Aus für South Stream: Wer verliert, wer gewinnt?

Obwohl der Gazprom-Chef das Aus für South Stream mit den Worten „Das war’s“ verkündet hat, hält Dmitrij Baranow von der Fondsgesellschaft Finam Management es durchaus für möglich, dass das Projekt noch nicht endgültig auf Eis gelegt wurde. Foto: Getty Images

Obwohl der Gazprom-Chef das Aus für South Stream mit den Worten „Das war’s“ verkündet hat, hält Dmitrij Baranow von der Fondsgesellschaft Finam Management es durchaus für möglich, dass das Projekt noch nicht endgültig auf Eis gelegt wurde. Foto: Getty Images

„Das war’s.“ Mit diesen Worten kommentierte Gazprom-Chef Alexej Miller den von Präsident Putin verkündeten Stopp der South-Stream-Pipeline. Nachdem Bulgarien den Bau blockiert hat, hält Russland das Investitionsrisiko für zu groß. Die Türkei könnte vom Aus des South Stream profitieren.

Russland hat den Bau der South-Stream-Pipeline gestoppt. Die bulgarische Regierung hatte bereits im Sommer die Arbeiten an der Pipeline, die den Gastransport nach Europa unter Umgehung der Ukraine ermöglichen sollte, eingestellt und sich damit dem Druck der Europäischen Union gebeugt. Für diese verstößt der Bau der Pipeline gegen EU-Recht. Bulgarien spielte eine Schlüsselrolle, denn der geplante Unterwasser-Abschnitt der Pipeline sollte durch bulgarische Hoheitsgewässer führen. Von der Hafenstadt Warna aus sollte die Leitung über Serbien, Ungarn und Slowenien bis nach Norditalien führen. Der russische Präsident Waldimir Putin verkündete das Aus für die

Gasleitung bei seinem Staatsbesuch in der Türkei: „Ohne die Beteiligung Bulgariens können wir mit dem Bau des Unterwasser-Abschnitts nicht beginnen“, sagte er nach Berichten der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant“. Die Investitionsrisiken seien unter diesen Umständen zu groß.

Putin kündigte an, dass Russland in Energiefragen zukünftig „seine Ressourcen in andere Regionen der Welt transportieren“ werde. „Wir werden andere Märkte erschließen und Europa wird diese Mengen nicht erhalten – jedenfalls nicht von Russland“, sendete er eine deutliche Botschaft Richtung Westen. Zuvor hatte Putin die „Blockadehaltung“ der EU zum South-Stream-Projekt kritisiert. Den russischen Energieriesen Gazprom trifft der Stopp hart. In den vergangenen Jahren soll das Unternehmen bereits 3,74 Milliarden Euro investiert haben. Aber auch Bulgarien wird Verluste hinnehmen müssen. Allein die Einnahmen aus dem Gastransit waren auf  400 Millionen Euro geschätzt worden. Der Projektbetreiber South Stream Transport beziffert den Schaden, der europäischen Unternehmen durch den Stopp des Pipelinebaus entstehen wird, auf mindestens 2,5 Milliarden Euro. Das japanische Konsortium Marubeni-Itochu und Sumitomo, das Rohre liefern sollte, wird mit Verlusten von 320 Millionen Euro rechnen müssen.

 

Weltweites Interesse an russischem Gas

Iwan Kapitonow, Dozent am Lehrstuhl für staatliche Wirtschaftsregulierung an der Russischen Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, überrascht das Aus für South Stream nicht. Er erinnert daran, dass Bulgarien bereits im August erklärt habe, das Projekt wegen möglicher Verstöße gegen das dritte

Energiepaket der EU nicht fortzusetzen. „Nach dessen  Bestimmungen dürfen die Gaspipelines auf dem Territorium der EU nicht im Eigentum der Gasförderunternehmen stehen“, erklärt er. Zudem weist Kapitonow auf erheblich gestiegene Baukosten hin, die möglicherweise auch ein Grund für den Stopp der Pipeline gewesen sind.  Die Kosten für den Unterwasser-Abschnitt seien von zehn auf 14 Milliarden Euro gestiegen, die Kosten für den Abschnitt über europäisches Festland von 6,6 auf 9,5 Milliarden Euro. South Stream hätte damit 55 Milliarden Euro an Gesamtkosten verursacht. Das entspricht annähernd dem operativen Gewinn von Gazprom im Jahr 2013. An den Börsen sorgte die Nachricht für einen Anstieg der Gazprom-Aktien um 1,1 Prozent. „Die Investoren haben positiv auf den Ausstieg von Gazprom aus dem South-Stream-Projekt reagiert“, erklärt Andrej Dirgin, Chef-Analyst bei Alpha-Forex.

Gazprom-Chef Alexej Miller hatte angekündigt, stattdessen eine Offshore-Pipeline in die Türkei zu bauen. Durch sie sollen pro Jahr bis zu 63 Milliarden Kubikmeter Gas strömen, 14 Milliarden Kubikmeter davon erhält die Türkei, der Rest geht nach Europa. Dazu soll nahe der türkisch-griechischen Grenze ein Umschlagplatz entstehen, kündigte Putin in Ankara an. „So erreicht Russland die angestrebten Ziele: Abnehmerdiversifikation und Aufbau von Lieferwegen vorbei an unzuverlässige Transitländer“, meint Iwan Kapitonow. Europa, das zudem vom Aus des South Stream überrascht worden sei,  habe diese Alternative wohl nicht auf der Rechnung gehabt, glaubt Kapitonow. Russland begebe sich nun jedoch in die Abhängigkeit der Türkei als Transitland, doch dieser Kompromiss ist nach Meinung Kapitonows notwendig.

Obwohl der Gazprom-Chef das Aus für South Stream mit den Worten „Das war’s“ verkündet hat, hält Dmitrij Baranow von der Fondsgesellschaft Finam

Management es durchaus für möglich, dass das Projekt noch nicht endgültig auf Eis gelegt wurde. Die Pläne könnten seiner Meinung nach reaktiviert werden, wenn die EU ihre Haltung ändere. Das für den 9. Dezember geplante Treffen aller am South-Stream-Projekt beteiligten Länder sei jedenfalls noch nicht abgesagt worden, sagte Maroš Šefčovič, stellvertretender Vorsitzender der EU-Kommission für die Energieunion.

Russland werde in jedem Falle „alle gültigen Verträge über Gaslieferungen in die EU strikt einhalten“, ist Baranow überzeugt. Es gebe genug Reserven, um dennoch das Ziel der Abnehmerdiversifikation weiterzuverfolgen. „Die westliche Ausrichtung der russischen Gaslieferungen bleibt bestehen. Außerdem wird sie nach Osten ausgedehnt und möglicherweise auch nach Süden, denn Indien zeigt sich interessiert an russischem Gas“, erklärt Baranow.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland