Der Fall Jewtuschenkow: Yukos reloaded?

Dem Milliardär Wladimir Jewtuschenkow wird Geldwäsche vorgeworfen. Foto: Getty Images/Fotobank

Dem Milliardär Wladimir Jewtuschenkow wird Geldwäsche vorgeworfen. Foto: Getty Images/Fotobank

In Russland steht Wladimir Jewtuschenkow, einer der reichsten Menschen Russlands unter Hausarrest – ihm wird Geldwäsche vorgeworfen. Einige sehen Parallelen zum Fall Yukos und vermuten, dass der russische Staat den aufstrebenden Energiekonzern Baschneft auf Kosten des Unternehmers günstig übernehmen wolle.

Mitte September eröffnete die russische Strafverfolgungsbehörde ein Verfahren gegen Wladimir Jewtuschenkow. Der Unternehmer, der mit einem von der Zeitschrift „Forbes" auf etwa sieben Milliarden Euro geschätzten Vermögen zu den reichsten Russen gehört, wurde unter Hausarrest gestellt. Jewtuschenkow steht unter dem Verdacht der Geldwäsche. Bei der Privatisierung des Erdölunternehmens Baschneft in der Region Baschkorstan vor fünf Jahren sei gegen das Gesetz verstoßen worden. Konkret wird Jewtuschenkow vorgeworfen, Baschneft weit unter Wert erworben zu haben, es ist von einem Betrag von 400 Millionen Euro die Rede.

Einige sehen Parallelen zum Fall des ehemaligen Yukos-Chefs Michail Chodorkowski, der Ende 2013 nach zehn Jahren Haft freigelassen worden war. Insbesondere Chodorkowski selbst vermutet im Fall Jewtuschenkow einen politischen Hintergrund. Gegenüber der russischen Nachrichtenagentur RBC erklärte er, Igor Setschin, der Chef des staatlichen Mineralölkonzerns Rosneft habe das Ermittlungsverfahren angeregt. Rosneft hätte selbst Aktien von Baschneft erwerben wollen, denn Baschneft sei auf Wachstumskurs. Im Jahr 2013 steigerte Baschneft die Erdölfördermenge um 4,1 Prozent auf 16,1 Millionen Tonnen. Die durchschnittliche Erdöl-Fördermenge betrug 2013 pro Tag 44 000 Tonnen. Rosneft hingegen verzeichne in letzter Zeit einen Rückgang der Fördermengen, erklärte Chodorkowski. Setschin wies die Vorwürfe Chodorkowskis in einem Interview mit dem Nachrichtensender Bloomberg zurück und erklärte, dass Baschneft für sein Unternehmen nie von Interesse gewesen sei.

 

Jewtuschenkow ist Unternehmer, nicht Politiker

Dmitri Absalow, Präsident des Zentrums für strategische Kommunikation, zweifelt ebenfalls an einem politischen Hintergrund im Fall Jewtuschenkow und sieht zudem kaum Parallelen zu Yukos. Absalow sieht zwar einen Zusammenhang der Ermittlungen mit der Privatisierung von Baschneft, doch sei das im Kontext der gesamten baschkirischen Brennstoff- und Energiewirtschaft zu sehen. „Wladimir Jewtuschenkow beteiligt sich an vielen großen staatlichen Projekten, wie zum Beispiel der Entwicklung von Mikrochips oder von Glonass, dem russischen GPS-Pendant", so Absalow. Zu Jewtuschenkows Konzern AFK Systema gehören unter anderem der aufstrebende russische Mikrochip-Entwickler Mikron und mit MTS einer der größten russischen Mobilfunkbetreiber. Politisch aktiv sei Jewtuschenkow, im Gegensatz zu Chodorkowski oder anderen Oligarchen, nicht gewesen, meint der Experte. Seine einzige Verbindung in die Politik sei, dass er mit der Schwester der Ehefrau des ehemaligen Moskauer Bürgermeisters Juri Luschkow verheiratet sei, so Absalow.

Jewtuschenkows Konzern kaufte im Jahr 2009 das Unternehmen Baschneft, das damals von Ural Rachimow, Sohn des ehemaligen Präsidenten Baschkorstans Murtasa Rachimow, geführt wurde. Der Kaufpreis hatte bei knapp zwei Milliarden Euro liegen sollen, davon sollten auf ausdrücklichem Wunsch von AFK Systema 400 Millionen Euro allerdings erst dann fällig werden, wenn Baschneft bestimmte Finanzkennziffern erfüllt habe. Da Baschneft die Vorgaben angeblich nicht erreichte, ging das Unternehmen

schließlich für rund 1,6 Milliarden Euro an Jewtuschenkow über, nach Ansicht der Ermittlungsbehörden deutlich unter Wert. Ende August 2014 wurde auch gegen Ural Rachimow Anklage erhoben, er habe die Dienststellung seines Vaters missbraucht, heißt es in einer Erklärung der Generalstaatsanwaltschaft. Er wird zurzeit mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Die Ermittlungen gegen Jewtuschenkow haben zu einem Kurssturz der Aktien seines Konzerns AFK Systema geführt. Nach Angaben von BrokerKreditService fielen Montag an der Moskauer Börse die Aktien innerhalb kurzer Zeit um mehr als 18 Prozent. Anton Soroko, Analyst bei Finam, glaubt, dass auch Baschneft durch die Ermittlungen bei Investoren an Attraktivität eingebüßt habe. In einer offiziellen Mitteilung äußerte der Russische Industriellen- und Unternehmerverband die Befürchtung, dass sich durch das Ermittlungsverfahren gegen Jewtuschenkow „das Wirtschaftsklima im Land eindeutig verschlechtert". Dmitri Absalow hingegen glaubt nicht, dass am Ende die Konfiskation der Baschneft-Aktien durch den russischen Staat stehen werde. So dramatisch werde sich die Situation seiner Meinung nach nicht entwickeln.

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