Rosneft soll privatisiert werden

„Die weitere Privatisierung von Rosneft ist ein erzwungener Schritt, um die Einnahmen des Föderalhaushalts im nächsten Jahr zu erhöhen und die Verluste durch den Verfall des Ölpreises und der Sanktionen zu kompensiert“, meinen Experten. Foto: TASS

„Die weitere Privatisierung von Rosneft ist ein erzwungener Schritt, um die Einnahmen des Föderalhaushalts im nächsten Jahr zu erhöhen und die Verluste durch den Verfall des Ölpreises und der Sanktionen zu kompensiert“, meinen Experten. Foto: TASS

Dmitrij Medwedew hat den Verkauf von 19,5 Prozent von Rosneft-Aktien angeordnet. Die russische Regierung will mit den zusätzlichen Geldmitteln ihre Pflichten im Bereich der Sozialverpflichtungen nachkommen und andere Ausgaben begleichen.

Am 1. Dezember unterzeichnete der russische Premierminister Dmitrij Medwedew ein Dekret über die Privatisierung von 19,5 Prozent der Aktien des russischen Energieunternehmen Rosneft. Laut dem Dokument wird der staatliche Anteil am Unternehmen von 69,5 auf 50 Prozent plus eine Aktie sinken, wie die russische Zeitung „Wedomosti“ meldet. Zudem sagte Finanzminister Anton Siluanow gegenüber „RIA Nowosti“, das chinesische Investoren bereits Interesse an Rosneft angemeldet hätten.

„Die weitere Privatisierung von Rosneft ist ein erzwungener Schritt, um die Einnahmen des Föderalhaushalts im nächsten Jahr zu erhöhen und die Verluste durch den Verfall des Ölpreises und der Sanktionen zu kompensiert“, ist sich Iwan Kapitonow, Dozent am Institut für staatliche Regulierung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienstes sicher. Seinen Worten zufolge will die Regierung mit den Mehreinnahmen ihre Pflichten im Bereich der Sozialverpflichtungen nachkommen und andere Ausgaben begleichen.

 

Kompliziertes Vermögen

„Die Frage, die sich heute stellt, ist, zu welchem Zeitpunkt die Aktien veräußert werden sollen. Die Regierung hat zum Beispiel bestimmte Anforderungen in Bezug auf den Verkaufspreis. Diese erlauben keine Veräußerung zu einem wirtschaftlich ungünstigen Zeitpunkt“, sagt Anton Soroko, Analytiker des Investitionsholdings FINAM.

Im Zuge des Börsengangs 2006 hatte Rosneft bereits 1,4 Milliarden Aktien zu einem Verkaufspreis von 7,55 US-Dollar pro Stück und einer Gesamtsumme von 10,7 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 8,7 Milliarden Euro) verkauft. Doch seit Anfang 2014 ist der Börsenpreis von Rosneft um 38 Prozent gefallen. Der Wert der Gesellschaft beläuft sich auf nur noch 50 Milliarden US-Dollar, wie die Agentur Bloomberg meldet. Westliche Sanktionen und der Ölpreisverfall haben sich negativ auf die Entwicklung des Rosneft-Preises ausgewirkt. Hinzu kommt die Tatsache, dass sich die Verbindlichkeiten von Rosneft auf 48,7 Milliarden US-Dollar belaufen. Wenn es um das Verhältnis der Schulden zum Ertrag geht, lässt Rosneft höchstens der brasilianischen Petrobras den Vortritt. Dabei hatte der Präsident von Rosneft im Oktober 2014 noch verkündet, dass 19,5 Prozent der Gesellschaft zu einem Preis von nicht weniger als 8,12 US-Dollar pro Aktie privatisiert werden sollen.

Dieser Aussage entgegnet Ilja Balakirew, Hauptanalytiker von UFS IC. Für ihn ist eine Rosneft-Aktie, beeinflusst von Verfall des Rubels, nur noch 4,50 US-Dollar wert. „Rosneft scheint gerade nicht besonders attraktiv, wenn man die hohe Schuldenlast und die Notwendigkeit des Ausgleichs von 30 Milliarden US-Dollar an Außenschulden bedenkt“, sagt Balakirew.

Vor einigen Monaten hatte Rosneft bereits die russische Regierung um Hilfe gebeten. Die Gesellschaft stellte einen Antrag auf den Erhalt von etwa 51,4 Milliarden US-Dollar (umgerechnet 41,5 Milliarden Euro) aus dem Nationalen Wohlstandsfonds. Doch die Regierung lehnte den Antrag ab, weil er nicht den Investitionsregeln des Fonds entspreche.

 

Neue Perspektiven

2012 trat Dmitrij Medwedew mit einem großen Privatisierungsprogramms auf, das von der Regierung noch im selben Jahr verabschiedet wurde. Im Zuge des Programms wurden 7,6 Prozent der Sberbank-Aktien verkauft. Die Sberbank ist die größte Bank des Landes. Gleichzeitig sank der staatliche Anteil an einer anderen staatlichen Bank, der VTB von 85,5 auf 60,9 Prozent.

Kapitonow zufolge muss man in nächsten Zeit von einer weiteren Welle der Privatisierung ausgehen. Diese werde auch andere staatliche Gesellschaften betreffen, zum Beispiel den russischen Eisenbahnbetreiber RZD. Unter den anderen Gesellschaften, die unter die Welle der Privatisierung fallen könnten, nennt der Experte auch die Sberbank.

Anton Soroko von FINAM stellt jedoch klar, dass sich Investitionen in staatliche Gesellschaften im Vergleich zu jenen in den freien Markt momentan nicht wirklich lohnen. Investoren kalkulierten nämlich auch politische Risiken mit ein, und diese werden auch in Zukunft nicht geringer werden. Auch UFS IC-Analyst Balakirew betont: „Der Rubelverfall zeigt deutlich, dass russisches Vermögen nicht attraktiv für Investoren ist. Wenn man bedenkt, dass der Staat seine Aktiva nicht unter Wert verkaufen möchte, so wird es nicht allzu viele geben, die sie zu kaufen. Konkrete Abmachungen mit Käufern und einem politischen Kontext sind jedoch durchaus möglich“, findet er.

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