Sanktionen gegen Russland: Öl und Banken unter Druck

Das Exportverbot für amerikanische und europäische Technologien im Energiebereich stellt die Förderung von Erdöl in schwer zugänglichen Regionen infrage. Foto: AP

Das Exportverbot für amerikanische und europäische Technologien im Energiebereich stellt die Förderung von Erdöl in schwer zugänglichen Regionen infrage. Foto: AP

Russland braucht Kapital und Technologien. Beides ist derzeit Mangelware. Zusätzlich drohen Maßnahmen zum Schutz der eigenen Hersteller, weiteren Schaden anzurichten.

Westliche Sanktionen haben die Energieunternehmen und das Bankensystem Russlands empfindlich getroffen. Das belegt eine Studie der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und öffentlichen Dienst.
Äußere Faktoren seien demnach verantwortlich für die Misere. Neben dem sinkenden Ölpreis sei die Einführung der Finanz- und Technologiesanktionen ausschlaggebend, heißt es in der Analyse. Habe man im Herbst noch von einer vorübergehenden Krise sprechen können, zeichne sich nun eine längerfristige Tendenz ab.

Das Exportverbot für amerikanische und europäische Technologien im Energiebereich stellt beispielsweise die Förderung von Erdöl in schwer zugänglichen Regionen infrage. Das amerikanische Unternehmen ExxonMobil hat neun von zehn Projekten zur Förderung von Erdöl im Nordpolargebiet, in Westsibirien und im Schwarzmeer-Schelf eingestellt. Partner in diesen Vorhaben war das staatliche russische Erdölunternehmen Rosneft. Nach einer vorliegenden Einschätzung werden 25 Prozent des russischen Erdöls mithilfe von Fracking-Verfahren gefördert, wofür die Ausrüstung in erster Linie in den USA hergestellt wird.

Nach Einschätzung Sergej Khestanows, Dozent an der Fakultät für Finanzen und Bankgeschäfte der Aka
demie, könne die gegenwärtige Förderung nicht ohne Serviceleistungen durch westliche Unternehmen gehalten werden. In den nächsten fünf bis sieben Jahren könnte im schlimmsten Fall ein Viertel der Fördermenge verloren gehen.

Auch die Internationale Energieagentur geht wegen der Sanktionen von einem Rückgang der Förderung um bis zu fünf Prozent aus. Dabei ist es gerade erst ein Jahr her, dass die Experten dieser Agentur ein Wachstum der russischen Erdölförderung um 200 000 Barrel pro Tag vorhergesagt haben.

 

Gewinne der Banken schrumpfen

Nicht weniger betroffen ist auch der Bankensektor. Finanzinstitute sind nun von westlichen Kapitalmärkten ausgeschlossen. So schrumpfte etwa der Gewinn der Sberbank, Russlands größtem Finanzinstitut, zum Jahresende 2014 um 22,1 Prozent auf etwa 4,3 Milliarden Euro.

Um die Banken zu unterstützen, beschloss die russische Regierung, ihnen eine Billion Rubel (14,2 Milliarden Euro) zukommen zu lassen. Mit den zusätzlichen Mitteln können jedoch nur Banken rechnen, die die Kreditvergabe an Unternehmen aus der Realwirtschaft ausbauen und strenge Vorgaben erfüllen.

 

Industrieproduktion stockt

Das Ausbleiben erschwinglicher Kredite und die Beschränkungen beim Technologieimport aus den Sanktionsländern führte dazu, dass Großbetriebe Investitionsprogramme zurückfahren mussten. So wuchs nach Angaben der offiziellen Statistikbehörde Rosstat die Industrieproduktion in Russland im Januar 2015 um 0,9 Prozent gegenüber dem vergleichbaren

Vorjahreszeitraum, während sie im Dezember noch um 3,9 Prozent gestiegen war. Rechnet man den saisona
len Faktor heraus, so sank die Indus
trieproduktion im Januar zum Vormonat sogar um 1,8 Prozent, während sie zuvor noch gestiegen war.

Am empfindlichsten erwiesen sich die Auswirkungen der Sanktionen für die russische Pharmaindustrie und die Produktion medizinischer Geräte. Nach Angaben von Rosstat ging die Produktion russischer medizinischer Erzeugnisse, inklusive chirurgischer und orthopädischer Waren, im Januar 2015 um die Hälfte zurück. Anfang Februar beschränktedie Regierung sogar den Einkauf von importierten medizinischen Geräten und Erzeugnissen seitens staatlicher und kommunaler Einrichtungen. Die Behörden begründeten den Schritt damit, die heimische Wirtschaft unterstützen zu wollen. Das Gesundheitsministerium machte sich jedoch gegen diese Reform stark: Im Ministerium befürchtet man, dass eine solche Art Unterstützung der russischen Hersteller möglicherweise zu einer Krise in der russischen Medizin führen werde.

Russland-Sanktionen im Überblick

 

März 2014: Als Reaktion auf die Eingliederung der Krim üben die Europäische Union und die USA Druck auf Moskau aus. Brüssel untersagt 21 Ein­zel­per­so­nen die Einreise und friert deren Konten und Vermögenswerte ein, die sich innerhalb der EU befinden. Auch die US-Regierung beschließt Einreiseverbote und Kontensperrungen gegen sieben russische Regierungsvertreter. Zudem stehen vier ukrainische Politiker auf der Liste, darunter der ehemalige Präsident Viktor Janukowitsch.

April 2014: Die US-Regierung führt Sanktionen gegen das Gasunternehmen Tschernomorneftegas, mit Sitz auf der Krim, und gegen mehrere hochrangige Beamte von der Halbinsel ein.

August 2014: EU-Wirtschaftssanktionen treffen fünf russische Staatsbanken: die Gazprombank, Wneschekonombank (VEB), Russian Agriculture Bank (Rosselkhozbank) und auch die in Deutschland vertretenen Sberbank und VTB. Sie dürfen in der EU keine neuen Aktien oder Anleihen mit einer Laufzeit von mehr als 90 Tagen verkaufen.

Februar 2015: Trotz Waffenruhe und Friedensplan hält die EU an neuen Sanktionen gegen Russland fest. Die Reisebeschränkungen und Kontensperrungen gelten für 19 weitere Personen aus Russland und der Ukraine. Zudem dürfen Europäer keine Geschäftskontakte zu den prorussischen Kampfgruppen unterhalten.

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland