„Turkish Stream“: Gazprom hat es eilig

Die Bauarbeiten zur Pipeline „Turkish Stream“ sollen Anfang Juni beginnen. Foto: Maxim Blinow/RIA Novosti

Die Bauarbeiten zur Pipeline „Turkish Stream“ sollen Anfang Juni beginnen. Foto: Maxim Blinow/RIA Novosti

Gazprom startet mit den Bauarbeiten der Pipeline „Turkish Stream“. Anfang Juni soll es losgehen, auch wenn offizielle Abkommen noch fehlen. Ein Risiko, das Gazprom bereit ist, in Kauf zu nehmen. Denn jeder Tag, an dem nicht gearbeitet wird, kostet viel Geld.

Im Juni soll es losgehen mit dem Bau der Pipeline „Turkish Stream". Das erklärte am Dienstag Gazprom-Präsidiumsmitglied Oleg Aksjutin. Die Rohre für die Pipeline kommen von der Firma Europipe aus Deutschland, verlegt werden sie vom italienischen Unternehmen Saipem, das dazu zwei Spezialschiffe einsetzt. Saipem war schon beim Bau des gescheiterten Pipeline-Projekts „South Stream" dabei.

Schon im Herbst 2014 hat Gazprom bei Saipem die beiden Spezialschiffe zur Rohrverlegung, „Castoro Sei" und „Saipem 7000", gemietet. Sie sollten bei den Arbeiten am Unterwasserabschnitt der Pipeline „South Stream" eingesetzt werden.

Nach dem Aus für das Projekt im Dezember 2014 gab es keine Einsatzmöglichkeit für die Schiffe. Der Stillstand kostete Gazprom nach Schätzungen der russischen Wirtschaftszeitung „Kommersant" etwa 25 Millionen Euro pro Monat.

Gazprom wird mit dem Pipelinebau beginnen, obwohl es noch keine offiziellen Abkommen mit den Regierungen der Türkei und Griechenlands gibt. Es gelten noch die alten Dokumente zu „South Stream".

„Gazprom ist unter Druck", kommentiert Walerij Nesterow, Analyst bei der Sberbank CIB. „Ein schneller Ersatz für ‚South Stream' musste her. Gazprom hat hohe Ausgaben für Vertragsstrafen, die Spezialschiffe kosten Geld, obwohl sie nicht genutzt werden, und es entstehen Lagerkosten für die Rohre", fasst er zusammen. Zudem wolle der russische Energieriese die Türkei und Südosteuropa anbinden, bevor die Europäische Union in Turkmenistan oder im Iran alternative Lieferanten für Gas finde.

Dmitrij Nikiforow, Leiter des Moskauer Büros von Debevoise & Plimpton, erklärt, dass Gazprom keine internationale Genehmigung für den Bau von „Turkish Stream" brauche, solange die Pipeline nicht durch die Territorialgewässer anderer Staaten verlaufe. Die holländische Gazpromtochter South Stream Transport B.V. hat eine Genehmigung für die Verlegung von etwa zwei Dritteln des Seeabschnitts, die durch Territorialgewässer und die ausschließliche Wirtschaftszone der Russischen Föderation verlaufen. Die Genehmigung für diese wurde noch für „South Stream" angefragt.

Der Beginn im Juni könnte bedeuten, dass Gazprom die Bauarbeiten gegebenenfalls stoppen muss, wenn es keine positive Rückmeldung aus Ankara gibt, berichtete der „Kommersant" unter Berufung auf Kreisen von Gazprom. Technisch wäre das möglich, heißt es.

Bei Gazprom ist man jedoch zuversichtlich, bald eine Einigung mit der Türkei zu erzielen. Quellen des „Kommersant" gehen davon aus, dass die bisherige Verzögerung mit den bevorstehenden Parlamentswahlen in der Türkei, die am 7. Juni stattfinden, zusammenhängt. Dann steht auch der aktuelle türkische Energieminister Yildiz zur Wahl.

Politische Gründe seien allerdings nicht das größte Hemmnis für ein Abkommen zum „Turkish Stream", berichten türkische Quellen dem

„Kommersant". Vielmehr gehe es um den Gaspreis, der sei zu hoch. Private Importeure haben erst nach monatelangen Verhandlungen einen Rabatt erwirken können. Sie zahlen nun 260 statt 374 US-Dollar pro Kubikmeter. Die staatliche Gesellschaft Botas hingegen hat noch keinen Rabatt aushandeln können.

Der Direktor des türkischen Instituts für Energiemärkte und -politik (EPPEN), Volkan Özdemir, findet, dass die Senkung des Gaspreises für Botas tatsächlich einen Schlüsselfaktor für ein Abkommen zum „Turkish Stream" darstelle. Seiner Ansicht nach kann ein Abkommen nur nach den Wahlen geschlossen werden, denn dann wird es in der Türkei wahrscheinlich einen neuen Energieminister geben. Und das bedeute, dass es auch „im Ministerium Personalwechsel geben wird und auch bei Botas", so Özdemir.

Der erste Abschnitt der Pipeline „Turkish Stream" soll 2016 in Betrieb genommen werden. Insgesamt sind vier Abschnitte mit einer Durchlasskapazität von insgesamt 63 Milliarden Kubikmetern Gas pro Jahr geplant.

Der „Turkish Stream" folgt auf 660 Kilometern der geplanten „South Stream"-Route. 250 Kilometer führen weiter in die Türkei.

 

Nach Berichten der Zeitungen „Kommersant" und „Wedomosti".

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