Wirtschaftskrise: Russen sollen länger arbeiten

80 Prozent der Russen lehnen die Idee ab, länger zu arbeiten. Foto: Wladimir Fedorenko/RIA Novosti

80 Prozent der Russen lehnen die Idee ab, länger zu arbeiten. Foto: Wladimir Fedorenko/RIA Novosti

Russland diskutiert über eine Erhöhung des Renteneintrittsalters. Während sich der Finanzminister davon eine Entlastung bei den Staatsausgaben erhofft, warnen Experten vor negativen Folgen wie einer steigenden Jugendarbeitslosigkeit. Die große Mehrheit der Russen lehnt den Vorschlag ab.

Das russische Finanzministerium spricht sich für eine Erhöhung des Renteneintrittsalters in Russland aus – und zwar bereits im nächsten Jahr. Dies erklärte der russische Finanzminister Anton Siluanow laut Berichten der russischen Nachrichtenagentur Tass. Er wünsche sich in dieser Frage eine schnelle Entscheidung, denn das sei „besser für die Wirtschaft und den Staatshaushalt". Er plädiere für einen späteren Rentenbeginn, weil die russische Wirtschaft zusätzliche Arbeitskräfte benötige. Internationale Experten empfehlen Russland, das Rentenalter sowohl für Frauen, als auch für Männer auf 65 Jahre zu erhöhen. Zurzeit können Frauen ab dem 55. und Männer ab dem 60. Lebensjahr in Rente gehen.

Russlands Präsident Wladimir Putin sprach sich in der Fernsehsendung "Direkter Draht" jedoch gegen die Initiative aus. „Die Rentenreform muss im offenen Dialog mit der Gesellschaft durchgeführt werden, damit die Menschen verstehen, was genau gemacht wird", sagte der Präsident. Zwar steige die Lebenserwartung in Russland, doch bei Männern liege sie noch immer bei lediglich 65,5 Jahren, so Putin.

 

Demographischer Wandel belastet die Staatskasse

Anton Soroko, Analyst der Investmentgesellschaft Finam, geht davon aus, dass es dennoch früher oder später zu einer Erhöhung des Renteneintrittsalters kommen werde. „Das Rentensystem bereitet der Regierung in den letzten Jahren wirklich Kopfschmerzen. Die notwendigen Transferleistungen des Staates zur Auszahlung der Renten steigen", so Soroko. 2014 mussten wegen des Haushaltsdefizits rund 5,27 Milliarden Euro aus dem Fond für zukünftige Rentenempfänger entnommen werden, um die Zahlung der laufenden Renten leisten zu können. Soroko erklärt, dass das russische Renteneintrittsalter im internationalen Vergleich tatsächlich eines der niedrigsten sei. Man müsse jedoch auch die durchschnittliche Lebenserwartung berücksichtigen, sagt er weiter. Diese liegt nach offiziellen Angaben des russischen Gesundheitsministeriums für 2014 bei 65,4 Jahren für Männer und 76,5 Jahren für Frauen. Damit wurde ein historischer Höhepunkt erreicht.

Alexej Koslow, Chefanalyst von UFS IC, ist der Meinung, dass eine Anhebung des Renteneintrittsalters zu sinkenden Sozialausgaben im Staatshaushalt und einem Anstieg der arbeitsfähigen Bevölkerung führen werde. Dies könne dazu beitragen, die demographische Lücke der 1990er-Jahre, der Zeit der wirtschaftlichen Depression in Russland, zu kompensieren. Ein höheres Renteneintrittsalter könnte eine Möglichkeit sein, die Rentenkasse auszugleichen und zusätzliche Ausgaben des Staatshaushalts zur Unterstützung des russischen Rentensystems zu vermeiden, meint Koslow.

 

Hohe Jugendarbeitslosigkeit droht

Die meisten Russen aber wollen nicht länger arbeiten. Nach einer Umfrage des Allrussischen Meinungsforschungszentrums WZIOM vom April 2015 sind 80 Prozent der Menschen gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters. Für Anton Soroko ist das keine Überraschung. Er sagt, dass jedwede Änderung im Rentensystem von der Bevölkerung meist negativ aufgenommen werde. Er schlägt vor, die Regierung solle einen

Algorithmus entwickeln, „nach dem das Renteneintrittsalter abhängig von der mittleren Lebenserwartung allmählich erhöht wird", sagt er.

Alexander Safonow, Prorektor der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst, benennt mögliche Verlierer eines späteren Rentenbeginns: „Die Erhöhung des Renteneintrittsalters in Zeiten einer wirtschaftlicher Rezession oder eines schwachen Wirtschaftswachstums bedeutet für Personen, die kurz vorm Rentenalter stehen, ein deutlich erhöhtes Risiko, arbeitslos zu werden", warnt er. Das führe dazu, dass diese Personen von den Arbeitsagenturen in Frührente geschickt würden. Als eine der schwerwiegendsten Folgen nennt Safonow eine hohe Jugendarbeitslosigkeit, die unter anderem dadurch zustande kommen könnte, dass die Arbeitsplätze von älteren Fachleuten besetzt würden.

Premierminister Dmitri Medwedjew schlug im Rahmen des Jahresberichts über die Arbeit der Regierung vor, zunächst einmal das Renteneintrittsalter für Abgeordnete und Staatsbedienstete zu erhöhen.

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