Russische Revolution der Milchproduktion?

Eine neue Technologie aus Russland  könnte den Milchmarkt revolutionieren. Foto: Igor Russak/RIA Novosti

Eine neue Technologie aus Russland könnte den Milchmarkt revolutionieren. Foto: Igor Russak/RIA Novosti

Der russische Physiker und Ingenieur Alexander Belonosow hat eine Maschine erfunden, mit der Milch innerhalb von nur 30 Sekunden direkt unter der Kuh pasteurisiert und verpackt werden kann. Der Erfinder setzt auf den europäischen Markt: Der Preis für eine Anlage beläuft sich auf nahezu 25 000 Euro.

Der Name ist Programm: „30 Sec Milk" heißt die neue Technologie, die Physiker und Ingenieur Alexander Belonosow und sein Geschäftfreund Andrej Kutejnikow erfunden und verwirklicht haben. Im Oktober 2012 erhielten die beiden das russische Patent für einen „Integralen Melk-Komplex", im März 2014 folgte das entsprechende Patent in Deutschland. Nach Angaben Kutejnikows hat der Bau des Prototypen von „30 Sec Milk" etwa 73 000 Euro gekostet. Dabei mussten allein 19 000 Euro für teure, aus Schweden importierte Komponenten aufgebracht werden. Weitere 73 000 Euro wurden in die Marktforschung investiert.

„30 Sec Milk" sieht wie ein hoher metallener Hocker auf Rädern aus. Der Melkvorgang wird mithilfe einer Vakuumpumpe durchgeführt und läuft somit auf traditionelle Weise ab. Die Milch gelangt durch einen Filter direkt in den Pasteurisator im oberen Teil der Anlage. Für zehn Sekunden wird sie auf nicht weniger als 75 Grad Celsius erhitzt. Danach fließt sie in einen Kühler unterhalb des Pasteurisators und wird auf drei bis fünf Grad heruntergekühlt. Darunter befindet sich das Verpackungsmodul: eine Art Steckbox mit mehrschichtigen, steril verpackten Tüten. Während die Milch abgefüllt wird, trägt ein Drucker das Melkdatum, die Nummer der Kuh, den Namen des Hofs, den Fettgehalt und das Haltbarkeitsdatum auf die Verpackung auf.

Bald soll den Plänen der Entwickler zufolge die Anlage auch einen QR-Code auf die Verpackung auftragen können, damit die Verbraucher die gewünschten Informationen auf dem Display ihrer Smartphones sehen können, inklusive eines Fotos der Kuh und Angaben zu ihrem Alter und ihrer Herkunft.

Von dem Moment, an dem die Milch aus dem Euter fließt, bis zu dem Augenblick, an dem der Besitzer der Kuh die erste Milchpackung in den Händen hält, vergeht keine Minute. Den Angaben der Hersteller zufolge kann eine Anlage an einem Arbeitstag 24 bis 30 Kühe abfertigen.

 

Das Produkt setzt Kurs auf Europa

„In der Europäischen Union arbeiten 1,6 Millionen Milchhöfe mit einem durchschnittlichen Bestand von 42 Kühen", rechnet Kutejnikow und erläutert das Potenzial im europäischen Markt: „Die Transportwege vom Bauernhof zum Verbraucher sind hier kurz, die Einkommen der Bevölkerung hoch, Produkte aus der Region liegen stark im Trend und sind sehr gefragt." In Europa wollen Kutejnikow und Belonosow die Milch unter dem gleichen Markennamen vertreiben.

Über einen Geschäftspartner Kutejnikows haben die beiden nach eigenen Angaben bereits mehr als 20 Bauern in Großbritannien, Deutschland, den Niederlanden und Frankreich kontaktiert. Zwölf von ihnen sollen ihre Bereitschaft erklärt haben, Lizenzen für die neue Technologie und die Marke „30 Sec Milk" zu erwerben.

Günstig ist eine solche Anlage allerdings nicht: Der Stückpreis beläuft sich auf derzeit knapp 25 000 Euro (1,7 Millionen Rubel). Die Kosten für alle nötigen Lizenzen zur Nutzung der patentierten Technologie sind in dem Preis bereits inbegriffen. Kutejnikow plant, in diesem Jahr etwa 250 Anlagen in die Europäische Union zu liefern. Zwölf Cent zahlt ein Bauer pro abgefüllter Packung. Weitere Einnahmequellen sollen die Wartung – 150 Euro jährlich pro Anlage – und der Verkauf von Verpackungsmaterial bilden.

 

Russische Standards werden nicht erfüllt

Die 30-Sec-Milk-Technologie in Russland zu vertreiben, hat Kutejnikow bislang nicht vor. Stattdessen versucht er, eine Lieferkette vom Bauern bis

zum Verbraucher aufzubauen. Dabei will er den Bauern die Anlage kostenlos zur Verfügung stellen und ihnen das fertige Produkt abkaufen.

Nach Einschätzung des stellvertretenden Direktors des Forschungsinstituts für Kinderernährung, Jewgenij Kusnezow, ist die eigentliche Technologie sehr interessant, erfüllt aber nicht die russischen Normen. „Nach Herstellerangaben wird die Milch bei einer Temperatur von mehr als 75 Grad etwa zehn Sekunden lang wärmebehandelt. Für die sichere Beseitigung krankheitserregender Keime ist das unzureichend. Die Pasteurisation muss mindestens 20 Sekunden dauern", kritisiert er. „Der Transport der Anlage von einer Kuh zur nächsten verstößt zudem gegen Hygienevorschriften und die Ausgabe fertigverpackter Produkte in Bodennähe lässt die Frage nach Verschmutzungen, unter anderem mit Kuhmist, aufkommen."

 

Dieser Beitrag erschien zuerst bei RBC Daily.

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