Energieunion: Mehr Verhandlungsmacht für Europa

Die EU will künftig Einfluss auf bilaterale Gasverträge nehmen. Foto: Reuters

Die EU will künftig Einfluss auf bilaterale Gasverträge nehmen. Foto: Reuters

Der Europäische Rat einigte sich auf die Schaffung einer Energieunion. Europa will so unabhängiger von russischen Gaslieferungen werden und Einkaufsgemeinschaften schaffen, um seine Verhandlungsposition zu stärken. Russlands Energieriese Gazprom ist unterdessen auf der Suche nach neuen Absatzmärkten.

Der Europäische Rat hat sich bei seinem jüngsten Treffen in Brüssel auf die Schaffung einer Energieunion verständigt. Der Vorschlag für eine Energieunion wurde von der EU-Kommission initiiert. Das könnte Auswirkungen für den russischen Energieriesen Gazprom haben, Europas wichtigsten Gaslieferanten.

Die Europäische Union wolle ihre Position bei zukünftigen Preisverhandlungen stärken, erläutert Iwan Kapitonow, Dozent der Fakultät für staatliche Wirtschaftsregelung am Institut für Staatsdienst und -verwaltung der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten Russlands (RANEPA), etwa durch freiwillige Einkaufsgemeinschaften. Doch das muss sich laut Kaptionow nicht zwangsläufig positiv auswirken, denn bislang gebe es bei der Preisgestaltung der Gasverträge deutliche Unterschiede: „Einige Länder bezahlen mehr, andere weniger."

Bislang hatte jeder EU-Mitgliedstaat das Recht, eigenständig Verträge mit Gazprom auszuhandeln, die Vertragsbedingungen blieben meist geheim. Künftig will die Europäische Union mehr Transparenz und plant, die Verträge bereits in einem frühen Stadium auf ihre Konformität mit EU-Recht zu begutachten. Sie behält sich vor, gegebenenfalls Änderungsvorschläge zu machen.

 

Gazprom steigert Liefermengen

Alexej Koslow, Analyst bei UFS IC, vermutet hinter der Initiative vor allem Autarkiebestrebungen der EU: Er glaubt, dass Europa seine Abhängigkeit von russischem Gas verringern will. Doch das bestehende Gastransportsystem könnte diesen Plan erschweren. Das findet auch Sergej Chestanow, Dozent an der Fakultät für Finanz- und Bankenwesen der RANEPA: „Die geografische Lage der Pipelines in Europa macht einen Verzicht auf russisches Gas bis mindestens 2017/ 2018 praktisch unmöglich. Es mangelt an einer entsprechenden Infrastruktur, aber auch an alternativen Lieferanten." Neue Transportwege zu schaffen und neue Lieferanten zu finden wird seiner Ansicht nach Zeit brauchen und nicht ohne erhebliche Aufwendungen zu realisieren sein.

Dmitrij Baranow, führender Experte bei Finam Management, berichtet zwar von Gesprächen der EU mit möglichen alternativen Lieferanten für Erdöl und Erdgas, darunter Länder des Nahen Ostens und Nordafrikas, des Persischen Golfs, der ehemaligen UdSSR sowie die USA und Kanada. Doch um konkrete Verträge gehe es dabei noch längst nicht, sondern lediglich um potenzielle Lieferungen.

Vor dem Hintergrund einer immer wieder diskutierten angestrebten Diversifizierung der Gaslieferungen nach Europa versucht Gazprom, das Vertrauen der europäischen Verbraucher zu steigern. Im vergangenen Jahr

wurden die Lieferung von Erdgas nach Europa und der Transit von Kohlenwasserstoffen über die Ukraine rapide gesteigert. Um 40 Prozent stieg der Transit russischen Gases über die Ukraine an. Etwa 70 Prozent der Lieferungen gingen nach Italien, der Rest nach Süddeutschland. Auch hat Gazprom die Ausnutzung der Pipeline North Stream, die auf dem Grund der Ostsee verläuft, auf 95 Millionen Kubikmeter pro Tag gesteigert und damit fast verdoppelt. Das zusätzliche Gas wurde etwa jeweils zur Hälfte nach Deutschland und die Länder Nordosteuropas geliefert.

Für Gazprom sind die europäischen Staaten noch immer die größten Abnehmer. Allerdings versucht auch der russische Monopolist neue Absatzmärkte zu erschließen und hat dabei vor allem den Asien-Pazifik-Raum im Blick, insbesondere China. Im Jahr 2014 lieferte Gazprom bereits rund 4,5 Milliarden Kubikmeter Flüssiggas an Abnehmer aus Asien.

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