Staatsanleihen: Das Trauma von 1998

Im Jahr 1998 erreichte die Jahresrendite auf die Staatspapiere 140 Prozent. Die Zinsen auf die Staatsanleihen konnten nicht mehr gezahlt werden. Am 17. August musste die russische Regierung den Staatsbankrott erklären. Foto: AP

Im Jahr 1998 erreichte die Jahresrendite auf die Staatspapiere 140 Prozent. Die Zinsen auf die Staatsanleihen konnten nicht mehr gezahlt werden. Am 17. August musste die russische Regierung den Staatsbankrott erklären. Foto: AP

Russland setzt im Kampf gegen sinkende Einnahmen im Staatshaushalt auf den Verkauf von Staatsanleihen. Das weckt Erinnerungen an das Jahr 1998, als der russische Staatshaushalt nahezu vollständig auf Staatsanleihen basierte. Die Folge war der Staatsbankrott.

2015 will das russische Finanzministerium die Emission kurzfristiger Staatsanleihen wieder aufnehmen, erklärte Vize-Finanzministerin Tatjana Nesterenko laut Nachrichtenagentur Tass im Haushaltsausschuss des Föderationsrats. Die Anleihen sollen an Privatpersonen und an ausländische Investoren ausgegeben werden. Die Regierung hofft, dadurch kurzfristige Liquiditätslücken schließen zu können, die durch den niedrigen Ölpreis drohen. Das Haushaltsdefizit solle dadurch ausdrücklich nicht ausgeglichen werden. Finanzminister Anton Siluanow hatte bereits zuvor mitgeteilt, dass im kommenden Jahr keine Überschüsse zur Depotbildung erwirtschaftet werden könnten.  

Nach Angaben von Dmitrij Bedenkow, Chefanalyst bei IK Russ-Invest, sollen die russischen Staatsanleihen zwei- bis dreimal pro Jahr ausgegeben werden. Im russischen Haushalt müssten dafür nach seinen Angaben etwa 600 Milliarden Rubel (rund neun Milliarden Euro) bereitgestellt werden. Er

hält Staatsanleihen für ein geeignetes Mittel, um die Schuldenlast kurzfristig auszugleichen. „Allerdings muss die schwierigere Lage im Finanzsektor berücksichtigt werden“, gibt er zu bedenken und fügt hinzu: „Der Emissionsprozess muss daher in hohem Maße kontrolliert werden.“

„Bei starken Kursschwankungen der Währung und steigenden Zinssätzen ist die Verfügbarkeit von Staatsanleihen wichtig, denn sie sind das wichtigste Instrument zur Refinanzierung der Banken“, erklärt Konstantin Korischenko, Leiter des Lehrstuhls für Finanzwesen an der Russischen Akademie für Wirtschaft und Verwaltung. Die Pläne der russischen Regierung nennt er daher einen vernünftigen Kompromiss zwischen Banken und Finanzministerium, der zusammen mit weiteren Maßnahmen zu einer Stabilisierung auf dem Finanzmarkt beitragen könnte, so Korischenko. Die Banken wollten liquide und rentable Aktiva, das Finanzministerium wollte keine langfristigen Kreditverpflichtungen mit hoher Zinsbelastung.

 

Unangenehme Erinnerungen 

Kurzfristige Staatsanleihen wurden in Russland erstmals 1993 für die Dauer von drei bis sechs Monaten emittiert. Einen Teil der Erlöse verwendete das Finanzministerium zum Ausgleich des Staatsdefizits. Allerdings reichten die Einnahmen damals nicht aus, um Verpflichtungen aus bereits emittierten

Anleihen zu erfüllen. Das Finanzministerium sah sich gezwungen, weitere Staatsanleihen herauszugeben. Im Jahr 1996 wurden mit Einschränkungen auch ausländische Investoren auf dem Anleihenmarkt zugelassen. Beispielsweise war die Ausfuhr der Erlöse aus dem Handel mit Obligationen erst ein Jahr nach der Einlösung möglich. Im weiteren Verlauf wurden diese Einschränkungen aufgehoben. Im Jahr 1998 erreichte die Jahresrendite auf die Staatspapiere 140 Prozent, die Obligationen deckten nahezu das gesamte Haushaltsdefizit Russlands. Die Zinsen auf die Staatsanleihen konnten nicht mehr gezahlt werden. Am 17. August 1998 musste die russische Regierung den Staatsbankrott erklären. Das führte zur tiefsten Wirtschaftskrise im postsowjetischen Russland und zur rekordartigen Entwertung des Rubels. Während ein US-Dollar am 15. August 1998 offiziell 6,3 Rubel kostete, mussten am 1. Oktober bereits 15,9 Rubel bezahlt werden, mehr als das Doppelte. 

Konstantin Korischenko glaubt nicht, dass eine Wiederholung dieses Szenarios droht: „Das, was in Russland 1998 geschah, war wesentlich komplexer als nur die Auswirkung einer sogenannten Staatsanleihen-Pyramide oder irgendeines anderen Finanzkonstrukts. Die damaligen Probleme hingen mit den Schwierigkeiten des Budgets, mit fallenden Ölpreisen, mit einem fixem Rubelkurs und weiteren Faktoren zusammen.“

Demnach waren es nicht nur die Verpflichtungen aus den Staatsanleihen, die die russische Wirtschaft zu Fall brachten.   

Der russische Staat hat im Übrigen seine Verpflichtungen von damals gegenüber Privatpersonen und einigen Investitionsfonds, wenn auch mit Verzögerungen, vollumfänglich erfüllt. Andere Gläubiger mussten sich mit bis zu 30 Prozent des Nominalwertes zufrieden geben. Im Jahr 2004 hat die russische Regierung erneut Staatsanleihen ausgegeben. In den darauffolgenden Jahren verzeichnete der Staatshaushalt höhere Einnahmen, unter anderem wegen eines steigenden Ölpreises, und konnte auf das Instrument der Staatsanleihen verzichten.

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