Deutschland trotz Krise als Standort gefragt

Die Übernahme des Ölförderers RWE Dea durch LetterOne sorgte für heftige Diskussionen, bekam schließlich dennoch grünes Licht aus Berlin. Foto: DPA/Vostock Photo

Die Übernahme des Ölförderers RWE Dea durch LetterOne sorgte für heftige Diskussionen, bekam schließlich dennoch grünes Licht aus Berlin. Foto: DPA/Vostock Photo

Russische Investoren haben nicht den besten Ruf, dabei kaufen sie insolvente Unternehmen und erhalten Arbeitsplätze. Gegenwärtig aber halten sie sich wegen der Krise zurück.

Heikel und diskussionswürdig, so bezeichneten einige deutsche Politiker den Verkauf der RWE Dea AG, der Öl- und Gasfördertochter des deutschen Energiekonzerns RWE, an die Investorengruppe LetterOne aus Luxemburg. Der Grund dafür ist, dass hinter LetterOne die russischen Milliardäre Michail Fridman, German Han und Alexei Kuzmitschew stecken. Die Übernahme beläuft sich auf 5,1 Milliarden Euro und wäre die größte russische Investition in der Bundesrepublik, größer noch als alle bislang getätigten Investitionen zusammen. Doch das Geschäft wird nicht in der Statistik der Bundesbank über Direktinvestitionen aus Russland auftauchen. Denn auch wenn LetterOne Russen gehört, hat die Gesellschaft ihren Sitz in Luxemburg. Dass es sich damit um einen Investor mit Sitz in der EU handelt, ist laut Bundeswirtschaftsministerium ausschlaggebend für die Zustimmung zu diesem Deal gewesen.

„Wenn es um russische Investitionen geht, spielt die Verflechtung von staatlichem Einfluss und Oligarchen in der Presseberichterstattung immer eine große Rolle", erklärt Sebastian Henn, Projektleiter beim Leibnitz-Institut

für Länderkunde, Leipzig (IfL). Das Institut hat in einem Projekt zu ausländischen Direktinvestitionen aus den BRIC-Staaten untersucht, wie die Presse über das Engagement russischer Unternehmen in Deutschland berichtet. „Verglichen mit Investoren aus China oder Indien werden Russen deutlich weniger häufig als Partner gesehen", erklärt Henn. Gleichzeitig beziehe sich die Berichterstattung, wenn es um russische Investitionen gehe, zu über 90 Prozent auf Übernahmen deutscher Firmen. Tatsächlich aber seien mehr als drei Viertel der russischen Investitionen sogenannte Greenfield-Projekte, also Unternehmen, die komplett neu gegründet und aufgebaut werden. Allerdings handele es sich bei diesen Investments, gemessen an Anzahl und Umsatz überwiegend um Kleinstunternehmen.

 

14.000 Arbeitsplätze dank russischer Investoren

 Insgesamt zählten Henn und seine Kollegen 2.554 russische Investitionen in Deutschland, von denen der überwiegende Teil von Privatpersonen getätigt wurde. Nur hinter etwa 200 von stecken institutionellen Investoren, also andere Unternehmen oder eine Holding. Insgesamt schufen russische Unternehmen nach Angaben der Wissenschaftler rund 14.000 Arbeitsplätze in Deutschland.

Gerade bei insolventen Unternehmen greifen Russen gern zu und sichern so Jobs. Ein Paradebeispiel ist etwa die Übernahme des Thüringer Busherstellers Göppel GmbH durch die Petersburger Industrieholding Kirow-Werke, einen der größten Traktoren- und Baumaschinenhersteller Russlands. Die Übernahme habe das Fortbestehen der traditionsreichen Marke mit seinen Standorten in Nobitz und Augsburg gesichert, erklärte der damalige Insolvenzverwalter von Göppel, Harald Hess. Zuvor hatten die Kirow-Werke Ende 2012 bereits den Werkzeughersteller Monforts aus Mönchengladbach vor einer Pleite bewahrt. Die Petersburger engagierten sich finanziell und verfolgen langfristige Ziele. Der Umsatz ist von 28 Millionen Euro 2012 auf 29,6 Millionen Euro im vergangenen Jahr gewachsen, und er soll weiter zulegen.

