Russlands Bruttoinlandsprodukt sinkt weiter rasant

Russlands Bruttoinlandsprodukt sinkt im März um 3,4 Prozent. Foto: Sergej Bobylew/TASS

Russlands Bruttoinlandsprodukt sinkt im März um 3,4 Prozent. Foto: Sergej Bobylew/TASS

Keine Atempause für die russische Wirtschaft: Im März sank das Bruttoinlandsprodukt um 3,4 Prozent. Experten gehen davon aus, dass es so weitergehen und der Tiefpunkt erst in der zweiten Jahreshälfte erreicht sein wird. Die Menschen in Russland legen unterdessen mehr Geld auf die hohe Kante.

Nach Angaben des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung ist das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Russlands im März 2015 im Jahresvergleich um 3,4 Prozent zurückgegangen. So berichtet es die russische Wirtschaftszeitung „RBC-Daily". Im Februar lag der Rückgang noch bei 1,6 Prozent.

„Der Rückgang des BIPs im März hängt mit einem Inflationsdruck auf hohem Niveau und teuren Kreditressourcen zusammen. Das spiegelt sich in der Wirtschaft des Landes negativ wider", sagt Alexej Koslow, Chefanalyst bei UFS IC. Die Inflationsvorhersagen für 2015 liegen bei 11,9 Prozent. Der Leitzins der Zentralbank, an dem sich Privatbanken orientieren, lag Anfang Mai bei 12,5 Prozent.

Nach Angaben des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung sinken auch die Reallöhne immer schneller. Nach einem Absinken um 7,4 Prozent im März sind sie insgesamt um 9,3 Prozent zurückgegangen. Im Bauwesen gab es im März 2015 deutlich weniger Aufträge, der Rückgang lag bei 6,7 Prozent. Das sei das schlechteste Ergebnis seit Juni 2014, heißt es im Bericht des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung, das dennoch kurz zuvor die Wachstumsprognosen leicht nach oben korrigiert hatte. Statt von einem Rückgang des BIP von drei Prozent rechnet das Ministerium nun mit einem Verlust an Wirtschaftskraft von 2,8 Prozent.

Die sinkenden Reallöhne haben dazu geführt, dass die Menschen weniger konsumieren und mehr sparen. Nach Angaben der Statistikbehörde Rosstat haben die Russen im ersten Quartal 2015 für Waren und Dienstleistungen 78,1 Prozent ihres Einkommens ausgegeben, im Vorjahr waren es noch 82,3 Prozent. Der Ankauf von Wertpapieren hat sich hingegen im Vergleich zum ersten Quartal 2014 verdoppelt. Das bedeutet, dass die Russen sich nun mehr um Geldanlagen kümmern.

 

Talsohle noch nicht erreicht

Nach Meinung von Experten könnte der BIP-Rückgang auch mit zyklischen Problemen erklärt werden. „Die Rezession in Russland folgt der typischen Entwicklung im finalen Stadium eines Konjunkturzyklus", erklärt Anton Soroko, Analyst bei der Investmentgesellschaft Finam. Besonders massive Auswirkungen hätte seiner Ansicht nach die Stagnation des Realsektors vor dem Hintergrund des Preisverfalls für Erdöl. Zweitens sei der Rückgang der Investitionsaktivität verbunden mit der Verteuerung von Krediten. Drittens wirke sich der Anstieg der geopolitischen Risiken und der Instabilität auf den Finanzmärkten auch negativ auf die Investitionsbereitschaft der Unternehmen aus. Die Talsohle stünde daher noch bevor, meint Soroko: „Der Tiefpunkt wird erst in der zweiten Jahreshälfte erreicht werden".

Mit einem Wachstum der russischen Wirtschaft wird also auch in der nächsten Zeit nicht zu rechnen sein, glauben auch andere Wirtschaftsexperten. „Der BIP-Rückgang wird weitergehen, wenngleich auch nicht so dramatisch. In jedem Frühling und Sommer sinken die Erlöse des Einzelhandels, insbesondere bei Haushaltsgeräten und Autos", sagt etwa Boris Piwowar, leitender Dozent am Lehrstuhl für Wirtschaft und Finanzen der Fakultät für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten Russlands (RANEPA). Auch der Export von Erdöl und Erdgas sei im Sommer immer geringer als in den Wintermonaten und bei den aktuellen politischen Bedingungen sollte man eher keinen Aufschwung der

Verkäufe und neue Vertragsabschlüsse erwarten. Im Herbst und Winter könnte sich die Lage ändern, „wenn es wieder um den Export von Erdgas gehen wird, insbesondere in die Ukraine, und wenn Bauobjekte nach der Sommerphase übergeben werden", so Piwowar. Ausverkäufe im Einzelhandel, die im Herbst und insbesondere Winter üblicherweise durchgeführt werden, würden sich auch positiv auf den Handel insgesamt auswirken, sagt er.

Piwowar prognostiziert einen kurzfristigen, trägheitsbedingten Fall in den ersten drei Quartalen des Jahres, danach ein geringes BIP-Wachstum auf dem Niveau von 0,5 bis 1,5 Prozent im vierten Quartal 2015. Alexej Koslow zufolge werden die Verbraucherpreise langsamer steigen, wenn sich der Rubel stabilisiert haben wird und die Kosten für Kredite geringer werden. Dies würde den Druck auf die Wirtschaft verringern und die BIP-Dynamik stabilisieren, meint Koslow.

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