Metallurgie: Flaute bei guter Aussicht

Die deutsche SMS Meer baute Russlands modernste Röhrenfabrik „Höhe 239“. Foto: Pressebild

Die deutsche SMS Meer baute Russlands modernste Röhrenfabrik „Höhe 239“. Foto: Pressebild

Deutsche Ausrüster haben mit Russlands Metallunternehmen stets gute Geschäfte gemacht. Diese stocken nun angesichts von Sanktionen. Dabei bleibt das Potenzial riesig.

Wenn in Kürze die internationale Ausstellung Metall-Expo in Moskau beginnt, werden rund 30.000 Spezialisten der Metallbranche aus Dutzenden Ländern nach Russland kommen. Mit 47 Unternehmen sind die Deutschen nach China die zweitstärkste Ausstellernation. Kein Wunder, schließlich gehören Russlands Stahlkocher und Buntmetallproduzenten zu den treuesten Kunden von Ausrüstern aus der Bundesrepublik.

Doch diesmal dürfte die Stimmung im deutschen Lager gedämpft sein, denn derzeit herrscht eine Auftragsflaute in den deutschen Firmenzentralen. Vor Kurzem erklärte der Hauptaktionär der SMS Group Heinrich Weiss, dass die Ukraine-Krise das Projektvolumen weiter reduziere. „Wir sind zwar nicht direkt vom Embargo betroffen, aber unsere Kunden haben wegen der Sanktionen Probleme bei der Finanzierung ihrer Investitionen", so Weiss.

Russland war in den vergangenen Jahren ein Schlüsselmarkt im Bereich von Gießerei-, Walzwerks- und Hüttentechnik sowie von Thermoprozesstechnik. Rund acht Prozent der Exporte deutscher Unternehmen aus diesen Bereichen seien von 2009 bis 2013 jährlich auf das Konto russischer Auftraggeber gegangen, erklärt Ines Polak, Referentin beim Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau, VDMA. Damit lag das Land in der Rangliste der Exportmärkte in dieser Branche auf Platz vier. Zwar weise die Ausfuhrstatistik insbesondere bei der Hütten- und Walzwerkstechnik ein Plus von etwa 20 Prozent im ersten Halbjahr aus. Doch dies sei auf alte Aufträge zurückzuführen.

Neue Projekte liegen derzeit auf Eis, obwohl es noch zu Jahresbeginn aufgrund der guten Wirtschaftsbeziehungen in den metallurgienahen Branchen großes Potenzial für neue Projekte gegeben habe, so die VDMA-Expertin. Grund dafür seien insbesondere „aktuelle Rahmenbedingungen", oder besser gesagt: Verunsicherungen infolge der Sanktionen. „Die Exportstatistiken zeigen insbesondere bei Gießereimaschinen und Industrieöfen starke Rückgänge um jeweils über 40 Prozent."

Dabei waren deutsche Lieferanten maßgeblich an der tiefgreifenden Modernisierung der russischen Metallurgie in den vergangenen Jahren beteiligt. So lieferte die Düsseldorfer SMS Group zwei Großblechstraßen nach Tscheljabinsk und nach Vyksa. In beiden Fällen lagen die Investitionen der russischen Kunden bei mehr als einer Milliarde Euro. Auch der Stolz der russischen Röhrenindustrie, die Fabrik „Höhe 239", stammt von der SMS Meer, einem Tochterunternehmen der Düsseldorfer Gruppe. Das Werk produziert Pipelines mit einem maximalen Durchmesser von 1,4 Metern und gilt als modernste Anlage ihrer Art in Russland. Die Gesamtinvestitionen für die 2010 in Betrieb gegangene Fabrik beliefen sich auf eine halbe Milliarde Euro.