Die Petersburger Industrieholding Kirow-Werke ist einer der größten Traktoren- und Baumaschinenhersteller Russlands. Foto: ITAR-TASS

Dennoch wollen die Kirow-Manager aufgrund der politischen Lage derzeit nicht über die eigenen Erfolge auf internationalen Märkten sprechen. Während sich die Petersburger lediglich in Zurückhaltung üben, könnten andere ihre Investitionen sogar verschieben. Ähnlich sehen es auch unabhängige Experten wie Stanislaw Rogojine, der bei der Russian Business Group von PriceWaterhouseCoopers russische Investoren mit Zielland Deutschland berät. „Nach unserer Erfahrung wird Deutschland nach wie vor als sicheres Investitionsland betrachtet. Insgesamt können wir uns aber vorstellen, dass russische Investoren vorsichtiger werden, im Ausland zu investieren und zunächst abwarten, wie sich die politische Lage in den kommenden Monaten entwickeln wird", erklärt Rogojine. „In der Praxis lässt sich das allerdings noch nicht belegen."

Die Übernahmen der beiden insolventen Unternehmen, des Busbauers Göppel und des Werkzeugmachers Monforts durch die Petersburger Kirow-Werke, waren nicht nur die Rettung für Hunderte Arbeitplätze in Deutschland. Sie markieren auch die Wiedergeburt des einstigen Industrieriesen aus Russland.

Das Kirow-Werk in St. Petersburg war einst der Stolz der sowjetischen Wirtschaft. Nach dem Ende der Planwirtschaft hielt sich das Kombinat mit der Stahlproduktion und der Vermietung seines gigantischen Areals im Stadtzentrum über Wasser. Eine radikale Wende erwartete den Konzern, als der 24-jährige Georgij Semenenko 2007 seinen Vater als Chef der Kirow-Werke beerbte und einen knallharten Reformkurs startete.

Eines der Hauptziele der Petersburger ist die technologische Angleichung an westliches Niveau. „Wir wollen neue Technologien entwickeln und mit dem Fortschritt mithalten“, sagte Semenenko bei seinem Besuch in der Zentrale von Monforts im Mai dieses Jahres. Schon vor der Übernahme haben die Mönchengladbacher Maschinen für den Bau von Traktoren nach St. Petersburg geliefert. Und das deutsche Tochterunternehmen dürfte mit weiteren Aufträgen rechnen, denn im Juni dieses Jahres startete in St. Petersburg die Serienproduktion eines neuen Traktormodells, des Kirowets K-744R.


Aktiver als China, Indien und Brasilien

 Tatsächlich aber fehlt es den russischen Investoren an Dynamik – nicht erst seit der Ukraine-Krise. Den größten Zufluss russischen Kapitals gab es in den beiden Jahren vor der Wirtschaftskrise 2009. 2008 betrug der Bestand russischer Direktinvestitionen 4,3 Milliarden Euro. Noch 2007 sagten

Experten voraus, dass sich die russischen Investitionen in die deutsche Wirtschaft den Investitionen deutscher Unternehmen in Russland künftig angleichen könnten. Dazu ist es allerdings nicht gekommen. Derzeit liegen deutsche Direktinvestitionen in die russische Wirtschaft bei etwa 23 Milliarden Euro, während die russischen wieder leicht unter die Marke von drei Milliarden Euro gesunken sind.

„Die Investitionen lassen in der Tat nach, das war allerdings schon vor der Krise um die Ukraine der Fall. Die teilweise schwierige wirtschaftliche Situation hat zu einem Rückgang der Investments geführt", erklärt Andreas Knaul, Rechtsanwalt und Managing Partner Russland der internationalen Kanzlei Rödl &Partner, Nürnberg. Die jetzige Krise habe nicht dazu beigetragen, den Abschwung zu bremsen. Allerdings engagiert sich Russland in Deutschland mehr als Wirtschaftsgrößen wie Indien, China oder Brasilien. Die Investitionen Russlands übersteigen bei weitem die Summe, die die anderen BRIC-Staaten zusammen investierten.

