Russlands Lebensmittel-Embargo wird zum Boomerang

Die meisten europäischen Käsesorten gehören zu den Lebensmitteln, die nach dem Einfuhrstopp aus westlichen Ländern in den Regalen schmerzlich vermisst werden.  Foto: Reuters

Die meisten europäischen Käsesorten gehören zu den Lebensmitteln, die nach dem Einfuhrstopp aus westlichen Ländern in den Regalen schmerzlich vermisst werden. Foto: Reuters

Importverbote auf Lebensmittel sollten eigentlich die russische Vergeltung für westliche Sanktionen sein. Doch die Nebenwirkungen sind bereits jetzt in den Geschäften zu spüren.

Als der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew für ein Jahr die Lebensmittelimporte aus der EU, den USA, Australien und Kanada verboten hat, verfolgte er das Ziel, die anti-russischen Maßnahmen dieser Länder gegen sie selbst zu richten. Die Absicht war, durch das Importverbot von Rind, Schweinefleisch, Geflügel, Fisch, Käse, Milch, Obst und Gemüse Gleiches mit Gleichem zu vergelten.

Doch die unbeabsichtigten Nebenwirkungen dieser tiefgreifenden Maßnahmen ließen nicht lange auf sich warten. Trotz der Versprechen, die Nahrungsmittelmärkte zu stabilisieren und neue zu erschließen, sind die Lebensmittelpreise innerhalb der letzten drei Monate rapide angestiegen. Diese Entwicklung trifft alle Schichten der russischen Gesellschaft.

Laut Economist Intelligence Unit (EIU) sind in Russland die Preise für Fleisch und Fleischprodukte innerhalb der letzten vier Monate gegenüber dem Vergleichszeitraum des vorangegangenen Jahres um 17 Prozent gestiegen. Darüber hinaus hat das Verbot schwerwiegende Folgen für das erst aufkommende russische Gastgewerbe. Der Sektor ist im letzten Jahrzehnt exponentiell gewachsen.

Viele renommierte EU-Premium-Marken – Parmesankäse aus Italien, Charolais-Rindfleisch oder Bresse-Geflügel aus Frankreich – gehören zu den Menüs der Restaurants in Moskau und anderen Großstädten.
Russlands Top-Vertreter aus der Gastronomie trotzen den Widrigkeiten mit der ureigenen russischen Anpassungsfähigkeit. Zwar bereitet ihnen das Verbot so manche finanzielle und logistische Kopfschmerzen, doch sehen sie darin auch eine Chance.

Martin Repetto, Geschäftsführer des Radisson Royal Hotels in Moskau, sieht das Problem gelassen: „Ich denke, das Verbot ist eine gute Gelegenheit für die lokalen Produzenten, Marktanteile gutzumachen. Russland produziert eine große Vielfalt hervorragender Nahrungsmittel, nur haben sich die Restaurantfachleute und die Hoteliers zu sehr auf Europa verlassen – die Produkte war einfacher zu bekommen und schnell verfügbar. Was Fleisch anbelangt, bin ich eigentlich ganz froh über das Verbot. Denn jetzt können wir uns auf den Import hochwertiger Produkte aus Lateinamerika konzentrieren. Da kommt das beste Rindfleisch der Welt her."


Preisdruck

Wladimir Muchin ist Besitzer und Geschäftsführer des angesagten Restaurants White Rabbit in Moskau. Er sagt, das Verbot habe sein Geschäft nicht wesentlich tangiert, und gibt zugleich zu, die Preise seien infolge dessen gestiegen. „Lange vor den Sanktionen haben wir schon begonnen, mit den Produzenten vor Ort zusammenzuarbeiten. Daher kann ich mich nicht über große Schäden beklagen."

Natürlich müssen wir auf französisches Rindfleisch und französischen Käse verzichten. Aber wir haben Alternativen für eine ganze Reihe von Produkten gefunden: Fisch, der früher aus Frankreich kam, beziehen wir jetzt aus der Türkei, aus Tunesien und Marokko; Obst, Früchte und Kräuter bekommen wir vor Ort, und in den Wintermonaten importieren wir sie aus Usbekistan, Aserbaidschan, Südafrika und China", so Muchin.

