über 140 Vorschläge vorbereitet. Mehr als die Hälfte wurde in das Abschlussdokument des letztjährigen G20-Treffens aufgenommen. Wir haben im engen Kontakt mit unseren Kollegen aus den G20-Ländern zusammengearbeitet und werden dies auch weiterhin tun.

Am Ende wurde die Liste der Empfehlungen den globalen Führern vorgelegt und beim Gipfeltreffen der В20 im Juni in Sydney verabschiedet. Gegenwärtig arbeiten wir daran, dass unsere Linie auch in den nächsten Jahren fortgesetzt wird, wenn der Vorsitz der G20 an die Türkei übergeht.


Welche Rolle werden Organisationen wie Ihr Verband bei der Umsetzung des seitens der Regierung verkündeten Programms zur Importsubstitution spielen? Welche Vorschläge haben Sie in diesem Zusammenhang ausgearbeitet?

 Eines der größten Probleme für die Geschäftswelt, dessen Lösung der Russische Industriellen- und Unternehmerverband große Aufmerksamkeit

schenkt, ist der Mangel qualifizierter Fachleute. Nach den Ergebnissen einer von uns durchgeführten Umfrage spüren 70 % der Unternehmen einen Mangel an gut ausgebildeten Mitarbeitern und mehr als die Hälfte der Unternehmen einen Mangel anFachkräften in der Produktion. Ohne radikale Veränderungen im Personalbereich ist eine Umsetzung des Programms zur Importsubstitution vollkommen unmöglich. Der wichtigste Vorschlag des Russischen Industriellen- und Unternehmerverbandes bestand darin, die Steuerbelastung nicht zu vergrößern. Es wird eine ganze Reihe Initiativen zur Anhebung der Steuern und obligatorischen Versicherungsbeiträge diskutiert, aber der Russische Industriellen- und Unternehmerverband hofft, die Behörden davon überzeugen zu können, den Unternehmen unter die Arme zu greifen und nicht deren Entwicklung etwa durch zunehmende Abgaben in den Staatshaushalt zu bremsen.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland