Rubelkrise trifft Autobranche mit voller Wucht

So optimistisch die Hersteller in guten Jahren sind, so bitter ist die Stimmung, wenn es zur Krise kommt. Zum zweiten Mal seit 2009 müssen sie einen dramatischen Einbruch verkraften. Foto: DPA/Vostock Photo

So optimistisch die Hersteller in guten Jahren sind, so bitter ist die Stimmung, wenn es zur Krise kommt. Zum zweiten Mal seit 2009 müssen sie einen dramatischen Einbruch verkraften. Foto: DPA/Vostock Photo

Russlands Automarkt ist in Katerstimmung. Nach Panikkäufen im Dezember müssen Händler und Hersteller nun einen dramatischen Einbruch der Verkaufszahlen hinnehmen.

Für viele Manager der Branche ist es ein Déjà-vu. Bereits 2008 wurde Russland als neuer Star unter den Automärkten gehandelt. Dann kam die Vollbremsung 2009. Auch jetzt zieht der Absatz lange Bremsspuren hinter sich her, nachdem Russland zuvor wieder zum zweitwichtigsten Markt in Europa aufgestiegen war. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat sank der Pkw-Verkauf im Januar 2015 um 45 Prozent zum Vormonat. Im Vergleich zum Januar 2014 betrug der Rückgang immerhin 26 Prozent. Wie Analysten der Beratungsgesellschaft PricewaterhouseCoopers erklären, liegt der Hauptgrund in der makroökonomischen Situation im Land und der Schwäche des Rubels. Auch das gesamte vergangene Jahr, mit Ausnahme des letzten Quartals, lief holprig. Im Ergebnis ist laut PwC der Verkauf von Neuwagen in Russland 2014 um 10,1 Prozent auf 2,3 Millionen Stück zurückgegangen. Anders als bei der letzten großen Krise liegt der russische Markt nicht im globalen Trend. Schließlich konnten der japanische, europäische und amerikanische Absatzmarkt eine positive Entwicklung vorweisen.

 

Verzwickte Situation

Für die russische Volkswirtschaft hat der Pkw-Markt und die Autoindustrie eine große Bedeutung. Die ersten Fabriken wurden noch in den Neunzigerjahren errichtet – damals eröffneten Daewoo, Ford und General Motors ihre Montagewerke. Der Durchbruch kam 2006, als in Russland der Einfuhrzoll auf Fahrzeugkomponenten für die Autoindustrie abgeschafft wurde. Gleichzeitig wurden gebrauchte und auch neue Autos mit hohen Schutzzöllen belegt, um einerseits den Lada-Hersteller Avtovas zu schützen und andererseits ausländische Automobilkonzerne anzulocken.

Bereits Ende 2008 eröffnete in Moskau das Renault-Werk, in Sankt Petersburg ging Toyota an den Start, in Kaluga, 180 Kilometer südlich von Moskau, ließ Volkswagen Autos zusammenbauen. Letzten Endes wurden 2010 bereits circa 90 Prozent der gefragtesten Pkw-Marken direkt in Russland produziert. Gleichzeitig garantierte die Regierung den Herstellern nach dem Beitritt Russlands zur WTO im Jahr 2012 eine Kompensation der Verluste, die durch eine zukünftige Senkung des Einfuhrzolls auf Gebrauchtwagen entstehen würden. Doch auch ungeachtet des WTO-Beitritts und der künftigen Zollsenkungen hat etwa Daimler 2013 die Produktion seines Sprinter Classic bei GAZ, dem ehemaligen Wolga-Werk in Nischni Nowgorod, 420 Kilometer östlich von Moskau, aufgenommen.