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Weniger Investitionen, kleinere Projekte

Russlands Stahlbranche ist nun bescheidener geworden. Sanktionen sind dabei nicht der einzige Grund. Tatsächlich haben viele Branchengrößen zum Jahresanfang angekündigt, Investitionen zurückzufahren. So will der Stahlkonzern NLMK geplante Investitionen im Umfang von 2,8 Milliarden Euro bis 2018 strecken. In den vergangenen vier Jahren beliefen sich die Investitionen noch auf 4,5 Milliarden Euro. Auch die Holdings Evraz und Severstal gaben an, ihre jährlichen Investitionen in den kommenden Jahren jeweils unter 800 Millionen Euro zu drücken. Die Stahlwerke der Region Tscheljabinsk, MMK, ChTPZ, ChMK, Mechel und UGMK, haben seit 2010 etwa 3,5 Milliarden Euro investiert.

Angesichts der Investitionsflaute sind die Projekte, um die sich deutsche Auftragnehmer derzeit in Russland bemühen, deutlich kleiner geworden. Der größte Auftrag im laufenden Jahr: Der Bau eines 180 Millionen Euro teuren

Stahlwerks in Tula, südlich von Moskau, den sich die SMS Meer in die Auftragbücher schreiben durfte. Ein Deal, auf den ebenfalls deutsche Firmen hoffen, ist zudem der Bau einer Galvanisierungsanlage für etwa 140 Millionen Euro, über den der russische Konzern NLMK bis Ende des Jahres entscheiden wird. Ein ähnlicher Auftrag ging bereits vor einigen Jahren an die deutsche Andritz Sundwig GmbH.

Größerer Investitionsbedarf besteht dagegen in der Buntmetallbranche. Viele Aluminiumhütten arbeiten mit dem veralteten Söderberg-Verfahren, das die Umwelt stark belastet. Sollten die Aluminiumpreise anziehen, könnten Modernisierungen wieder angeschoben werden, hofft man bei der Riedhammer GmbH in Nürnberg, dem führenden Hersteller von Industrieofen-Anlagen.

 

Stahlproduktion in Russlands

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Weitreichende Pläne

 Geht es nach der russischen Regierung, sollte das lieber heute als morgen passieren. Denn das Wirtschaftsministerium hat ehrgeizige Pläne für die zweitwichtigste Industrie des Landes. Die Investitionen der Stahlhersteller sollen laut eines Strategiepapiers bis 2020 rund 15 Milliarden Euro betragen, wobei zwei Drittel davon in die Zeit nach 2017 fallen. Gleichzeitig soll die Stahlproduktion um 14 Prozent auf 80 Millionen Tonnen jährlich steigen.

Neue Großprojekte sollen dies ermöglichen, etwa ein Stahlwerk im Fernen Osten mit einer jährlichen Kapazität von 2,2 Millionen Tonnen, dessen

Baustart für 2016 geplant ist. Allein dafür rechnen Regierungsvertreter mit Investitionen von über vier Milliarden Euro. Weitere Mega-Projekte sind die Erschließung des Erzvorkommens Tajoschnoe in Jakutien durch die Evraz-Holding oder Investitionen der KOKS-Gruppe in ihr Stahlwerk in Tula, die sich bis 2020 auf eine Milliarde Euro belaufen werden.

Bei der Umsetzung dieser Projekte dürften ausländische, insbesondere deutsche Hersteller eine große Rolle spielen. „Insgesamt 80 Prozent der notwendigen Ausrüstung kommt aus dem Ausland, vorrangig von den drei Branchengrößen SMS Group, Siemens und Daniele", heißt es in dem Papier.

Auch der Vize-Chef der Evraz-Holding, Alexej Iwanow, glaubt, dass ausländische Hersteller weiterhin gute Chancen auf dem russischen Markt haben. „Der internationale Maschinenbau ist uns einen Schritt voraus. Importsubstitution ist möglich, nicht jedoch bei ganzen Anlagen", sagte Iwanow kürzlich in einem Interview mit dem Wirtschaftsmagazin Expert. Dabei gehe es weniger um den Preis, denn um Qualität.