Wohin führt der Absturz des Rubels?

Die Autoverkäufe wurden in Russland fast eingestellt. Foto: Reuters

Die Autoverkäufe wurden in Russland fast eingestellt. Foto: Reuters

Aufgrund des drastischen Absturzes des Rubel-Kurses gegenüber dem Dollar und Euro wurden in Russland Verkäufe von im Ausland hergestellten Autos vorübergehend gestoppt, die Ausgabe neuer Kredite eingefroren und sogar das Projekt der Schaffung eines neuen W-LAN-Netzes in Moskau verlegt. Nach Ansicht von Analysten können langfristige Folgen des Rubel-Verfalls für die russische Wirtschaft kaum vorhergesagt werden.

Der Verfall der russischen Währung um etwa 70 Prozent gegenüber dem US-Dollar und Euro zeigt Experten zufolge erste negative Auswirkungen auf die russische Wirtschaft. „Die Folgen der drastischen Schwächung des Rubels in den vergangenen Tagen sind für die Russen und das Land insgesamt höchst negativ. Russische Banken befinden sich derzeit am Rande einer Panik, ihre Aktien fallen rapide", sagt der Dozent der Fakultät für Finanz- und Bankenwesen der RANChiGS Wasilij Jakimkin. Er geht davon aus, dass in der nächsten Zeit sowohl die Kreditumfänge als auch die Umfänge der Einlagen sinken werden, während die Zahl an nicht zurückgezahlten Krediten stark steigen wird.

Der Finanzanalyst der Investitionsholding Finam, Timur Nigmatullin, ergänzt, dass die starke Schwächung des Rubels in erster Linie das Risiko berge, das Vertrauen von Marktspielern in das russische Finanzsystem zu verlieren. „Die Währungsrisiken, die Kreditsätze und die Risiken einer Nichterfüllung durch die regionalen und des staatlichen Budgets sind zu groß", so der Experte.

 

Alle Branchen sind betroffen

Als Erstes reagierten die Banken auf den Fall des Rubels, indem sie die Ausgabe von Krediten in Russland beschränkten. Die Raiffeisenbank stoppte gar zeitweise die Ausgabe von Krediten in Russland. Bei der staatlich kontrollierten Sberbank hieß es dagegen: „Trotz der hohen Volatilität auf den Finanzmärkten und der extremen Erhöhung des Leitzinses auf 17 Prozent setzt die Sberbank die Kreditausgabe für seine Kunden fort, sowohl für Privatpersonen als auch für juristische Personen", wie der Pressedienst der größten russischen Bank beteuerte.

Darüber hinaus hat nach Angaben der russischen Geschäftszeitung „Kommersant" die Mehrzahl der Automobilhändler die Verkäufe gestoppt. Die Autoverkäufe wurden eingestellt, als fraglich wurde, nach welchem Kurs die Preise festgelegt werden sollten. Es wurden auch laufende Verkaufsabwicklungen eingestellt, selbst wenn eine Anzahlung bereits geleistet wurde. Auch auf internationale Flüge wirkte sich die Rubelschwäche aus. Einer Studie der Internationalen Luftverkehrs-Vereinigung (IATA) zufolge sind die Ticketpreise für internationale Flüge aus Russland um 36 Prozent gestiegen. Und selbst ein Projekt zum Ausbau des städtischen W-LAN-Netzes in Moskau ist aufgrund des Rubel-Verfalls bedroht. Derzeit will das dafür verantwortliche Unternehmen die finanzwirtschaftlichen Parameter des Projekts korrigieren, damit technische Geräte aus heimischer Produktion verwendet werden können.

„Die Schwächung des Rubels führte zu einem Inflationsdruck, weil das Land nicht nur export-, sondern auch importabhängig ist. Das zieht einen Anstieg der Preise für Konsumenten nach sich", erklärt der Chefanalyst von UFS IC Alexej Koslow. Seinen Worten nach beschränkt das Wachstum der Kosten für Kredite die Entwicklung des Realsektors, was die Wachstumsgeschwindigkeit der Wirtschaft eindämme und sogar zu einer Rezession führen könne. „Die Verlangsamung der Wirtschaft führt zusammen mit den geopolitischen Risiken, einem Inflationsdruck und der Instabilität der Währung zu einem abnehmenden Interesse an Investitionen in das Land und infolgedessen zu einem Abfluss des Kapitals", führt Koslow aus.

 

Das Kaufinteresse aus dem Ausland steigt

Vor dem Hintergrund der Verteuerung von Waren und Technologien auf dem russischen Markt steigt das Kaufinteresse vonseiten Einwohnern aus Ländern, in denen die Nationalwährung sich nicht so stark verbilligte wie in

Russland. Nach Angaben von UCS, einem der größten Kreditkarten-Unternehmen in Russland, haben Käufer aus Armenien, China, Weißrussland, Kasachstan und anderen Ländern ihre Ausgaben in russischen Geschäften stark erhöht, darunter die Chinesen um 85,73 Prozent, die Weißrussen um 78,31 Prozent und die Kasachen um 32,51 Prozent. Dabei waren die Käufer aus Weißrussland und Kasachstan in erster Linie an Haushaltsgeräten interessiert, wobei die Ausgaben für solche Käufe gleich um 123,1 und 121,85 stieg. Käufer aus China hingegen interessierten sich für Juweliererzeugnisse und Uhren – diese Kategorie wuchs um das 3,9-Fache.

Nach Angaben des Unternehmens ChronoPay gaben Käufer mit Kreditkarten, die in Kasachstan ausgestellt wurden, im November 2014 um 140 Prozent mehr aus als im gleichen Monat im vergangenen Jahr – die Anzahl an Transaktionen stieg demnach um 27 Prozent. Gleichzeitig stiegen dieselben Werte bei in Weißrussland ausgestellten Karten um 29 respektive 32

Prozent. „Konsumenten aus dem nahen Ausland kauften teure Waren, deren Preise sich noch nicht an die Nachfrage nach der Währung angepasst haben, beispielsweise Autos, große Haushaltsgeräte und dergleichen", sagt Alexej Koslow.

Iwan Kopejkin, ein Experte von BKS Express, merkt an, dass eine Reihe von Faktoren den Rubel in der nächsten Zeit stabilisieren könnten. „Der Rubel erstarkt bereits wieder gegenüber dem Dollar und Euro. Das ist nicht verwunderlich nach dem Verfall von mehr als 20 Prozent in den letzten zwei Tagen", sagt er. Er führt diese Entwicklung auf die Ankündigung des Finanzministeriums zurück, mit dem Verkauf von Währungsüberschüssen des Föderalhaushalts zu beginnen, die derzeit sieben Milliarden US-Dollar (rund 5,7 Milliarden Euro) betragen. Doch Kopejkin warnt, dass es einen Anstieg des Rubels bisher noch nie ohne einen Preisanstieg für Erdöl gegeben hätte, ob er nun überverkauft gewesen sei oder nicht. Aus diesem Grund seien Prognosen schwierig, so der Experte.

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