Gazprom blickt nach Osten

Foto: Getty Images/Fotobank

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Gazprom plant im November einen weiteren Gas-Deal mit China. Zugleich lehnte es das Unternehmen ab, seine Gasexporte nach Europa aufzustocken.

Russland will in Zukunft noch mehr Gas nach China exportieren. Wenn es nach Gazprom geht, könnte bereits im November auf einem Treffen der Asiatisch-Pazifischen Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit (APEC) in Peking ein neuer Vertrag unterschrieben werden.

Dies wäre bereits das zweite große Handelsabkommen mit China, nach dem im Mai bereits die Lieferungen aus Vorkommen in Jakutien vereinbart wurden. Laut Energieminister Alexander Nowak sei diesmal eine Route weiter westlich, nämlich durch die Altai-Region, im Gespräch. Auf dem geplanten Gipfeltreffen soll nach den Vorstellungen der russischen Delegation ein Vertrag über die Lieferung von insgesamt 30 Milliarden Kubikmeter Gas für die nächsten 30 Jahre geschlossen werden. Allerdings seien auch höhere Mengen von 60 oder gar 100 Milliarden Kubikmetern Gas denkbar, so Nowak.

Zum Vergleich: Nach Europa lieferte Gazprom im vergangenen Jahr 161,6 Milliarden Kubikmeter Gas, davon allein 41 Milliarden Kubikmeter nach

Zahlen


28 
Prozent beträgt der Anteil Russlands an den weltweiten Gasreserven. Dabei entfallen zwei Drittel auf Gazprom.

34 
Prozent der deutschen Gasimporte entfallen auf Lieferungen aus Russland. An zweiter Stelle liegt Norwegen mit 31 Prozent.

40,15 
Milliarden Kubikmeter Erdgas lieferte Russland 2013 nach Deutschland und stellte somit einen Rekord auf.

Deutschland. Die Bundesrepublik ist damit der größte Verbraucher von russischem Gas in Europa und Russlands größter Gaskonzern der wichtigste Gaslieferant auf dem europäischen Markt. Das Unternehmen versorgt mehr als ein Viertel aller europäischen Verbraucher.

Dennoch ist das Verhältnis zwischen Gazprom und Europa angesichts der aktuellen Krise um die Ukraine angespannt. Mitte September 2014 hatte das Unternehmen seinen europäischen Abnehmern, speziell dem polnischen Gas- und Erdölkonzern PGNiG, eine Aufstockung des Lieferumfangs verwehrt. Das Unternehmen hatte um eine Erhöhung der Liefermenge gebeten, was von der von russischen Seite abgelehnt wurde, wie der polnische Konzern mitteilte. Mehr noch: Polen habe rund 20 Prozent weniger Gas erhalten als ursprünglich bestellt.


Russlands Machtdemonstration

 Vor diesem Hintergrund ist die weitere Annährung Russlands an China zu betrachten. Die Verhandlungen darüber, Gas auch auf einer westlichen Route nach China zu liefern, wurden nach dem Vertragsabschluss zwischen Gazprom und dem chinesischen Energiekonzern CNPC über die Lieferung von 400 Milliarden US-Dollar (rund 311 Milliarden Euro), im Mai dieses Jahres aufgenommen. Das Gas soll über die neue Pipeline Sila Sibiri („Kraft Sibiriens") fließen, deren Bau bereits im September 2014 begonnen wurde. Die geplanten Gaslieferungen sollen dabei aus den Erdgasvorkommen in Ostsibirien gespeist werden.

Ilja Balakirew, Chefanalyst bei der Investmentgesellschaft UFS, sieht in den Verhandlungen über eine zweite Lieferroute nach China eine Machtdemonstration Russlands. „Gazprom lässt durchblicken, dass es dazu bereit sei, Gaslieferungen, die in die EU exportiert werden, buchstäblich nach China umzuleiten. Im Vorfeld weiterer Verhandlungen über die Zukunft von South Stream sowie der ukrainischen Gaslieferungen stellt dies ein klares Zeichen seitens Russlands dar", erklärt der Analyst. Dass eine Exportroute weiter westlich auch die klassischen Gasfelder Westsibiriens für China öffnen könnte, hat Gazpromchef Alexej Miller bereits angedeutet.

 

Leitungsnetz für den Gasexport aus Russland nach Europa

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Gleichzeitig sind sich Experten sicher, dass der europäische Absatzmarkt weiterhin eine Schlüsselregion für Gazprom bleiben wird. „Der europäische Markt hat für Russland weiterhin eine hohe Priorität – das heißt, er ist für Gazprom der wichtigste Markt. Dass man derzeit eine ganze Reihe an strategisch wichtigen Problemen auf dem europäischen Markt lösen muss, ist ein anderes Thema", so Ilja Balakirew.

Insgesamt liefert Gazprom etwa ein Drittel seines gesamten Exportvolumens

nach Europa, mehr als die Hälfte seiner Einnahmen generiert der Gaskonzern damit aus Geschäften in der Europäischen Union. Darüber hinaus verfügt Gazprom in Europa, genauer in Österreich, Großbritannien, Deutschland und Serbien, über unterirdische Gasspeicher mit einem Volumen von insgesamt 4,5 Milliarden Kubikmetern.

