Ölpreisverfall: Russisches BIP sinkt um fünf Prozent

Der Ölpreisverfall trifft die russische Wirtschaft hart. Foto: Reuters

Der Ölpreisverfall trifft die russische Wirtschaft hart. Foto: Reuters

Das russische Bruttoinlandsprodukt könnte um fünf Prozent sinken, denn die russische Wirtschaft leidet massiv unter dem Verfall von Ölpreis und Rubel. Erinnerungen an die Krise 2008/ 2009 werden wach, nur heute, so Experten, ist die Lage sogar noch ernster.

Im ersten Quartal des Jahres 2015 wird das russische Bruttoinlandsprodukt (BIP) um mehr als ein Prozent sinken, so die offizielle Prognose des russischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung. Wenn jedoch der Ölpreis auf dem Niveau von um die 40 US-Dollar pro Barrel bleibt, wird diese Prognose deutlich nach unten korrigiert werden müssen, dann, so das Ministerium, wird das Wachstum um fünf Prozent zurückgehen.

Allein in der ersten Woche des Jahres 2015 fielen die Ölpreise unter 50 US-Dollar pro Barrel. Das entspricht einem Minus von über elf Prozent und ist der niedrigste Stand seit sechs Jahren. Der Erdölpreis fiel erneut, nachdem die Opec angekündigt hatte, die Fördermengen nicht zu reduzieren. Am 15. Januar 2015 kostete ein Barrel der Rohölsorte Brent an der ICE-Börse in London nur noch 47,65 US-Dollar.

Aleksandr Proswirjakow, Berater für Finanz-, Handels- und Rohstoffoperationen von PwC in Russland, erklärt, dass die Entwicklung der russischen Wirtschaft von der Entwicklung der Rohölpreise abhänge, denn der größte Teil der Einnahmen des russischen Staatshaushaltes stammt aus dem Energieexport. Der Haushaltsplan für 2015 basierte auf einem Rohölpreis von durchschnittlich 100 US-Dollar. Sollte der Preis nun lediglich rund 50 US-Dollar betragen, geht auch Alexej Koslow, Chefanalyst der Investmentgesellschaft UFS, von einem Fall von fünf Prozent aus.

Sergej Chestanow, Dozent an der Fakultät für Finanz- und Bankenwesen der Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichem Dienst, rechnet sogar mit minus 5,8 Prozent. Denn nicht nur der Ölpreis wirke sich auf das BIP aus. „Für die Entwicklung des BIP spielen auch der Wechselkurs, die Steuerbelastung und der Kapitalabfluss eine wichtige Rolle", sagt er. Zudem hätten auch die Sanktionen gegen Russland sowie eine erwartete erneute Abwertung Russlands und russischer Unternehmen durch internationale Ratingagenturen negative Auswirkungen. Durch die Abwertung des Rubels hingegen könne der niedrige Ölpreis teilweise kompensiert werden, so Chestanow.

 

Kein Vergleich zur Krise 2008/2009

Russische Wirtschaftsexperten erinnern an die Wirtschaftskrise der Jahre 2008 und 2009. Auch damals stürzte der Ölpreis ab, von 100 US-Dollar auf 40. Die wirtschaftliche und politische Situation war zu dieser Zeit jedoch anders. „Unser Land war damals keinen harschen wirtschaftlichen Sanktionen ausgesetzt. Zudem ist heute der Markt mit Öl übersättigt" sagt Daniil Kirkow, Partner der Unternehmensgruppe vvCube. Sergej Chestanow glaubt, Russland habe sich mit der „holländischen Krankheit" infiziert: Die Dominanz des Rohstoffexports mache andere Bereiche der Wirtschaft de facto konkurrenzunfähig. „Der Verfall der anderen Branchen begann Anfang

der 2000er-Jahre und schritt mit der Zeit voran. Genau deswegen ist auch die Abhängigkeit der russischen Wirtschaft vom Öl gestiegen", erläutert er.

Anton Soroko, Analyst bei Finam, glaubt, dass die Ölpreise so stark gesunken sind, weil in den USA die Kosten für die Gewinnung von Schiefergas gestiegen seien und gleichzeitig die Nachfrage geringer werde. „Die Weltwirtschaft wächst nicht in gleichem Maße wie 2009, als die Investoren noch größere Erwartungen hatten", bemerkt er. Unter anderem decke die Nachfrage Chinas die Förderkapazitäten der USA nicht ab. In Russland wirke sich der Ölpreisverfall stärker auf den Kurs des Rubels aus, weil „anders als in den Jahren 2008 und 2009 heute nur wenig ausländisches Kapital im Land ist. Ausländische Unternehmen investieren weniger in Russland", meint Soroko. Auch damals sei die russische Wirtschaft schon abhängig vom Energieexport gewesen, sagt Alexej Koslow. Jedoch wäre der Druck heute aufgrund der Sanktionen, einer steigenden Inflation und gestiegenen geopolitischen Risiken größer. Der Ausblick der Wirtschaft sei nicht sehr optimistisch. Das mache den Unterschied zu damals aus, meint Koslow.

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