Rubelschwäche: Ebbe im Portemonnaie

Laut Meinungsumfragen müssen die Russen immer mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgeben und verbringen den Urlaub bevorzugt im eigenen Land.  Foto: Sergey Kusnetsow / RIA Novosti

Laut Meinungsumfragen müssen die Russen immer mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgeben und verbringen den Urlaub bevorzugt im eigenen Land. Foto: Sergey Kusnetsow / RIA Novosti

Der Rubel fällt und auch die Kaufkraft der Russen wird geringer. Das hat Folgen: Die Russen müssen immer mehr Geld für Bedarfsgüter ausgeben, für Luxusartikel bleibt kein Geld mehr übrig. Dadurch sinkt der Lebensstandard der Bevölkerung.

Aus einer Prognose des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung geht hervor, dass der Verfall des Rubelkurses zu einem Sinken der Kaufkraft der russischen Bevölkerung führt. In den vergangenen zwei Monaten fiel der Rubelkurs im Verhältnis zum US-Dollar und zum Euro ungefähr um die Hälfte. Im Ministerium geht man davon aus, dass dadurch die Zahl der als arm geltenden Menschen, diejenigen deren Einkommen unterhalb des Existenzminimums liegt, mit 11,7 Prozent auf den höchsten Stand seit vier Jahren ansteigen wird.

„Viele Russen investieren jetzt noch in langlebige und hochpreisige Waren. Sie kaufen vor allem ausländische Luxusgüter, zu denen es keine russische Entsprechung gibt“, erklärt Alexej Koslow, Chef-Analyst bei UFS IC. Er geht jedoch davon aus, dass es sich dabei um eine kurzfristige Erscheinung

handelt. Die Rubelschwäche hätte überwiegend negative Folgen, wie zum Beispiel einen erhöhten Inflationsdruck, eine Verengung des Marktes und höhere Kreditkosten. Das könne zu einem geringeren Wirtschaftswachstum führen.

Zu beobachten sei laut Meinungsumfragen auch, dass die Russen immer mehr Geld für Grundnahrungsmittel ausgeben müssten und den Urlaub bevorzugt im eigenen Land verbringen. So habe nach Angaben der Föderalen Agentur für Tourismus die Zahl der Inlandstouristen bereits um 30 Prozent zugenommen.

Maxim Kljagin, Analyst bei Finam Management, sieht den Verbrauchersektor unter Druck: „Die Verbraucher geben weniger Geld aus für Waren und Dienstleistungen aus, die nicht unbedingt notwendig sind. Dazu zählen Immobilen oder teurere Fahrzeuge“. Insgesamt sinke der Lebensstandard, betont er. Laut Kljagin seien die Reallöhne erstmals seit der Krise im Jahr 2008 im September 2014 um ein Prozent gegenüber dem gesamten Vorjahr gesunken. Nach offiziellen Angaben des russischen Statistikamts Rosstat verlangsamte sich im ersten Halbjahr das Wachstumstempo bei den Einzelhandelsumsätzen in Russland insgesamt im Vergleich zum Vorjahr inflationsbereinigt um ein Drittel, nämlich von 3,9 Prozent auf 2,7 Prozent. Kljagin geht davon aus, dass zum Jahresende das Wachstum so gering sein wird, wie in den letzten fünf Jahren nicht mehr.

 

Verschuldungsgrad privater Haushalte wächst

Auch die Kreditverschuldung der Bevölkerung nimmt zu. Nach einer am 3. Dezember von der Russischen Zentralbank veröffentlichen Meldung betrug der Anteil der Bürger und nicht ortsansässigen natürlicher Personen mit einer Zahlungsverzögerung von mehr als 90 Tagen zum 1. November 2014 bereits 7,9 Prozent. Ähnlich hoch war dieser Wert zuletzt am 1. Februar 2011. Die Zentralbank erklärt den Anstieg der Verschuldung mit der Verschlechterung der finanziellen Lage der Bevölkerung. Häufige dafür sind Verzögerungen bei der Gehaltszahlung, niedrigere Löhne oder der Verlust des Arbeitsplatzes. Der Großteil der Kredite wurde in Rubel ausbezahlt. Nach Angaben der Ratingagentur Fitch wurden bis September nur 17 Prozent aller Kredite in Russland in Fremdwährungen ausbezahlt. Die Kreditnehmer waren dabei vor allem Geschäftsleute.

Ihre Ersparnisse legen die Russen bisher zumeist in Rubel an, obwohl dieser massiv an Wert verliert. Nach einer Untersuchung des Allrussisches Zentrums für die Erforschung der öffentlichen Meinung WZIOM beobachten zwei Drittel der Russen (65 Prozent) den Währungskurs und mehr als die Hälfe (53 Prozent) der Befragten ist wegen der Rubelschwäche verunsichert. Dennoch tauschten in den vergangenen zwei Monaten lediglich sieben Prozent der Russen Rubel in Fremdwährungen um.

Nach einer Umfrage des Lewada-Zentrums sind 80 Prozent der Befragten der Meinung, dass die Preise steigen und der Lebensstandard zurückgehen werden. Als Hauptgrund für den Rückgang der Wirtschaftsleistung nennen sie den Preisverfall beim Erdöl (45 Prozent), die Sanktionen des Westens gegen Russland (33 Prozent) und die Eingliederung der Krim (30 Prozent).

In einer Studie des Unternehmens Romir heißt es, der Anteil der Befragten, die ihre Ausgaben insgesamt reduziert hätten und auch weniger Geld für Lebensmittel zur Verfügung hätten, sei von acht auf  20 Prozent gestiegen. Darüber hinaus sei jeder dritte Haushalt gezwungen, sein Budget zu

Gunsten der Ausgaben für Lebensmittel und andere notwendige Waren und Dienstleistungen umzustrukturieren. Nach einer Prognose von WTB Kapital wird der Anteil der Ausgaben für Lebensmittel von 31 auf 40 Prozent steigen.

Dmitrij Bedenkow, Chef-Analyst bei IK RUSS-INVEST, glaubt, dass „das Vertrauen in die nationale Währung ein wesentlicher Faktor des Investitionsprozesses, der die Wirtschaft stabilisiert und einen normalen Reproduktionszyklus und das Funktionieren der Marktmechanismen gewährleistet“ sei. 

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