Gazprom ist daher bemüht, seine europäischen Partner zu beruhigen. Wie Gazprom-Chef Miller in einem Gespräch mit Präsident Putin Mitte September äußerte, bezögen sich die Beschwerden europäischer Abnehmer über zu geringe Liefermengen lediglich auf angeforderte Zusatzlieferungen. „Es ging um sogenannte zusätzliche Mengen. Und es bestehen keine Zweifel daran, dass wir nach dem Abschluss der Periode der Einspeisung, der aktiven Anreicherung von notwendigen Gasvorräten in unseren unterirdischen Speichern dazu fähig sein werden, die zusätzliche Nachfrage unserer europäischen Verbraucher zu befriedigen", sagte Miller. Zuerst freilich müssen die eigenen Gasspeicher gefüllt werden. Russland erwartet nach Angaben der Meteorologen einen sehr kalten Winter. Daher sollen die Gasvorräte in den Untergrundspeichern auf 72 Milliarden Kubikmeter erhöht werden. Diese Vorratsmenge würde einen Rekord in der Geschichte dieser Branche darstellen.


Kein Gas für die Ukraine

Tatsächlich betroffen von Lieferkürzung war die Ukraine. Denn die fehlenden Zusatzmengen in Polen führten schließlich dazu, dass das Land den Reexport von russischem Gas an die Ukraine im September einstellen musste. Zudem drosselte Gazprom auch die Gaslieferungen über die Ukraine und die Slowakei nach Polen. Anfang September wurden noch mehr

als 60 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag geliefert, seit dem 12. September 2014 erhalten die Abnehmer nur noch 50 bis 55 Millionen Kubikmeter Gas pro Tag. Der polnische Konzern PGNiG konnte daher noch bis vor kurzem 4,2 Millionen Kubikmeter des von Polen bezahlten Gases an den ukrainischen Konzern Naftogaz weiterverkaufen. Naftogaz war, nachdem Gazprom die Preise von 210 auf 380 Euro pro 1.000 Kubikmeter Gas erhöht hatte, in Bedrängnis geraten und hatte von Polen und Ungarn Reverslieferungen erbeten.

Diese Lieferungen werden jedoch von Gazprom als illegal erachtet. Das Gas, das für Polen bestimmt ist, werde noch auf ukrainischem Territorium angekauft, dort, wo auch die direkten Gaslieferungen an ukrainische Abnehmer aufliefen. Weil es also keine echten Rücklieferungen gibt, das Gas die Ukraine also nie verlässt, sieht Gazprom darin einen Verstoß gegen die Vertragsbedingungen. Gazprom selbst will kein Gas in die Ukraine liefern, bis das Land seinen Schuldenberg von rund vier Milliarden Euro gegenüber Russland beglichen hat.


Genug für Europa und China

 „Gazprom hat mehrfach betont, dass der europäische Markt für den Konzern sehr wichtig ist – ungeachtet seiner Zusammenarbeit mit Partnern

auf der ganzen Welt. Man beabsichtigt daher auch nicht, die Präsenz in Europa einzustellen", so Dmitrij Baranow, führender Experte bei Finam Management. Sollte Gazprom kein Gas mehr nach Europa liefern, wäre der Konzern faktisch dazu gezwungen, den Umfang seiner Tätigkeit wesentlich zu reduzieren.

„Die Möglichkeiten sowie die Gasreserven, über die das Unternehmen verfügt, reichen aus, um gleichzeitig sowohl auf dem östlichen als auch auf dem westlichen Markt zu agieren. In diesem Sinne kann von einer Strategieänderung nicht die Rede sein – auch in Zukunft nicht", erklärt Baranow. „Solange Europa nicht auf Gas- sowie Erdöllieferungen aus Russland verzichtet, wird Gazprom auch niemals in Erwägung ziehen, die Gaslieferungen für europäische Konsumenten zu verweigern", so der Experte. Außerdem ist Ilja Balakirew der Meinung, dass „die Gaspreise für Europa eher sinken könnten – allerdings erst dann, wenn Gazprom in für den Konzern entscheidenden Punkte Fortschritte sieht".

3 Fakten über Russlands Gasexporte

 

1. Bereits Mitte der 40er Jahre startete der Export von Gas nach Polen. 1967 folgte die Tschechoslowakei. Ein Jahr später unterschrieb die Sowjetunion einen Vertrag mit der österreichischen Firma OMV über die Belieferung Westeuropas.

2. Deutschland ist der wichtigste Partner von Gazprom in Europa. Seit 1973 hat Russland bereits über eine Billion Kubikmeter Gas in die Bundesrepublik (einschließlich DDR) geliefert.

3. Der Preis für Gas hat sich in den vergangenen zehn Jahren mehr als verdreifacht. Während die Exportmenge Russlands seit Jahren stabil blieb, stieg der Erlös aus dem Verkauf von 20 Milliarden US-Dollar im Jahr 2003 auf 67 Milliarden US-Dollar 2013.