Russische Metallbranche erfindet sich neu

Foto: Getty Images/Fotobank

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Sinkende Rohstoffpreise zwingen Russlands Metallbranche zu Kostensenkungen und harten Einschnitten. Doch der Umbau zahlt sich bereits aus.

Die fetten Jahre für die russische Metallindustrie scheinen endgültig vorbei zu sein. Die horrenden Metallpreise, die die Stahlkocher dank der unstillbar scheinenden Nachfrage aus China und Indien einst reich machten, kommen so schnell nicht wieder.

Die verwöhnte Branche musste sich daher in den vergangenen Jahren einem knallharten Fitnessprogramm unterziehen und schmerzhafte Einschnitte verkraften. Dazu gehörten etwa der Verkauf ausländsicher Beteiligungen, Investitionen in die Modernisierung der Anlagen und die Fokussierung aufs Kerngeschäft.

Dank dieses Fitnessprogramms können sich die Gewinne der Branche wieder sehen lassen, und es gibt Anzeichen, dass die Zukunft auf einigen Gebieten ein wenig freundlicher aussehen wird. „Die globale Aluminiumindustrie hat die Talsohle durchschritten", erklärte Rusal-Geschäftsführer Oleg Deripaska im Sommer, nachdem das Unternehmen, das fast 9 % des gesamten Aluminiumbedarfes in der Welt deckt, für das zweiten Quartal 2014 ein Ergebnis von 91,6 Millionen Euro gemeldet hatte.

 

Aluminium boomt

 Es war das erste Mal seit einem Jahr, dass Rusal einen Quartalsgewinn vermelden konnte. Inzwischen haben die Aluminiumpreise im dritten Quartal angezogen. Rusal wurde nach der Übernahme des kleineren Wettbewerbers SUAL und des internationalen Rohstoffhändlers Glencore im Jahre 2007 zum neuen Aluminium-Champion Russlands.

Heute ist Rusal in 19 Ländern auf fünf Kontinenten aktiv und hat seinen Hauptsitz in Moskau. Laut Rusal stieg der weltweite Verbrauch von Aluminium in der ersten Jahreshälfte 2014 auf 27 Millionen Tonnen und damit um 6 % im Vergleich zum entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Am stärksten stieg die Nachfrage nach Aluminium in China (13 %), Japan und Südkorea (jeweils 10 %) sowie in Mittel- und Südamerika (5 %).

„Das zu Jahresbeginn noch absolut düstere Bild auf dem Aluminiummarkt hat sich dank eines drastischen Preisanstiegs inzwischen wesentlich aufgehellt", sagt Ilja Balakirjew, Chef-Analyst der Moskauer Investmentgesellschaft UFS IC.
Bezahlt macht es sich auch für die Branche, dass sie, anders als der Öl- und Gassektor, nicht von westlichen Sanktionen betroffen ist. Die russischen Stahl-, Kohle-, Diamanten-, Eisen-, Palladium-, Aluminium- und Kali-Erzeuger sind zwar nicht völlig losgelöst von politischem Einfluss, aber in sicherem Abstand zur Risikozone.


Riesen in privater Hand

Russland gehört zu den Ländern mit den reichsten Vorräten an Rohstoffen. Im russischen Boden lagern ungefähr 25 Milliarden Tonnen Eisenerz, die drittgrößten Vorkommen der Welt. Hoch im Norden, hinter dem Polarkreis,

fördert Norilsk Nickel Rohstoffe und deckt mit seinen Erzeugnissen 14 % des globalen Bedarfs an Nickel und 41 % des Bedarfs an Palladium. Norilsk gehört mit einem Weltmarktanteil von 11 % auch zu den vier größten Platinproduzenten und deckt 2 % des weltweiten Kupferbedarfes.

Russland ist auch der drittgrößte Exporteur von Hüttenaluminium und -stahl und verfügt über die zweitgrößten Kohlenvorräte der Welt.

Und dann sind da noch Russlands Kronjuwelen: die weltweit größten Erdgasreserven und achtgrößten Erdölreserven. Die übergroße Bedeutung der russischen Erdöl- und Erdgasproduktion für die Wirtschaft des Landes hat den Kreml dazu veranlasst, diese Branche fester in der Hand zu halten als andere Rohstofferzeuger.

Russlands Metallindustrie befindet sich dagegen mehrheitlich in privater Hand. Die Aktien der größten Unternehmen der Branche werden über die Börsen in Moskau, London und New York an internationale Kapitalanleger verkauft.

 

Dynamik der Metallpreise

Klicken Sie die ganze Grafik näher anzusehen. Grafik: Gaia Russo


Reformen zahlen sich aus

 Russlands große Stahlerzeuger haben kontinuierlich Anstrengungen unternommen, um Kosten zu senken, schlechte Aktiva abzustoßen und sich wieder auf den einheimischen Markt zu fokussieren. Die Erfolge der Unternehmen können sich sehen lassen, auch wenn der Reingewinn nicht ganz so glänzend ist wie das Ergebnis vor Zinsen, Steuern, Abschreibung auf Sachanlagen und nichtmaterielle Vermögenswerte. Im August war Novolipetsk-Steel beispielsweise, kurz NLMK genannt, nach Kostensenkungen das profitabelste Stahlunternehmen der Welt. Laut Angaben der Wirtschaftsagentur Bloomberg betrug das EBITDA des

Unternehmens im zweiten Quartal 461 Millionen Euro. Mit seiner Gewinnspanne von 21 % stellte der Konzern, der seit 2005 an der Londoner Börse gelistet ist, alle Wettbewerber in den Schatten.

Severstal, das Stahl- und Bergbauunternehmen, an dem der Milliardär Alexej Mordaschow einen Mehrheitsanteil hält, gehörte mit einer Gewinnspanne von 19 % laut Bloomberg vor Kurzem auch noch zu den 25 profitabelsten Firmen der Branche.

Im Sommer dieses Jahres stieß Severstal seine US-amerikanischen Aktiva in Columbus (Mississippi) und Dearborn (Michigan) für insgesamt 2,3 Milliarden US-Dollar ab und zahlte davon eine Milliarde US-Dollar als Sonderdividende aus.
Auch der Bergbau- und Stahlkonzern Mechel beabsichtige, Vermögenswerte in Höhe von 1,5 bis 2,5 Milliarden Euro zu verkaufen, um damit seine Schulden von 6,3 Milliarden Euro zu verringern, erklärte Geschäftsführer Oleg Korschow im September gegenüber der Moskauer Wirtschaftszeitung Wedomosti. Mechel befindet sich in Verhandlungen mit staatlichen Banken, um eine Umschuldung zu erzielen, die das Unternehmen vor der Insolvenz bewahrt. Es bleibt abzuwarten, ob die Regierung dem Unternehmen, das über 70.000 Mitarbeiter beschäftigt, mit Rettungspaketen unter die Arme greift.

Zahlen

 

Vier Milliarden Euro investierten die Stahl- und Buntmetallhersteller im vergangenen Jahr. Im laufenden Jahr dürften die Investitionen geringer ausfallen.

Die russische Buntmetallbranche setzte im vergangenen Jahr Waren im Wert von 30 Milliarden Euro um. Der Export betrug mehr als 13 Milliarden Euro, also fast die Hälfte des Umsatzes.

Der Anteil von Stahl und Buntmetallen am Gesamtexport Russlands lag im vergangenen Jahr bei 9,6 Prozent. 4,7 Prozent des BIP werden in der Metallurgie erwirtschaftet.

Russland belegt hinter China, Japan, Indien und den USA den fünften Platz unter den weltweit größten Stahlherstellern.

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