Was steckt hinter dem Rubelsturz?

Fallende Erdölpreise und Sanktionen machen dem Rubel zu schaffen. Foto: Reuters

Fallende Erdölpreise und Sanktionen machen dem Rubel zu schaffen. Foto: Reuters

Seit Jahresbeginn ist der Wert des Rubels um mehr als 25 Prozent gesunken. Für die Analysten liegt der Hauptgrund im fortwährenden Sinken der weltweiten Erdölpreise. Dabei kann eine Schwächung der russischen Nationalwährung für die Regierung durchaus von Vorteil sein, weil sie ein mögliches Defizit im Staatshaushalt abmildern kann.

Seit Jahresbeginn ist der Wert des Rubels um mehr als 25 Prozent gesunken. Als wesentlichen Grund für die hohe Abwertung machen Marktteilnehmer die stetig fallenden Erdölpreise in den vergangenen Monaten aus. „Zum gegenwärtigen Zeitpunkt ist der Absturz des Erdölpreises einer der Schlüsselfaktoren, der die Schwächung der russischen Währung mit sich bringt“, sagt Anton Soroko, Analyst der Investmentholding Finam. So sei der Wert eines Barrels der Erdölmarke Brent auf unter 87 US-Dollar gefallen, im Sommer habe dieser noch bei 115 US-Dollar gelegen.

 

Rubel im freien Fall

Wie Soroko ausführt, erfolge dieser Prozess vor dem Hintergrund eines aggressiven Kursanstiegs des US-Dollars, und zwar nicht nur gegenüber dem Rubel, sondern auch gegenüber dem japanischen Yen, dem Schweizer Franken, dem Euro und anderen Währungen. „Der Kursanstieg des US-Dollars spiegelt in erster Linie die mangelnde Währungsdeckung auf dem Markt und eine gleichzeitig gestiegene Nachfrage wider“, sagt der Analyst.

Das Sinken des Erdölpreises sei dabei das wichtigste Kennzeichen. Es bewege sich vorerst noch im Rahmen der Erwartungen, weil die Investoren einen Rückgang der Exporteinnahmen in Russland befürchten, glaubt Michail Chromow, wissenschaftlicher Mitarbeiter des Zentrums für Strukturanalyse am Institut für angewandte Wirtschaftsforschung der Russischen Akademie der Volkswirtschaft und des öffentlichen Dienstes. Für ihn kommen jedoch noch zwei weitere Faktoren hinzu, die den Rubelkurs beeinflussen: die Auswirkungen der Sanktionen und die geopolitische Instabilität, die den Zufluss ausländischen Kapitals nach Russland zurückhalten.

Außerdem erinnert der Chef-Analyst von FS IC, Alexej Koslow, daran, dass im Oktober der Monatsbericht der Europäischen Zentralbank veröffentlicht wurde. Demnach haben die Impulse für ein Wirtschaftswachstum in Europa nachgelassen, die Inflation sei auf einen kritischen Wert gesunken. Das bedeutet, dass der Europäischen Währungsunion eine Rezession droht. „Vor dem Hintergrund der bedrohlichen Risikozunahme bei einer gleichzeitigen Stärkung des US-Dollars und des Sinkens des Erdölpreises sind der Rubel und der russische Aktienmarkt starkem Druck ausgesetzt“, sagt Alexej Koslow.

Als Reaktion auf das Sinken des Rubelkurses intervenierte die russische Zentralbank Anfang Oktober, indem sie einen Betrag in Höhe von mehr als vier Milliarden Euro in den Markt pumpte. Zur Stützung des Rubelkurses verkaufte die Zentralbank US-Dollar. Nach Informationen von Anton Soroko betrug der Umfang der Interventionen im Oktober 2014 jedoch lediglich ein Drittel des Wertes im März des Jahres, als der Kurs vor dem Hintergrund der Angliederung der Krim an Russland gefallen war. „Auf diese Weise gleicht die Zentralbank lediglich die Marktschwankungen aus, versucht aber nicht, den aktuellen Entwicklungstrend der russischen Währung aufzuhalten“, sagt der Experte.

 

Schwacher Rubel tut dem Staatshaushalt gut

Eine Schwächung des Kurses der russischen Nationalwährung ist für die Regierung durchaus von Vorteil, weil es zur Verringerung des Haushaltsdefizits führen kann. Anton Soroko zufolge wirkt sich der Absturz

des Rubels positiv auf den Staatshaushalt aus, weil es dadurch möglich geworden sei, den Einbruch bei den Einnahmen aus dem Erdöl- und Erdgasverkauf auszugleichen: Der Großteil der fossilen Brennstoffe werde für US-Dollar und Euro verkauft, der russische Staatshaushalt dagegen in der Nationalwährung Rubel aufgestellt. Auch verschaffe ein schwacher Rubel den russischen Erzeugern einen Vorteil, da die Preise der Importwaren stiegen, was sich positiv auf die Wettbewerbsfähigkeit der russischen Betriebe gegenüber den ausländischen Erzeugern auswirke, so der Analyst. 

So sieht auch Alexej Koslow eine potenzielle Stärkung des Rubels, da Investitionen in die russische Wirtschaft attraktiver würden und dadurch der Kapitalabfluss verringert werde. „Gegenwärtig ist die russische Wirtschaft in vielerlei Hinsicht sehr stark vom Erdölpreis, der Geschwindigkeit des

Wirtschaftswachstums und der Inflation abhängig. Wenn sich diese Faktoren auf einem normalen Niveau befinden, kann auch die Währung Russlands gestärkt werden“, sagt er. Allerdings kann auch der Kursanstieg der russischen Währung zu einer allmählichen Erholung des Erdölpreises führen.

Der Erdölpreis stieg nach Informationen der Nachrichtenagentur Bloomberg am 20. Oktober wieder. An diesem Tag wurde bekannt, dass der Iran versuche, Maßnahmen zur Verhinderung eines weiteren Erdölpreisverfalls zu ergreifen. Darüber hinaus haben Saudi-Arabien und Kuwait beschlossen, die Erdölförderung in der Lagerstätte Khafji, die sich in der neutralen Zone zwischen den beiden Staaten befindet, zu drosseln. Im Endergebnis hoben die Dezember-Futures für die Erdölmarke Brent wieder auf ein Niveau von 90,21 US-Dollar pro Barrel an.

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