Rohölpreis im Sinkflug: Russischer Staatskasse droht Minus

Dem russischen Staatshaushalt droht eine negative Bilanz. Foto: AFP/East News

Dem russischen Staatshaushalt droht eine negative Bilanz. Foto: AFP/East News

Der Rohölpreis sinkt weiter. Seit die USA zu einem der größten Erdölproduzenten der Welt aufsteigen, herrscht ein Überangebot am schwarzen Gold. Der niedrige Rohölpreis hat Auswirkungen auf den russischen Staatshaushalt: Dieser droht, bei anhaltendem Preisverfall in die roten Zahlen abzurutschen.

Am vergangenen Donnerstag erreichte die Rohölsorte Brent an den Handelsplätzen einen neuen Tiefstand. Seit Mitte Juni ist der Preis pro Barrel um 19, 9 Prozent gesunken und stand zuletzt bei 92,2 US-Dollar pro Barrel. Das ist der größte Preissturz seit der Wirtschaftskrise im Jahr 2008, als der Preis bei bis zu 38,4 US-Dollar pro Barrel lag. Die niedrigen Rohölpreise gefährden den russischen Staatshaushalt.

 

Überangebot und schwache Nachfrage

Iwan Kapitonow, stellvertretender Leiter des Lehrstuhls für staatliche Wirtschaftsregulierung an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst, sieht die Ursache des Preisverfalls zum einen in einer schwachen Nachfrage, andererseits, so sagt er, bestehe ein Überangebot, seitdem in den USA deutlich mehr Öl gefördert werde. Laut einer Prognose der Energiebehörde wird die Erdölförderung in den USA im Jahre 2015 um 14 Prozent von 8,53 Millionen Barrel pro Tag im Vorjahr auf 9,53 Millionen Barrel ansteigen.

Die OPEC-Staaten haben im September 2014 mit 30,96 Millionen Barrel pro Tag ein Zweijahresmaximum bei der Förderung erreicht. Ein weiterer Preisrückgang sei allerdings auch nicht im Interesse der USA, glaubt Kaptionow. Denn dann wäre die Erschließung von Schiefergas in den USA nicht mehr rentabel. Dennoch wird „diese Entwicklung in Russland mit Sorge betrachtet", sagt Kapitonow.

Der Preisverfall beim Erdöl könnte sich negativ auf die Bilanz des russischen Staatshaushalts auswirken, denn die Höhe der Einnahmen hängt vom Erdölpreis ab. Ein ausgeglichener Haushalt könnte nach Angaben des Finanzministeriums erreicht werden, wenn sich der Rohölpreis auf einem Niveau von mindestens 96 US-Dollar pro Barrel der Sorte Brent bewegt.

Ausgehend vom Durchschnittspreis des Jahres 2014 geht Alexej Koslow, Analyst bei UFS IC, davon aus, dass der russische Staatshaushalt nicht ins Minus gerät. Zudem erwartet er nicht, dass der Preis für Rohöl noch weiter sinken wird. Nach einer Studie des Finanzdienstleisters Citigroup jedoch müsste der Rohölpreis auf einem durchschnittlichen Niveau von 105 US-Dollar liegen, damit der russische Staatshaushalt ausgeglichen bleibt. Der Iran benötigt zum Erreichen dieses Ziels einen durchschnittlichen Rohölpreis von 130 US-Dollar, Saudi-Arabien von 89 US-Dollar und Katar von 71 US-Dollar.

 

Manipulationen am Rohölmarkt?

Alexej Koslow geht davon aus, dass sich der Rohölpreis stabilisieren wird. Einfluss auf die Preisentwicklung könnte seiner Meinung nach auch das Ergebnis des nächsten Treffens der sogenannten Sechsergruppe mit dem

Iran zum Iranischen Atomprogramm haben. „Natürlich ist auch eine Manipulation des Erdölpreises nicht ausgeschlossen, beispielsweise durch eine künstliche Erhöhung des Angebots", fügt er hinzu. Ziel einer solchen Manipulation könnte es sein, Druck auf Russland auszuüben, vermutet er.

Iwan Kapitonow hält das für unwahrscheinlich, denn in diesem Fall hätten sich alle potenziellen Gegner Russlands mit sämtlichen OPEC-Mitgliedsstaaten absprechen müssen, sagt er.

Gegen eine solche Verschwörungstheorie spreche auch, dass die OPEC nach Angaben von Kapitonow bereits damit begonnen hätten, die Erdölförderung zu drosseln, um einen weiteren Preisverfall zu verhindern. So habe zum Beispiel Saudi-Arabien das Fördervolumen bereits reduziert und beabsichtige, den Preis auf ein Niveau von 100 US-Dollar pro Barrel anzuheben. „Bei einem Sinken des Preises auf unter 90 US-Dollar pro Barrel könnten die OPEC-Mitgliedsstaaten sich gemeinsam für eine Verringerung der Förderquoten aussprechen", erklärt der Ökonom. Die nächste OPEC-Sitzung sei nach seinen Informationen für den 27. November in Wien geplant. Kapitonow hält es aber für möglich, dass im Falle weiterer negativer Ereignisse auf dem Markt durchaus schon vorher eine Sondersitzung stattfinden könnte.

Anton Soroko, Analyst bei der Investmentholding Finam, hat einen weitere Ursache für den Preisverfall am Rohölmarkt ausgemacht: den globalen Trend zur Stützung der US-amerikanischen Währung. Die FED, die

Zentralbank der USA, habe ein Programm zur monetären Lockerung veranlasst, und für 2015 sei geplant, den Leitzins wieder anzuheben, wohingegen die Europäische Zentralbank gerade erst wieder ihren Leitzins auf ein Rekordniveau gesenkt habe, erläutert Soroko. „Ein Preisverfall ist aufgrund des steigenden Dollar-Kurses ebenfalls bei Gold, Silber und anderen Edelmetallen zu beobachten – die US-amerikanische Währung befindet sich auf ihrem höchsten Niveau seit 2010", sagt Soroko.

Alexej Koslow von UFS IC sieht zudem in den aktuellen Unruhen in Hongkong einen Grund für den niedrigen Rohölpreis. Die Unruhen könnten sich seiner Meinung nach negativ auf das Wirtschaftswachstum Chinas auswirken. China ist der größte Verbraucher für Rohöl in Asien. Am Rohölmarkt gingen Investoren offenbar bereits von einem Rückgang des Ölverbrauchs in China aus, was sich in der Preisbildung wiederspiegelt, so Koslow.

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