 

Diese Länder sind vom russischen Lebensmittel-Einfuhrverbot betroffen

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Aufbruch zu neuen Ufern

In den letzten Monaten war es die höchste Priorität der russischen Politik, neue Lieferanten für Grundnahrungsmittel zu gewinnen. Sergej Dankwert, Leiter der staatlichen Landwirtschaftsbehörde Rosselchosnadzor traf sich im August mit den Botschaftern südamerikanischer Staaten zu Beratungsgesprächen über den Ersatz europäischer Geflügel-, Fleisch- und Nahrungsmittelimporte. Dennoch sind einige Kommentatoren skeptisch, dass ein schlichter Partnerwechsel eine nachhaltige Lösung darstellt.

Im Jahr 2013 importierte Russland Fleisch und Fleischprodukte im Wert von 6,7 Milliarden US-Dollar. Exporteure, die jetzt auf der Schwarzen Liste

stehen, hatten daran einen Anteil von 20 Prozent. Das riesige Volumen lässt die Frage aufkommen, ob Russland wirklich imstande ist, eine solche Lücke zu füllen.

„Der Weltmarkt bietet das Potenzial, Nahrungsmittel aus anderen Quellen zu beziehen – zusätzlich zu den eigenen Produzenten. Im August hat die brasilianische Regierung 90 neuen Fleischfabriken den Export nach Russland bewilligt", sagt der EIU-Analyst Alex Nice. „Diese Lösungen sind allerdings ziemlich kostspielig, und das Gastgewerbe spürt das deutlich", fügt er hinzu. Weiter stellt er fest, das Embargo werde wahrscheinlich stärker die Privat- und Geschäftskunden im niedrigeren Preissegment treffen.

Luxusrestaurants und ihre Klientel weisen die nötigen Ressourcen auf, um die gestiegenen Preise für den Import aus fernen Ländern aufzufangen. Viele Russen und die russische Geschäftswelt haben diese Ressourcen nicht.


Ungewiss in die Zukunft

Das Land sollte sich jetzt auf eventuell schwerwiegende Einbußen in der Lebensqualität einstellen. Es besteht die Gefahr, dass Anbieter bestimmter Waren vom Markt verdrängt werden. Wenn allerdings heimische Lebensmittelproduzenten und Russlandsneue Exportpartner deutlich mehr liefern und die Engpässe ausleichen – so zumindest das staatliche Kalkül – könnten sich die Preise mittel- bis langfristig stabilisieren.

„Die Realität ist ganz einfach – die Lebensmittelpreise werden weiterhin für jedermann steigen, und das führt zu sinkenden Realeinkommen", erläutert Alex Nice.

Einige befürchten, dass das Importverbot auf alkoholische Getränke wie Wein und Spirituosen ausgeweitet werden könnte. Dieser Schritt wäre fatal für die junge Genussmittelindustrie des Landes. Denn der russische Einzelhandel erzielte bislang lukrative Gewinne aus dem Verkauf internationaler Premium-Spirituosen.

Gegenseitige Sanktionen im Überblick

 

Kurz nach dem Referendum auf der Krim am 16. März 2014, bei dem sich die Mehrheit der Bevölkerung für einen Anschluss an Russland ausgesprochen hat, das jedoch von der internationalen Gemeinschaft weitgehend nicht anerkannt wurde, verhängten die EU und die USA erste Sanktionen und Einreiseverbote gegen hochrangige Beamte, öffentliche Personen und Geschäftsleute, die Wladimir Putin besonders nahe stünden. Deutschland stoppte den Export von Rüstungsgütern.

Nach dem Absturz einer Boeing der Malaysia Airlines am 17. Juli 2014 über der Osturkaine verschärfte der Westen die Maßnahmen. Staatliche Banken und Rüstungsunternehmen wurden von westlicher Finanzierung ausgeschlossen.

Auch sollen westliche Unternehmen keine Ausrüstung für die Ölförderung im Schelf und in der Arktis mehr liefern. Russland seinerseits hat Einreiseverbote gegen neun amerikanische, 13 kanadische und eine nicht näher bezifferte Anzahl europäischer Politiker verhängt. Am 6. August stoppte Russland Lebensmittelimporte aus der EU, den USA, Kanada, Australien und Norwegen.

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