Jüngst sorgten etwa zwei Deals im Schiffbau für Aufsehen. Vitalij Jusufow übernahm für geschätzt fünf Millionen Euro im Mai die insolvente Volkswerft Stralsund. Ihm gehören bereits die Schiffbaubetriebe in Warnemünde und Wismar. Im März ging die Sietas-Werft aus Hamburg für sieben Millionen Euro an die Petersburger Pella Shipyards. Beide Investoren versprechen staatliche Aufträge aus Russland.

Andere Investoren sehen Deutschland oft auch als Tor für eine Expansion nach Europa, wie etwa der russische Software-Hersteller Abbyy. „Für unseren IT-Vertrieb brauchen wir erfahrene Experten, die mindestens deutsch und englisch sprechen und für unsere Kunden in Europa verfügbar sind", erklärt Jupp Stoepedie, Europachef von Abbyy. „Um erfolgreich zu sein, brauchen wir eine Niederlassung hier in Deutschland." Zumal Deutschland als größte Volkswirtschaft Europas per se ein attraktiver Markt sei. Für andere Hersteller ist Deutschland wiederum als Quelle für Know-how und als Produktionsstandort besonders interessant.

So hat die Ilim Timber aus St. Petersburg 2010 die Klausner Gruppe mit ihren beiden Sägewerken in Bayern und Mecklenburg-Vorpommern

übernommen und die Belegschaft von 530 auf 600 Mitarbeiter vergrößert. Einer der Gründe für den Kauf war die Belieferung von Kunden in Europa, den USA und im Nahen Osten. „Russische Investoren spielen eine größere Rolle als man gemeinhin annimmt. Das hängt aber auch damit zusammen, dass sie ihre Tätigkeit kaum öffentlich machen", erklärt PwC-Mann Rogojine. Viele investierten über Drittländer wie die Niederlande, Zypern, die Schweiz oder wie im Fall von LetterOne über Luxemburg.

„Anders als deutsche Unternehmen in Russland, so unsere Erfahrung, haben russische Unternehmer in Deutschland selten den Wunsch, ihre Interessen zu bündeln und in der Öffentlichkeit als russische Investoren wahrgenommen zu werden."

Der russische Softwareentwickler Abbyy ist vor allem durch seine Schrifterkennungssoftware FineReader international bekannt geworden, die es erlaubt, Papierdokumente in durchsuch- und editierbare Dateien umzuwandeln. Gegründet wurde das Unternehmen 1989 vom damaligen Studenten David Jan, der ein elektronisches Wörterbuch programmieren wollte. Der Verkauf startete 1990.

Drei Jahre später folgte die erste Version des FineReaders. Ende der 90er Jahre expandierte Abbyy zunächst in die USA und später auch nach Deutschland, wo im Jahr 2000 die Zentrale für Europa in München gegründet wurde. Dort arbeiten heute 70 Mitarbeiter, hinzu kommen noch etwa 15 Angestellte, die in anderen europäischen Büros tätig sind.

„Unsere Aufgabe ist es, die Produkte von Abbyy, die in Russland entwickelt werden, hier zu vermarkten und unseren Kunden einen umfangreichen Service und Support anzubieten“, erklärt Jupp Stoepetie, Europa-Chef des IT-Unternehmens. „Deutschland ist die größte Volkswirtschaft in Europa, es gibt hier viele erfahrene Fachkräfte, die Infrastruktur ist hervorragend“, zählt er die Vorteile des Standortes auf. Zudem müsse man auch für Kunden vor Ort verfügbar sein. Zu den Kunden des Unternehmens gehören Konzerne wie Volkswagen oder auch öffentliche Einrichtungen wie die Universitätsbibliothek in Frankfurt am Main. „Wir sind ein globales Unternehmen, unsere Mitarbeiter kommen aus unterschiedlichen Ländern und sind alle mehrsprachig. Die russischen Wurzeln merkt man uns eigentlich nicht an“, erklärt Stoepetie.

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