Moskau: Investmentkonto für weniger Börsenspekulation

Mithilfe von Investmentkonten soll der Börsenhandel stabiler werden. Foto: Sergej Kusnezow/RIA Novosti

Mithilfe von Investmentkonten soll der Börsenhandel stabiler werden. Foto: Sergej Kusnezow/RIA Novosti

Die russische Regierung versucht, die Börsen zu stabilisieren, indem Mittel der Bevölkerung für den Wertpapiermarkt herangezogen werden – mithilfe eines neuen Instruments: den Investmentkonten. Der Bürger kann Steuern sparen, indem er Wertpapiere kauft oder verkauft. Experten glauben, dass der Handel an der Moskauer Börse damit weniger spekulativ wird, außerdem können so bis zu 20,2 Milliarden Euro in den Aktienmarkt fließen.

Im vergangenen Jahr ist es der Moskauer Börse gelungen, ihre Arbeit zu stabilisieren und eine ganze Reihe von Reformen durchzuführen, die als Ziel hatten, langfristige Investitionen anzuziehen. Darauf hat Anna Wasilenko, Geschäftsführerin für Primärmarktentwicklung und Kundenservice derMoskauer Börse auf dem Investitionsforum in Sotschi hingewiesen. Ihren Worten zufolge sind in den zurückliegenden drei Jahren wichtige Reformen auf dem Fondsmarkt erfolgt, in deren Ergebnis der Anteil des Handels mit russischen Wertpapieren in Moskau im Vergleich zu London um zehn, 15 bis 60 Prozent zugelegt hat.

„Innerhalb eines halben Jahres ist der MICEX-Index etwa um drei Prozent gefallen, der RTS-Index um sechs Prozent, wobei die außenpolitischen Risiken recht hoch sind und ein erheblicher Teil der Aktien von russischen Firmen in der Hand von ausländischen Anlegern ist", erklärte Wasilenko. Nach ihrer Meinung „erhalten die Großinvestoren Komfort und eine qualitativ gute Infrastruktur". Zudem ist die Moskauer Börse sicher, in absehbarer Zeit Mittel von russischen Investoren zu erhalten – und zwar von Privatpersonen über das neue Instrument der individuellen Investmentkonten.

 

Das Investmentkonto kommt

Das System der individuellen Investmentkonten (IIK) soll ab 1. Januar 2015 in Russland Fuß fassen. Im Unterschied zu den konventionellen Brokerkonten kann der Steuerzahler bei dieser Art Konten etliche Vorteile für sich geltend machen. Der Investor kann eine von zwei Typen für die Steuerberechnung auswählen. Bei der ersten Variante muss er in Wertpapiere investieren und diese mindestens drei Jahre halten, wonach ihm gezahlte Steuern wieder gutgeschrieben werden. Bei der zweiten Variante kann er auf Investmentkonten eine beliebige Zahl an Transaktionen tätigen, wobei der gesamte Gewinn aus diesen Operationen von der Besteuerung freigestellt bleibt. „Heute suchen etliche eine Alternative für Depositkonten oder Immobilien, und dabei sind solche Konten eine ausgezeichnete Alternative", glaubt Gennadi Kusnezow, Abteilungsleiter Projektanalyse der Investmentholding Finam. Investitionen in den Wertpapiermarkt wären somit langfristig, denn vor Ablauf von drei Jahren kann man nicht mit einer Steuererstattung rechnen.

Die individuellen Konten sind für alle Kategorien von Investoren ausgelegt, versichert der Pressedienst der Moskauer Börse. Insbesondere könnten davon Ausländer profitieren, die länger als 180 Tage pro Jahr in Russland leben. Nach Einschätzung von Finam fragten jene als erstes nach Investmentkonten nach, die sich bereits seit Langem auf dem Wertpapiermarkt umgesehen haben, jedoch aus welchen Gründen auch immer bis dato noch keine konkrete Entscheidung zu einer Kontoeröffnung getroffen haben. Dieser Personenkreis sei recht groß, insgesamt gehe es hier um 1,5 bis 2,5 Millionen Menschen, schätzt Finam. Zudem erwartet das Unternehmen, dass Halter von Depositkonten sich nach etwa zwei, drei Jahren dieser Welle anschließen werden. „Zu Beginn werden nicht viele diese individuellen Investmentkonten nutzen, doch in wenigen Jahren werden gut fünf bis zehn Prozent der Bevölkerung Gebrauch von diesen individuellen Investmentkonten machen", ist Finam überzeugt.

 

Grafik: Rangliste der unterbewerteten Unternehmen in Russland

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Entscheidend ist der richtige Mix aus Investoren

Mithilfe des neuen Instruments sollen auf dem russischen Wertpapiermarkt neue Kunden gefunden werden: Aufgrund der instabilen politischen Lage haben konservative Investoren – nach Expertenmeinung – damit begonnen, ausländische Aktien zu erwerben. „Zurzeit kaufen unsere Kunden ausländische Aktien: Von der Sache her sind diese Gelder für die russische Wirtschaft ineffektiv", sagt Juri Belonostschenko, Generaldirektor der UK Uralsib. „Auf dem gesamten Markt werden im Monat etwa eine Milliarde Rubel (etwa 20 Millionen Euro) investiert, und nur ein Teil dieser Mittel fließt in ausländische Instrumente", so Belonostschenko. Seiner Meinung nach

geben einige der Investoren ihre Ersparnisse aus, einzig, um ihren Lebensstandard zu halten. In einer solchen Situation sind Investmentkonten eine würdige Alternative für Auslandsinvestitionen, findet Belonostschenko. „Wir müssen den Wertpapiermarkt auf Basis der Investoren aufbauen, die aus dem Land selbst kommen, wenn das gesamte System richtig eingerichtet ist", fügt er hinzu.

Konstantin Ugrjumow, Ratsvorsitzender der Nationalen Assoziation der Pensionsfonds (NAPF), sagt, die russischen Aktien zögen bereits spekulierende Investoren in den Bann, doch für einen stabilen Markt brauche es auch den konservativen russischen Investor. „Investmentkonten sind eine Alternative für Bankanlagen, und es ist zu erwarten, dass auf diese Weise auf dem Wertpapiermarkt bis zu einer Billion Rubel (20,2 Milliarden Euro) umgesetzt werden", führt er weiter aus. Übrigens sei die Frage die, inwiefern der russische Investor dazu bereit ist, seine Mittel in Aktien anzulegen, bemerkt Belonostchenko. Es sei nicht auszuschließen, dass der Markt weiter schwerpunktmäßig bei Depositen und Obligationen bleibt.

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