Die USA überholen Russland als größter Erdölförderer

Westliche Sanktionen und der schwache Rubel belasten die Erdölindustrie. Foto: Dmitrij Rogulin/TASS

Westliche Sanktionen und der schwache Rubel belasten die Erdölindustrie. Foto: Dmitrij Rogulin/TASS

Im vergangenen Jahr überholten die USA Russland als größter Erdölförderer der Welt. In den kommenden Jahren droht Russland sogar ein Rückgang der Fördermenge. Grund dafür sind vor allem die westlichen Sanktionen und der schwache Rubel – aber auch das Versiegen traditioneller Erdölfelder.

Die westlichen Sanktionen und die starke Entwertung des Rubels werden in Russland einen starken Rückgang der Erdölförderung nach sich ziehen, heißt es in einer Studie der Internationalen Energieagentur (IEA). Laut Angaben der Agentur könnte die Fördermenge in Russland bis 2020 um 560 000 Barrel auf 10,4 Millionen Barrel pro Tag zurückgehen. Dabei hatte die Agentur im vergangenen Jahr noch eine Zunahme um 200 000 Barrel täglich vorausgesehen. Diese Schätzung musste wegen der verhängten Sanktionen und des Verfalls der russischen Währung um die Hälfte korrigiert werden.

Im russischen Ministerium für Energiewirtschaft erwartet man, dass die Fördermenge bereits im Jahr 2015 um 0,6 Prozent sinken werde. Die russischen Ölkonzerne Rosneft und Lukoil versprechen hingegen in ihren Lageberichten, die Erdölförderung auf dem Niveau von 2014 zu halten. Ihre Miteigentümer sind allerdings weniger optimistisch. Im November 2014 erklärte Lukoils Vizepräsident Leonid Fedun, dass die Erdölförderung in den nächsten vier bis fünf Jahren um fünf bis sieben Prozent zurückgehen könnte, wenn die Sanktionen nicht aufgehoben würden und die Ölpreise auf einem niedrigen Niveau blieben.

 

Allgemeiner absteigender Trend

Laut Ilja Balakirew, Chefanalyst von UFS IC, waren die geförderten Erdölmengen in Russland 2013 um 0,9 Prozent und im Jahr 2014 lediglich um 0,45 Prozent gestiegen. Die Wachstumsraten schrumpften also um die Hälfte. „Die meisten großen Ölfelder wurden noch zu Sowjetzeiten in Betrieb genommen. Diese Vorkommen sind weitestgehend erschöpft, und ohne zusätzliche Investitionen wird es dort mit der Förderung bergab gehen", sagt er. Indessen sei den Erdölproduzenten durch die westlichen Sanktionen der Zugang zu modernen Technologien erschwert worden, wodurch die Konzerne gezwungen wurden, das Investitionsvolumen herunterzufahren

und den Start von neuen Projekten hinauszuschieben, meint Balakirew.

„Es wäre verfrüht, Jahresprognosen für die Förderraten in Russland zu machen, da die Auswirkung von formellen und informellen Sanktionen noch nicht klar ist", findet Sergej Chestanow, Dozent an der Fakultät für Finanzen und Bankwesen am Institut für angewandte Wirtschaftsforschung Ranepa. Ihm zufolge habe ein Großteil der maßgeblichen russischen Vorkommen das Alterungsstadium erreicht. Um die heutigen Mengen beizubehalten, bedürfe es eines umfangreichen technischen Pakets, das von westlichen Unternehmen geboten wird. Aussichten für eine Zusammenarbeit mit ihnen seien allerdings derzeit ungeklärt, was die Schätzungen erschwere, warnt Chestanow. Seiner Meinung nach könne Russland bei einem maximal pessimistischen Szenario binnen fünf bis sieben Jahren bis zu 25 Prozent der Erdölförderung einbüßen.

 

Neue Vorkommen sind schwer zu erschließen

Laut dem Jahresergebnis für 2014 seien die USA in der Ölforderung weltweit marktführend und hätten Russland übertroffen, heißt es in der mittelfristigen Prognose der Internationalen Energieagentur. Die USA hätten die Fördermengen im vergangenen Jahr um 1,5 Millionen Barrel auf 11,81 Millionen Barrel pro Tag erhöht. Russland fördere lediglich 10,93 Millionen Barrel pro Tag. „Hinsichtlich Einflussnahme auf den internationalen Ölmarkt ist nicht allein die Förderung wichtig, sondern vielmehr das exportierte Rohölvolumen und die Lieferlogistik", stellt Chestanow fest. Seiner Ansicht nach blieben die USA trotz zunehmender Förderung ein Nettoimporteur von Erdöl und würden noch längere Zeit nicht vermeiden können, das schwarze Gold zu importieren. Aus dieser Sicht spielten Russland und Saudi Arabien

eine viel größere Rolle, so Chestanow.

Balakirew glaubt deshalb, dass viele geplante Erdölprojekte in Russland eingefroren beziehungsweise verschoben werden müssten, sollte sich die Situation nicht bald ändern. „Die Situation wird auch dadurch erschwert, dass es bei den meisten neuen großen Erdölfeldern um schwer zugängliche Vorkommen in der Arktis oder um nicht vollständig erschlossene Felder in Ostsibirien handelt, deren Ausbeutung den Aufbau einer Infrastruktur von Grund auf voraussetzt", so Balakirew. Der Präsident Rosnefts Igor Setschin wies jedoch während einer Konferenz am 10. Februar in London darauf hin, dass rückläufige Investitionen in der Erdölbranche dazu beitragen würden, das Gleichgewicht am Ölmarkt wiederherzustellen. Dabei erklärte er, dass Erdölpreise von 50 US-Dollar pro Barrel für den größten russischen Ölkonzern zufriedenstellend wären.

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