Garmisch vermisst russische Touristen

Der Skiort Garmisch-Partenkirchen gehört zu den beliebtesten Reisezielen für wohlhabende Russen in der Wintersaison. In diesem Jahr bleibt ein Großteil der Besucher aus Russland aus. Foto: Alamy/Legion Media

Der Skiort Garmisch-Partenkirchen gehört zu den beliebtesten Reisezielen für wohlhabende Russen in der Wintersaison. In diesem Jahr bleibt ein Großteil der Besucher aus Russland aus. Foto: Alamy/Legion Media

Deutschland vermisst russische Gäste, denn der Rubelsturz hat viele Urlaubspläne zunichte gemacht. Die Branche fürchtet Verluste und hofft auf ein Ende der Krise in Russland.

Peter Ries ahnt Schlimmes, auch wenn er die Gewissheit noch nicht schwarz auf weiß hat. „Es ist, als habe jemand einfach den Stecker gezogen", sagt der Tourismusdirektor von Garmisch-Partenkirchen. Die Rede ist von russischen Touristen, die Anfang Januar normalerweise den bayerischen Skiort überrennen. Denn dann ist in Russland Weihnachtszeit und die gesetzlichen Feiertage reichen bis in die Monatsmitte hinein. 2013 entfiel etwa ein Drittel der jährlichen 36.000 Besucher aus Russland auf den ersten Monat.

In diesem Jahr lief es anders. „Drei von vier Reiseveranstaltern, mit denen wir im Russland-Geschäft kooperiert haben, sind pleite. Und die Buchungszahlen der verbliebenen sind so gut wie pulverisiert", erklärt der Tourismusexperte.

 

Europa ist für die Russen zu teuer geworden

So wie Garmisch ergeht es derzeit vielen Reisegebieten in Deutschland und auch anderswo in Europa. Die Wirtschaftsflaute und die massive Abwertung des Rubels um etwa 50 Prozent zum Euro und zum US-Dollar haben die Reiselust vieler Russen spürbar gedämpft. Zuerst schlug die Situation auf die Reiseveranstalter im Land durch. Die Chefin des Branchenverbandes ATOR, Maja Lomidze, berichtete im Dezember von einem Nachfragerückgang bei organisierten Auslandsreisen um 40 bis 50 Prozent.

Dabei war der Auslandstourismus in den vergangenen Jahren ein konstanter Wachstumsmarkt. Die Zahl der Russen, die innerhalb eines Jahres nach Europa gereist sind, hat sich nach Angaben der European Travel Commission zwischen 2004 und 2013 von 12,3 auf 31,8 Millionen fast verdreifacht. Damit hat sich das Land zum drittwichtigsten Herkunftsland für Europas Gastgewerbe gemausert.

Für 2015 sehen Experten der ETC allerdings einen Einbruch von etwa zehn Prozent. Auch die Statistik der Tourismusbehörde Rosturizm zeigt bereits für die ersten neun Monate von 2014, als der Rubel noch relativ stabil war, ein leichtes Minus. Bei günstigen Zielen wie Türkei und Ägypten blieb der Boom zwar ungebremst. Länder wie Spanien, Griechenland oder Thailand mussten dagegen empfindliche Einbrüche verkraften. Finnland, ein beliebtes Wochenendziel für die Einwohner der Fünf-Millionen-Stadt Sankt Petersburg empfing nur noch ein Drittel der gewöhnlichen Touristenanzahl.

Ein dermaßen drastischer Rückgang droht Deutschland wohl nicht, auch wenn das Land zu den kostspieligen Reisezielen gehört. Wer hierher fährt, gehört mindestens zur Mittelschicht. Doch auch an den wohlhabenden Russen geht die Krise nicht spurlos vorüber. So meldete der

Traditionskurort Baden-Baden das erste Mal seit zwanzig Jahren weniger russische Gäste. Die kommunale Statistik, die auch die Ukrainer zu dieser Gruppe zählt, weist zwischen Januar und September 10.000 Besucher weniger aus den beiden Ländern aus.

