Ukraine kauft in Russland Kohle für den Winter ein

Die Ukraine steigert den Ankauf von Kohle in Russland. Foto: Jewgeni Jepantschinzew/RIA Novosti

Die Ukraine steigert den Ankauf von Kohle in Russland. Foto: Jewgeni Jepantschinzew/RIA Novosti

Ukrainische Privat- und Staatsunternehmen kaufen 5,6 Millionen Tonnen Kohle in Russland ein. Nach Angaben russischer Experten haben die ukrainischen und russischen Betriebe ungeachtet des Konflikts ihre Beziehungen aufrechterhalten. Der gegenseitige Warenumsatz zwischen den beiden Ländern hat sich bisher kaum verändert.

Staatliche und private Unternehmen der Ukraine haben Abkommen über die Lieferung von 5,6 Millionen Tonnen russischer Importkohle bis zum Jahresende unterzeichnet, berichtete Itar-Tass zufolge der ukrainische Energieminister Juri Prodan auf der erweiterten Sitzung der Regierung der Ukraine. Nach den Worten des Ministers sei der Ankauf von Kohle aus Russland eine Zwangsmaßnahme, da es die benötigte Sorte lediglich in Russland und einigen anderen Staaten, wie zum Beispiel Südafrika, gebe. Das Privatunternehmen DTEK des ukrainischen Unternehmers Rinat Achmetows beschloss, 600 000 Tonnen Kohle aus Russland zu beziehen. Wegen des Konflikts im Südosten der Ukraine leidet die Ukraine an einer gravierenden Unterversorgung an Kohle, die das Land noch im vergangenen Jahr selbst nach Russland exportiert hatte. Zum Vergleich: 2013 wurden in der Ukraine 82 Millionen Tonnen Kohle verarbeitet, 70 Prozent davon für die Energiewirtschaft, der Rest zur Koksproduktion.

Laut einem Untersuchungsbericht der Europäischen Kommission fiel in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres der Export ukrainischer Waren nach Russland im Vergleich zum Vorjahr um 24,5 Prozent, also um ein Viertel. Dabei betrug der Verlust durch den Rückgang des Exports nach Russland 468 Millionen Euro. Allerdings heißt es in dem EU-Untersuchungsbericht auch, dass der ukrainische Export in die Europäische Union im gleichen Zeitraum um 464 Millionen Euro gesteigert werden konnte, im Wesentlichen dank Lieferungen ukrainischer Waren nach Polen, Litauen, Italien und Lettland.

In der Studie der Europäischen Kommission ist jedoch nicht der Umfang des russischen Exports in die Ukraine vermerkt. Russischen Experten zufolge wächst der ukrainische Import aus Russland im Gegensatz zum Export weiter stabil. „In den ersten acht Monaten des Jahres 2014 hat der Warenumsatz Russlands mit der Ukraine sich praktisch nicht verändert, wohingegen der Warenumsatz Russlands mit Kasachstan im gleichen Zeitraum um 15 Prozent gesunken ist", sagt Alexander Knobel, Direktor des Zentrums für Erforschung des internationalen Handels an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentliche Verwaltung. Allerdings habe die Struktur des Warenverkehrs mit der Ukraine sich verändert, erklärt der Experte: „Der Export aus Russland in die Ukraine stieg an, der Import aus der Ukraine nach Russland dagegen sank. Ein Grund waren die administrativen Beschränkungen für die Einfuhr von Lebensmitteln." Viele der russisch-ukrainischen Grenzstellen seien geschlossen, zudem werde ein ganzer Grenzabschnitt nicht durch ukrainische Zollbeamten kontrolliert. Die Abfertigung an den restlichen Abschnitten habe dafür gesorgt, dass der Warenumsatz nicht einbrach, meint Knobel. Aus Russland wachse der ukrainische Import aller Warengruppen, wenn man das Erdgas einmal unberücksichtigt lasse, darunter von Lebensmitteln, Maschinenbauerzeugnissen, Bekleidung, Erzeugnissen der chemischen Industrie und der Pharmazie, ist Knobel überzeugt.

 

Russisch-ukrainische Handelsbeziehungen leben fort

Die Kampfhandlungen im Südosten der Ukraine führten zur Zerstörung einiger Kohlegruben und Eisenbahnlinien sowie einer Unterversorgung im Land mit Kohle. In der Ukraine ging nach Angaben des staatlichen statistischen Amtes im August 2014 im Vergleich zum August des Vorjahres

die Kohleförderung um 59,5 Prozent auf 2,2 Millionen Tonnen pro Monat zurück. Dabei sank im Laufe des Monats die Kohleförderung um 44 Prozentpunkte, im Gesamtzeitraum von Januar bis August 2014 um 14,2 Prozent auf 35,2 Millionen Tonnen. Die Unterversorgung der Kraftwerke mit Kohle, die die ukrainischen Betriebe mit Strom versorgen, führte wiederum zu einem Schrumpfen der Industrie des Landes. Unterm Strich nahm das Tempo des Industrieproduktionsrückgangs im August 2014 um 21,4 Prozent im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum zu. So nahm zum Beispiel der Produktionsausstoß in der Grundstoffindustrien und im Tagebau um 6,8 Prozentpunkte ab, bei der Braun- und Steinkohleförderung war sogar ein Rückgang um 15 Prozent zu verzeichnen, beim Erdöl und Erdgas dagegen nur minimale zwei Prozent, beim Abbau von Erzen 3,1 Prozent. Ersetzt werden muss der fehlende Brennstoff für die Kraftwerke durch russische Kohle.

Die Experten schrecken vorerst allerdings noch davor zurück, daraus Schlüsse für die langfristige Entwicklung zu ziehen. „Momentan lässt sich absolut noch nicht sagen, dass die Wirtschafts- und Handelsbeziehungen zwischen der Russischen Föderation und der Ukraine stabil sind – der Ankauf von Kohle ist eine außerordentliche Maßnahme. Hätte Kiew die Möglichkeit, würde es auch den Ankauf russischen Erdgases einstellen", meint Anton Soroko, Analyst der Investmentholding Finam. Seinen Worten

nach benötigt die Ukraine die Kohle zur Erfüllung der grundlegendsten Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung, da die Heizsaison unmittelbar bevorstehe und die Energiereserven nahezu zur Neige gegangen sind.

„Zweifellos hat der Warenumsatz zwischen der Ukraine und Russland in den vergangenen Monaten deutlich abgenommen und sich in seiner Struktur verändert, aber das bedeutet nicht, dass die Handelsbeziehungen zwischen den beiden Ländern vollständig zum Erliegen gekommen wären", sagt der Chef-Analyst von UFS IC, Alexej Koslow. Seinen Worten nach machten in der Gesamthandelsbilanz wie auch früher die fossilen Brennstoffe, metallurgischen Erzeugnisse, aber auch die Lebensmittel, die immer noch in den Regalen der russischen Läden zu finden sind, einen großen Anteil aus. „Wie die Praxis zeigt, werden die beiden Länder in Zukunft ihre Handelsbeziehungen beibehalten und – wenn wieder etwas Ruhe eingekehrt sein wird – diese weiter ausbauen, auch wenn das Verhältnis zwischen Russland und der Ukraine gegenwärtig auf eine harte Probe gestellt wird", fügt der Experte hinzu.

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