Russland erwartet einen Hotel-Boom

Großevents wie die Fußball-Weltmeisterschaft ziehen internationale Investoren in Russland an. Experten zweifeln allerdings am Sinn neuer Hotels. Foto: Zurab Dzhavakhadze / TASS

Großevents wie die Fußball-Weltmeisterschaft ziehen internationale Investoren in Russland an. Experten zweifeln allerdings am Sinn neuer Hotels. Foto: Zurab Dzhavakhadze / TASS

Laut einer Prognose von EY werden internationale Hotelbetreiber ihre Marktanteile in Russland verdoppeln, trotz der instabilen Wirtschaftslage. Bis 2020 sollen die Kapazitäten auf 61 000 Hotelzimmer erhöht werden, teilt das Unternehmen mit. Russische Experten äußern jedoch Kritik an diesen Plänen.

Laut einer Prognose des Beratungsunternehmens EY wollen internationale Hotelbetreiber ihre Marktanteile in Russland verdoppeln – trotz der instabilen Wirtschaftslage und der sinkenden Rentabilität der Hotels. Bis 2020 soll die Anzahl der Zimmer demnach um das Zweifache auf 61 000 erhöht werden. Das sind etwa 11 000 mehr als für die Austragung der Fußball-Weltmeisterschaft 2018 benötigt werden. Nur ein Fünftel (6 000) der neuen Hotels entstehen in Moskau, darüber hinaus planen die Hotelbetreiber neue Präsenzen in insgesamt 55 russischen Städten.

„Die Strategie internationaler Häuser sieht schon seit Langem einen Ausbau in den Regionen Russlands vor, hängt aber auch von der aktuellen Marktsituation ab“, erklärt David Jenkins, Leiter der Hotelsparte bei dem Immobilien-Beratungsunternehmen JLL, das erhöhte Interesse der Investoren. Zudem finden nach Angaben von EY in Russland immer häufiger internationale Events statt – die Universiade, die Olympischen Spiele, das Formel-1-Rennen und nun bald die Fußball-Weltmeisterschaft 2018.

Eine Stadt, die eine Gruppenetappe der Fußball-Weltmeisterschaft veranstaltet, müsse 7 760 Hotelzimmer der Kategorien zwei bis fünf Sterne

anbieten, sagt die Leiterin des Departements für Tourismus und Hotelgewerbe der Stadt Moskau Marina Smirnova. In Sankt Petersburg, der Stadt, in der das Halbfinale stattfindet, müssten bereits 14 410 Zimmer und in Moskau, wo das Finale ausgetragen wird, 29 780 Zimmer zur Verfügung stehen. „Diese Anzahl an Zimmern kann Moskau in höherwertigen Häusern bereits bieten. Von diesen Hotels aus ist auch das Stadion Luschniki – der wichtigste Ort der WM – relativ gut zu erreichen, wenn der Verkehr entsprechend umgeleitet wird“, sagt Smirnova. Sie befürchtet allerdings, dass es zu wenige Zwei-Sterne-Hotels in Moskau und Sankt Petersburg geben könnte.

„Hält man sich streng an die Vorgaben der Fifa, wird man in jeder regionalen Stadt ein Fünf-Sterne-Hotel, mindestens 300 bis 400 Zimmer in der Kategorie vier bis fünf Sterne und ebenso viele im Drei-Sterne-Bereich neu bauen müssen“, sagt Marina Smirnova. Die Gesamtkosten dafür würden sich auf über 800 Millionen Euro belaufen.

 

Hotel-Boom vor allem in den Regionen

In Moskau laufen aktuell die Bauarbeiten. In Kaliningrad, 1 300 Kilometer westlich, und in Samara, 1 050 Kilometer südöstlich von Moskau, werden gerade Investoren für die Vorhaben gesucht. „Wie die Erfahrung mit den Olympischen Spielen zeigt, können wir ein Hotel mit 500 Betten in nur einem Jahr bauen und einrichten. Sonst ist das bislang fast niemandem gelungen“, sagt Marina Smirnova. Die Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft werden also wohl 2016 bis 2017 in die heiße Phase gehen. Die Beamtin fügt jedoch hinzu: „Ich hoffe, dass es einen geringeren Zuwachs an Kapazitäten gibt, als die Fifa es verlangt. Denn die Schaffung eines solch massiven Angebots an Hotelbetten würde den Markt überfluten.“

Das glaubt auch David Jenkins von JLL. Er glaubt nicht, dass Moskau zusätzliche Hotels für die Fußball-Weltmeisterschaft braucht. Die Stadt sei

bereits in der Lage, die Bedürfnisse einer solchen Veranstaltung abzudecken, sagt er. „Sotschi wird, dank der Bauten für die Olympischen Spiele, überhaupt keine Engpässe, sondern vielmehr Überschüsse bei Zimmerkapazitäten haben“, fügt er hinzu.

In Wolgograd allerdings (970 Kilometer südlich von Moskau) und in Rostow am Don (1 070 Kilometer südlich der Hauptstadt) ist eine massenhafte Eröffnung neuer Hotels geplant. In den nächsten Jahren entstehen dort bis zu fünf Hotels internationaler Marken. „Die Eröffnung von Hotels eigens für die Fußball-Weltmeisterschaft – ein Event von vier bis sechs Wochen Dauer – birgt eine große Gefahr“, bemerkt Jenkins skeptisch. Denn nach dem sprunghaften Umsatzanstieg während der WM stelle sich für alle Hoteliers dieselbe Frage: Woran verdient man nach der WM? Jede Stadt habe die Aufgabe, beim Bauen die goldene Mitte zu finden, so Jenkins weiter. „In Kiew, das die Europameisterschaft 2012 ausgerichtet hat, führte die Eröffnung neuer Hotels zu einem stark erhöhten Wettbewerbsdruck im Gastgewerbe der ukrainischen Hauptstadt“, bemerkt er.   

„Solche Events wie die Olympischen Spiele in Sotschi und die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 sind Katalysatoren für die Entwicklung des Hotelsektors“, sagt auch Darren Blanchard, leitender Direktor der Geschäftsentwicklung bei Carlson Rezidor, und fügt an: „Eine echte Perspektive bietet nur die langfristige Entwicklung des Tourismus.“

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