Der Rubel rollt ins Bodenlose

Als Antwort auf den Rubelsturz war die Zentralbank Russlands gezwungen, in der Nacht vom Montag auf den Dienstag den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent zu erhöhen.  Foto: AP

Als Antwort auf den Rubelsturz war die Zentralbank Russlands gezwungen, in der Nacht vom Montag auf den Dienstag den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent zu erhöhen. Foto: AP

Trotz einer spontanen Erhöhung des Leitzinses durch die russische Zentralbank hat der russische Rubel in den vergangenen Tagen massiv an Wert verloren. Das Vertrauen in die Währung ist stark beschädigt und der Markt wird von Emotionen getrieben. Langfristig könnte eine schwache Währung aber auch Vorteile bringen.

Im Laufe der vergangenen zwei Tage ist der Preis des Rubels im Vergleich zum US-Dollar und Euro ins Bodenlose gesunken. Am Montag verlor der Rubel neun Prozent an Wert, während des Handels am Dienstag waren es zunächst sogar mehr als 24 Prozent. Dieser Preissturz stellte einen absoluten Negativrekord in der gesamten Geschichte der russischen Währung dar. Im Laufe des Tages erholte sich der Rubelkurs jedoch wieder einigermaßen und konnte, ausgehend vom Tiefpunkt des Tages, um 15 Prozent zulegen.

Nach Ansicht von Experten kann die hohe Volatilität des Rubels nur auf Spekulanten zurückgeführt werden. „In den ersten Stunden des Handelstags haben wir noch eine stabile Entwicklung des Preises beobachten können, bevor die russische Währung rapide abfiel", sagt der Analyst der Finanzholding Finam Anton Soroko. Auf die Dynamik des Rubels wirkten derzeit mehrere Faktoren ein, die in ihrer Gesamtheit zum Absturz geführt haben, erklärt der Experte. Demnach gibt es „auf dem Markt eine große Menge an Spekulationskapital, wodurch inadäquate Bewegungen der russischen Währung zu sehen sind. Diese sind sehr schwer mit irgendwelchen fundamentalen Faktoren zu erklären." Solchen Wertschwankungen sei keine andere Währung eines ölproduzierenden Landes ausgesetzt. Der Pressesekretär des Präsidenten der Russischen Föderation Dmitrij Peskow fügte hinzu, dass der Rubelsturz in einem großen Maße von Emotionen und einer Spekulationsstimmung am Markt bestimmt sei.

 

Was sind die Hauptfaktoren des Preisverfalls?

„Der Rubelpreis wurde recht lange sowohl von Faktoren des Marktes als auch der Politik bestimmt. Die heutige Situation ist eine direkte Antwort auf die Änderung des politischen Kurses und in erster Linie auf die Handlungen der Zentralbank, die von einer Unterstützung des Rubels absah", sagt Natalja Borsowa, Vize-Generaldirektorin der Finanzberatung FinExpertisa. Die Perspektiven des Rubels könne man heute unmöglich objektiv einschätzen, so Borsowa, denn das Vertrauen in ihn sei stark angeschlagen.

„Die starke Schwächung des Rubels, die wir in der letzten Zeit sehen, wird durch den Verlust von Kapital, das aus Russland ins Ausland abfließt, verursacht", erklärt der Chefanalyst von UFS IC Alexej Koslow. „Als Ergebnis ist auf dem Rubel-Markt eine Unausgeglichenheit der Nachfrage und des Angebots entstanden, infolgedessen der Kurs der russischen Währung fällt." Die weitere Dynamik des Rubelkurses hänge von einer Vielzahl von Umständen ab, meint der Experte, unter anderem auch von den Handlungen

der Bank Rossii – der russischen Zentralbank – und der Regierung, die sicherlich große Anstrengungen unternehmen würden, die Lage des Rubels zu stabilisieren.

Als einen weiteren fundamentalen Faktor für den Fall des Rubelkurses nannten die Experten den Preisverfall für Öl und die damit verbundenen negativen Erwartungen. Konkret kostete ein Barrel der europäischen Marke Brent am Dienstag zu Börsenschluss an der Börse mehr als zwei Prozent weniger als zur Eröffnung des Handelstags. Den niedrigsten Stand erreichte Brent mit 58,84 US-Dollar pro Barrel, danach stiegen die Preise aber wieder ein wenig an, auf 59,02 US-Dollar. Am Sonntag hatte der Energieminister der Vereinten Arabischen Emirate bekannt gegeben, dass die Opec die Förderumfänge auch bei einem Preis von 40 US-Dollar pro Barrel nicht senken werde. Nachdem Rosneft-Chef Igor Setschin sagte, die größte russische Erdöl-Gesellschaft unterstütze den Rubel und plane nicht, Dollar auf dem Markt aufzukaufen, erholte sich die russische Währung etwas.

 

Wie kann der Verfall gestoppt werden?

Als Antwort auf den Rubelsturz war die Zentralbank Russlands gezwungen, in der Nacht vom Montag auf den Dienstag den Leitzins von 10,5 auf 17 Prozent zu erhöhen. Dieser Basiszinssatz gilt für Banken, die Geld vom Staat leihen. Die Kredithäuser nutzen ihn zudem, um die Zinssätze der Kredite für Gesellschaften und Privatpersonen zu bestimmen. Grundsätzlich ist es quasi ausgeschlossen, dass die Zinssätze für Bankkredite niedriger als der Leitzins liegen. Der Anstieg des Satzes um 6,5 Prozentpunkte ist der größte Sprung in der jüngeren Geschichte Russlands und bereits die zweite Erhöhung in den vergangenen sieben Tagen. Am vergangenen Donnerstag war der Leitzins bereits von 9,5 auf 10,5 Prozent angehoben worden.

Nach Ansicht von Experten wird das Anheben des Zinssatzes in erster Linie zu einer Verteuerung von Krediten für die Privatwirtschaft und die Bevölkerung führen. „Die Lösung ist radikal, sie sollte die Emotionen auf dem Währungsmarkt ein wenig abkühlen. Doch es wäre schlecht, wenn der Satz über längere Zeit auf diesem Niveau bleiben würde, weil das einen

starken Rückgang unternehmerischer Aktivität in Russland nach sich ziehen würde", mahnt Anton Soroko. Auch die Bevölkerung würde den hohen Zinssatz nicht lange akzeptieren, da Verbraucherkredite viel teurer würden und Investitionen in der Privatwirtschaft viel schwerer finanziert werden könnten.

Alexej Koslow fand die Entscheidung jedoch richtig: „Die Erhöhung des Leitzinses nimmt Einfluss auf unterschiedliche Marktsegmente. Derzeit gilt als Priorität, den Kurs der russischen Währung zu stabilisieren. Wenn man die Handlungen der Zentralbank unter diesem Gesichtspunkt betrachtet, so wird die Erhöhung des Basiszinssatzes dem Rubel sicherlich helfen." Und auch Soroko zeigt Optimismus: „Sobald sich die Situation auf dem Währungsmarkt stabilisiert hat, wird der billige Preis russischer Wertpapiere einen Investitionsschub in Russland hervorrufen", glaubt er.

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