Lebensmittel-Embargo: Russische Regale bleiben voll

Für viele Lebensmittel wurden neue Lieferanten gefunden. Foto: DPA/Vostock Photo

Für viele Lebensmittel wurden neue Lieferanten gefunden. Foto: DPA/Vostock Photo

Das russische Importverbot für Lebensmittel aus Ländern, die wegen der Ukraine-Krise Sanktionen gegen Russland verhängt haben, hat in Russland bislang kaum negative Auswirkungen. Während die heimische Lebensmittelproduktion sogar profitiert, drohen im Ausland Verluste in der Handelsbilanz.

Gute Nachrichten verbreitete die russische Wirtschaftszeitung „RBC Daily" in dieser Woche: Seit Russland Anfang August ein Importverbot für Lebensmittel aus den USA, Kanada, der Europäischen Union, Norwegen und Australien, verhängt hat, konnten laut Föderalen Zolldienst zahlreiche neue Lieferanten gefunden werden. Das Importverbot betraf unter anderem Fleisch, Fisch, Milch, Wurst, Gemüse, Früchte und Nüsse. Die neuen Lieferanten kommen demnach beispielsweise aus Serbien, Georgien, Armenien und Lateinamerika.

 

Versorgungslücken konnten gefüllt werden

Nach Angaben von Alexej Koslow, Chefanalyst bei UFS IC, gibt es infolge des russischen Embargos gegen Lebensmittel also einige Gewinner: „Die Türkei, Armenien, Georgien und einige südamerikanische Länder profitieren ebenso wie russische Produzenten vom Importverbot", sagt er. Letztere hätten verstärkt investiert, um die entstandenen Versorgungslücken auf dem Lebensmittelmarkt zu füllen. Das sei ihnen gut gelungen, so Koslow, denn die meisten Lieferausfälle konnten aufgefangen werden. Allerdings, so bemerkt der Experte, seien die Preise merklich angestiegen. Auch Anton

Soroko, Analyst bei Finam, sieht die Türkei, Israel, einige afrikanische Länder, Süd- und Zentralamerika sowie Neuseeland als Gewinner des russischen Lebensmittel-Embargos. Für die heimischen Produzenten sieht auch er einen Vorteil, doch er gibt zu bedenken: „In vollem Umfang und in der Vielfalt können russische Produzenten die ausfallenden Importmengen nicht ersetzen."

Dies bestätigt indirekt Alexandr Kostikow von der Tscherkisowo-Gruppe, einem führenden russischen Produzenten von Fleisch- und Fleischprodukten. Er habe bislang noch keine Auswirkungen der Sanktionen gespürt: „Für uns haben die Sanktionen nur wenig verändert. Der Import von Schweinefleisch ist bereits seit März aufgrund veterinärer Vorschriften verboten, seitdem beobachten wir steigende Preise", sagt er. „Unseren Absatz können wir nicht kurzfristig steigern. Organische Produktion hat ihre eigenen Produktionszyklen", fügt Kostikow hinzu.

Nach Angaben des Föderalen Zolldiensts werden Regenbogenforellen, die bisher aus Finnland und Norwegen kamen, durch russischen Fisch ersetzt. Rindfleisch stammt nicht mehr aus Australien, sondern aus Uruguay. Der große Lebensmitteleinzelhändler O'kej bezieht Gemüse und Früchte seit dem Importverbot aus der Türkei und hat entsprechende Lieferverträge abgeschlossen. Kein Ersatz ließ sich nach Angaben des Föderalen Zolldiensts bisher für Beeren aus Polen, Griechenland, Spanien und den Niederlanden finden. Spargel aus Belgien und Frankreich konnte ebenfalls nicht ersetzt werden, das Gleiche gilt für Kaltwassergarnelen aus Kanada.

 

Hohe Verluste in Polen und Litauen

Importe von Lebensmitteln und Lebensmittelausgangsstoffen sind nach Angaben des Zolldiensts zum August gemessen am Umsatz um 7,5 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Zeitraum 2013 zurückgegangen. Der Import von Milchprodukten ist um 57 Prozent gesunken, der von Schweinefleisch um 45 Prozent, Gemüse um 44 Prozent und Geflügel um 39 Prozent. Lediglich Rindfleisch wird mehr importiert als vor dem Embargo, hier gab es einen Zuwachs von 47 Prozent.

Das russische Importverbot trifft nach einer Studie des Moskauer Zentrums für Internationalen Handel 37 Prozent aller Länder weltweit, 30 Prozent davon sind EU-Staaten. Auf die USA entfielen bisher vier Prozent der

russischen Lebensmittelimporte, auf Kanada zwei Prozent und auf Australien und Norwegen jeweils ein Prozent. Der potenzielle Verlust dieser Länder wird auf insgesamt über 6,5 Milliarden Euro geschätzt. Besonders betroffen scheint Polen zu sein: Infolge des russischen Embargos droht das dortige Handelsdefizit um 52 Prozent zu steigen. Auch Litauen muss mit massiven Einbußen rechnen; litauische Lebensmittelexporte nach Russland machten vier Prozent des gesamten Exports aus. Litauen droht daher in der Handelsbilanz ein Verlust von geschätzten 47 Prozent, das entspricht etwa bis zu drei Milliarden Euro. Finnland muss mit Einbußen von zwölf Prozent rechnen, das entspricht in der Handelsbilanz etwa 2,8 Milliarden Euro. Laut der Studie verlieren Käse- und Schweinefleischproduzenten am meisten Geld.

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