Das tatsächliche Ausmaß des Rückgangs wird allerdings erst klar, wenn die Zahlen vom Januar, dem wichtigsten Monat im Jahr, vorliegen. „Wir gehen für das vergangene Jahr von einem Minus zwischen zehn und 14 Prozent aus", erklärt Tourismus-Direktor Ries aus Garmisch-Partenkirchen. Der Einbruch im Januar dürfte kräftiger ausfallen. Dabei haben sich die russischen Gäste zur zweitwichtigsten Urlaubergruppe im bayerischen Skiort gemausert und stellen jeden achten Besucher aus dem Ausland, knapp hinter den Amerikanern. Ein Ergebnis jahrelanger, gezielter Arbeit auf dem russischen Markt, so Ries. Nun gehe ein großer Teil der Wertschöpfung verloren, weil Touristen aus Russland meistens auch viel Geld in den Geschäften und Restaurants gelassen haben.

 

Verschärfte Konkurrenz

Jetzt müssen auch Russen sparsam bleiben. Laut VTB 24, einer der größten Banken des Landes, haben ihre Kunden in der Urlaubssaison bis zu 40 Prozent weniger Geld im Ausland gelassen. Die Zahl der Transaktionen hat sich halbiert. Dabei haben Luxuskaufhäuser, ob in München, Berlin oder Dresden, auf die Kundschaft aus Russland gehofft. Seit Jahren bemüht sich die sächsische Hauptstadt mit Erfolg um russische Touristen. So erstrahlt die Altmarkt-Galerie zum Jahresanfang in den russischen Nationalfarben weiß, blau und rot. Väterchen Frost und Enkelin Snegurotschka begrüßen die Kunden und russischsprachige Hostessen stehen pünktlich um 13.20 Uhr am Airport, um den Moskauer Flieger zu empfangen. Doch erst kürzlich klagte Nadine Strauß, Chefin der Altmarkt-Galerie, der 500-Euro-Schein sitze nicht mehr so locker. Zumal sich die Hoffnungen auf neue Direktflüge aus Krasnodar und Sankt Petersburg nicht erfüllt haben. Die Verbindungen stehen zwar noch im Flugplan, Tickets werden derzeit allerdings nicht angeboten.

Andere Traditionsziele wie Berlin hoffen dagegen, die innerdeutsche Konkurrenz um Touristen für sich entscheiden zu können. „Gerade in Krisenzeiten bietet die deutsche Hauptstadt mehr fürs Geld als andere Weltmetropolen, sagt Burkhard Kieker, Geschäftsführer von visitBerlin. Berlin sei schon aus anderen Krisen als Gewinner hervorgegangen. In der Tat haben die Übernachtungszahlen bis November nur um zwei Prozent abgenommen.

Doch nicht nur die innerdeutsche Konkurrenz verschärft sich. Insbesondere die Bergregionen schauen neidisch auf Sotschi. Zumindest über die

Weihnachtsferien sei die einstige Olympiastadt komplett ausgebucht gewesen. Etwa 180.000 Besucher waren es allein in den ersten beiden Jahreswochen. Im ganzen Jahr sollen es insgesamt über eine Million werden. Auch der russische Verband der Reiseveranstalter meldet, die Nachfrage nach innerrussischen Destinationen sei um mehr als ein Viertel gestiegen.

Tourismusdirektor Ries sieht Sotschi ebenfalls als direkte Konkurrenz. Viel machen könne man dagegen nicht. Geld in verstärktes Marketing wäre derzeit in den Sand gesetzt. Auch Ersatz für die Russen lasse sich nicht so schnell finden. Bleibt nur auf eine Konjunkturwende zu hoffen.

Eines möchte der Garmisch-Partenkirchener auf jeden Fall vermeiden: „Falls der Eindruck entsteht, die russischen Gäste sind wegen der internationalen Situation hier nicht erwünscht, so ist das falsch. Bei uns geht es um Gastfreundschaft und nicht um Politik. Also kann ich nur sagen: Herzlich Willkommen!"

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