Ökonom Wladimir Mau: "Die Lage erinnert stark an die Krise in der Sowjetunion"

Wirtschaftsexperte Wladimir Mau sieht Russlands Krise als Chance, die Abhängigkeit von Rohstoffexporten zu überwinden.

Ökonom Wladimir Mau: "Heute sehen

wir, dass sich gleich mehrere Krisen

überlagern". Foto: Denis Wischinskij/TASS

Im letzten Quartal 2014 ist in Russland nach dem Verfall der Ölpreise die nationale Währung abgestürzt. Auf dem Moskauer Gaidar-Forum sprach der Rektor der Russischen Akademie für Wirtschaft und Verwaltung und seinerzeit einer der Co-Autoren der russischen Wirtschaftsreformen Anfang der 1990er-Jahre, Wladimir Mau, mit RBTH darüber, wodurch das heutige Russland mit der UdSSR nach 1985 vergleichbar ist.


Wie würden Sie angesichts von Rubelverfall und fallender Ölpreise die neue Realität beschreiben, mit der die russische Wirtschaft konfrontiert ist?

Als Leiter einer staatlich finanzierten Einrichtung, einer der größten Hochschulen des Landes, liebe ich hohe Ölpreise. Als Wirtschaftshistoriker bevorzuge ich allerdings gemäßigt niedrige Preise auf Ressourcen, da sich übermäßige Einnahmen in der Regel negativ auf die Qualität von Institutionen auswirken.

Im 16. Jahrhundert bekam Spanien über einen Zeitraum von 50 Jahren regelmäßig hohe Kapitalerträge in Form von Silber und Gold. Letztendlich führte das zum Untergang des damals mächtigsten Staates in Europa. Wir müssen verstehen, dass die aktuelle Krise in Russland ein ernstzunehmender Anlass ist, uns unserer makroökonomischen Politik bewusst zu werden.

 

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Können fallende Ölpreise Russland helfen, die eigene Abhängigkeit von den Rohstoffexporten zu reduzieren und umfassende Reformen durchzuführen?

Wenn die Ölpreise niedrig bleiben, können wir davon ausgehen, die „holländische Krankheit", bei der sich die Herstellung aller Güter mit Ausnahme der Rohstoffe nicht mehr rentiert, überwunden zu haben. Das gibt die Möglichkeit, die Inflation entschieden zu bekämpfen, ohne dabei die sinkende Konkurrenzfähigkeit russischer Unternehmen aufgrund des stärkeren Rubels befürchten zu müssen. Russland kann auch die Einwanderungsbestimmungen lockern, weil das Land für Migranten weniger attraktiv geworden ist.

Worin liegt Ihrer Meinung nach die Hauptursache für die aktuelle Wirtschaftskrise in Russland?

Heute sehen wir, dass sich gleich mehrere Krisen überlagern. Zum einen wirkt weiterhin die weltweite Strukturkrise. Sie verursacht tiefergehende Verzerrungen in der Wirtschaft und der Politik führender Nationen. Zum anderen ist zu beobachten, dass das russische Wachstumsmodell aus den 2000er-Jahren, das auf die Steigerung der Nachfrage, d. h. auch des

Konsums, setzte, eine Krise durchlebt. Hinzu kommt die Verschärfung der geopolitischen Situation. Wegen der branchenbezogenen Sanktionen, die vor allem im Finanzsektor gegen das Land gerichtet wurden, befindet sich die russische Wirtschaft in einem Schockzustand. Fallende Preise auf Öl, die wichtigste Einnahmequelle des Staatshaushalts, üben zusätzlich außenwirtschaftlichen Druck aus.

Worin unterscheidet sich die aktuelle Krise in Russland von der Krise der Jahre 2008/2009?

Der wesentliche Unterschied besteht darin, dass wir damals gemeinsam mit der ganzen Welt einen Ausweg aus der Krise gesucht haben. Jetzt suchen wir den Ausweg selbst und niemand wird uns helfen. Insgesamt erinnert die Krise sehr stark an die Krise in der Sowjetunion im Jahr 1986. Im Augenblick sind fallende Ölpreise und die Wirkung der Sanktionen die äußeren Schocks für die russische Wirtschaft. In ähnlichem Umfang fiel der Ölpreis auch 1986. Erschwert wurde die Situation durch die Anti-Alkohol-Kampagne, die den Staatshaushalt um die nach Erdöl zweitwichtigste Einnahmequelle brachte. Damals löschte die sowjetische Regierung das Krisenfeuer mit Außenschulden. Die UdSSR trat in die Krise mit einer ausbalancierten Wirtschaft, aber nur vier Jahre waren nötig, damit der Staat kollabiert. Dabei war in den ersten zwei Jahren ein wirtschaftliches Wachstum im Land zu verzeichnen. Allerdings verfügte die UdSSR praktisch über keinerlei Reserven und war als Wirtschaftssystem weitaus weniger flexibel.

In letzter Zeit sagen die Wirtschaftswissenschaftler, dass entweder eine Mobilisierung oder eine Liberalisierung die Antwort auf die Krise sein kann. Welches dieser Szenarien bringt Ihrer Meinung nach Vorteile für Russland?

Das Liberalisierungsmodell hat sich in den vergangenen Jahrzehnten

weltweit etabliert. Das größte Beispiel dieser Entwicklung ist China nach 1978 und besonders nach den studentischen Protesten von 1989, als das Land mit Wirtschaftssanktionen belegt wurde. Eben aufgrund der Liberalisierung begannen in China 1992 die Investitionen und das BIP rasant zu wachsen. Es gibt zahlreiche weitere Beispiele für schnelles Wachstum auf der Basis der Liberalisierung der Wirtschaft. Ich nenne nur einige Länder: Chile, Finnland, Irland, Südafrika oder Polen. Beispiele für beschleunigtes Wachstum nach dem Mobilisierungsmodell sind im letzten halben Jahrhundert dagegen nicht zu verzeichnen.

Wladimir Mau wurde 1959 in Moskau geboren. Er studierte am Moskauer Plechanow-Institut für Volkswirtschaft. Nach dem Zerfall der Sowjetunion gehörte er Anfang der 1990er-Jahre zum engsten Kreis der Wirtschaftsreformer um den verstorbenen Jegor Gaidar, damals Finanzminister und Vizepremier des Landes.

Heute ist Mau Rektor an der Staatlichen Akademie für Volkswirtschaft und Verwaltung und zählt zu den einflussreichsten Regierungsberatern in Sachen Wirtschaft.

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