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In den vergangenen Jahren wurde Russland immer wieder prophezeit, es werde zum größten Automobilmarkt aufsteigen. Doch bereits 2013 gerieten die Verkäufe ins Stocken. Die endgültige Wende kam im Herbst 2014, als der Rubelkurs gegenüber dem US-Dollar und dem Euro auf die Hälfte gefallen war. Das führte zu einer Verteuerung der Automobilkomponenten und zu einem Rückgang der Nachfrage. Am Ende wurde Mitte Februar dieses Jahres das Renault-Werk in Moskau für drei Wochen geschlossen, und die Fabrik von General Motors in Sankt Petersburg arbeitet seitdem nur noch in einer Schicht. Auch Ford warnte davor, seine Bänder kurzzeitig anhalten zu müssen. „Die Situation auf dem Pkw-Markt ist recht angespannt und in der nächsten Zeit kann damit gerechnet werden, dass eine Reihe Händler aufgeben wird", sagt der Projektleiter von FinExpertisa Alexander Silberman.

Ilja Balakirew, Analyst bei UFS IC, berichtet von Panikkäufen kurz vor Neujahr. Viele Käufer hätten so versucht, ihre Rubelersparnisse zu retten. Die Produzenten ihrerseits seien gezwungen gewesen, die Preise anzuheben, da der Einkaufspreis für Neuwagen von den Wechselkursen abhänge. „Unterm Strich hat sich auf dem Markt eine Art Scheregebildet: Auf der einen Seite befinden sich die Verbraucher, die ihren Bedarf zum großen Teil bereits gedeckt haben, und auf der anderen die Hersteller, die gezwungen sind, Preise anzuheben", erklärt der Experte.

 

Trübe Aussichten

Nach einer Prognose von PwC ist für 2015 mit einem weiteren Preisanstieg zu rechnen, und im Zusammenhang mit dem Absatzrückgang könnte es zu einem Rückzug einer Reihe von Marken vom russischen Markt kommen. Das betrifft vor allem die Autoproduzenten mit einem relativ kleinen Markt
anteil in Russland. „In einer weitaus besseren Lage befinden sich in der aktuellen Situation die Autohersteller, die über einen sehr hohen Lokalisierungsgrad in Russland verfügen, vor allem die russischen Produzenten", heißt es in einer PwC-Analyse. Nach Angaben des Unternehmens ist in erster Linie die Rede vom größten russischen Autohersteller, dem Konzern Avtovas, der die in Russland populärste Marke Lada herstellt. Aber selbst bei Avtovas steht bei Weitem nicht alles zum Besten: 2014 stieg der Reinverlust um das 3,7-Fache auf 25,4 Milliarden Rubel (338 Millionen Euro). Wie man im Unternehmen erläuterte, sei einer der Gründe für die Verluste eben jener Rubelverfall, da die Fahrzeuge, die der Konzern produziert, zu etwa 20 Prozent aus Import-Komponenten bestehen.

Bisher rechnen die Marktteilnehmer mit einer Unterstützung durch den Staat. So hat die russische Regierung eine Art Abwrackprämie initiiert: Gebrauchtwagen werden beim Kauf eines Neuwagens in Zahlung

genommen und der Käufer erhält einen saftigen Rabatt. Wie der russische Finanzminister Anton Siluanow am 18. Februar verkündete, seien alleine für das erste Quartal 2015 zehn Milliarden Rubel (150 Millionen Euro) für dieses Programm bereitgestellt worden. „Wenn der Staat den Markt im ausreichenden Maße unterstützt, wird der Verkauf von Personenkraftwagen in Russland zum Jahresende wahrscheinlich um 20 bis 25 Prozent zurückgehen, andernfalls könnten es bis zu 35 Prozentwerden", sagt der Leiter der Pkw-Abteilung bei PwC in Russland Sergej Litwinenko. Auch Ilja Balakirew meint, dass der Markt mit einem deutlichen Einbruch rechnen müsse. Wie lange dieser andauern werde, hänge von der allgemeinen Wirtschaftslage, der Kreditvergabepolitik und weiteren Preisnachlässen seitens der Autohersteller ab. Andernfalls werde die Nachfrage sich endgültig auf den Gebrauchtwagenmarkt umorientieren – dort macht der Preisanstieg sich bisher nicht ganz so stark bemerkbar.

 

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