Rubelsturz lockt Urlauber

Platz 9 in Europa und Platz 17 weltweit: Sankt Petersburg gehört laut Reiseportal „Tripadvisor“ zu den besten Urlaubszielen in Russland. Foto: Alexander Petrosjan/FocusPictures

Platz 9 in Europa und Platz 17 weltweit: Sankt Petersburg gehört laut Reiseportal „Tripadvisor“ zu den besten Urlaubszielen in Russland. Foto: Alexander Petrosjan/FocusPictures

Der schwache Rubel macht Russland billig für ausländische Touristen. Doch von einem Ruf als attraktives Urlaubsland ist es noch weit entfernt. Denn die Hürden für Besucher sind groß.

„Was halten Sie von dem Film ‚Ein russischer Sommer' über das letzte Lebensjahr Leo Tolstois?", fragt eine polnische Touristin ihre junge Reiseleiterin an dem bescheidenen Grab des Schriftstellers in Jasnaja Poljana. Die Reiseleiterin lächelt verlegen und sucht nach passendem englischen Vokabular, um zu antworten. Jemand aus der polnischen Gruppe wirft ein paar Brocken Russisch ein und so wird eine gemeinsame Sprache schließlich doch noch gefunden. Leo Tolstoi vereint Welten.

An Wochenenden und Feiertagen ist das Anwesen Leo Tolstois nahe der Stadt Tula, einer traditionsrei
chen russischen Waffenschmiede knapp 200 Kilometer südlich von Moskau, ein beliebtes Ausflugsziel von Russen. Viele Gäste kommen aber auch aus dem Ausland. Ein schwacher Rubel hat seine Vorteile: Russland zu besuchen, ist günstiger geworden, und Russlandreisen werden immer attraktiver.

Die Daten der russischen staatlichen Tourismusagentur, Rostourism – verantwortlich für die Tourismusentwicklung im Land –, bestätigen den Eindruck, dass die Anzahl der Touristen nach dem Rubelsturz im Dezember gestiegen ist. Zwar sind die Einreisezahlen ausländischer Touristen 2014 um drei Prozent gefallen. Aktuell sei jedoch insgesamt einAufwärtstrend von drei bis fünf Prozent zu beobachten, wie kürzlich der stellvertretende Vorsitzende von Rostourism, Nikolaj Korolew, in einem Tass-Interview betonte. Die Liste ausländischer Gäste in Russland führte traditionell Deutschland an. Im Jahr 2013 kamen mehr als 380 000 Menschen aus der Bundesrepublik. Es folgten China mit 372 000 und die USA mit 197 000 Besuchern. Ein Jahr später ist China mit 410 000 Touristen auf den ersten Platz vorgerückt, wohingegen die Besucherzahlen aus Deutschland mit 350 000 und aus den USA mit 160 000 Menschen zurückgegangen sind.


Der schwache Rubel als Vorteil

Russische Experten beurteilen die Aussichten der Tourismusbranche skeptisch. Russlands einziger Trumpf im Reisesektor sei der schwache Rubel, ist Wladimir Kan
torowitsch, Präsidiumsmitglied in der Vereinigung russischer Reiseveranstalter (VRRV) überzeugt. Dieser Vorteil, so der Experte, werde von einem großen Nachteil überschattet: von den verschlechterten Beziehungen zwischen Russland, der Europäischen Union und den USA. „Klar, das liegt nicht am Tou
rismus, doch ein Tourist möchte die Länder bereisen, die gute Beziehungen zu seinem Land unterhalten", erklärt Kantorowitsch.

Die Reiseveranstalter stimmen dem zu: „Leider fiel der günstige Rubelkurs mit einer schlechteren Wahrnehmung Russlands im Ausland zusammen. Wesentlich anziehender wurde Russland für Ausländer dadurch nicht", sagt Alexandra Lanskaja, geschäftsführende Direktorin des Patriarschij Dom Tours, einer Reiseagentur, die ausländischen Touristen Exkursionen zu kulturellen Highlights russischer Städte bietet.

Auch die staatliche Behörde Rostourism ist sich durchaus bewusst, dass die touristische Anziehungskraft Russlands trotz des Kulturerbes zu wünschen übrig lässt. Dem will die Agentur entgegenwirken und erstmals Auslandsvertretungen der russischen Tourismusagentur eröffnen. Eine ist bereits in Dubai entstanden, weitere in Deutschland und China sollen folgen.


Reiches Erbe, 
dürftiges Englisch

Dabei hat Russland durchaus Potenzial als Urlaubsland, welches auch internationalen Experten nicht verborgen geblieben ist. Im Mai kletterte Russlands Rating hinsichtlich seiner Attraktivität im internationalen Travel & Tourism Competitiveness Report um 18 Punkte von Platz 63 auf 45. Gelobt wurde Russland für seine kulturellen Sehenswürdigkeiten und das Luftverkehrsnetz. Das niedrige Sicherheitsniveau und das erschwerte

Visaverfahren sorgten allerdings für schlechtere Werte. Zwar lässt sich über die Sicherheitsfrage durchaus streiten – viele ausländische Gäste betonen, sich in zentralen Lagen von Großstädten durchaus sicher zu fühlen. Doch die Visabeantragung ist sehr mühevoll.

Ein russisches Visum zu bekommen, gleiche einem Papierkrieg, sagt Wladimir Kantorowitsch von der VRRV und spricht sich dafür aus, dass Russland sich in dieser Frage nachgiebiger zeige: „Niemand hindert uns daran, diesen Schritt einseitig zu wagen und das Visum abzuschaffen." Er verweist auf die beidseitige Aufhebung der Visumspflicht mit Israel, die dazu geführt habe, dass die Touristenströme aus Israel um 50 Prozent gestiegen seien.

Ein weiteres Problem sei die englische Sprache, fügt Kantorowitsch hinzu. Fehlende Englischkenntnisse beim größten Teil des Servicepersonals in Russland würden die Geduld ausländischer Gäste überstrapazieren. Diese beschwerten sich oft darüber, keine Antwort zu erhalten, wenn sie die Metro-Mitarbeiter aus Gewohnheit auf Englisch ansprächen. Doch die Situation bessere sich allmählich: In der Metro würden vermehrt Schilder auf Englisch angebracht und das russische Innenministerium habe eigens eine Touristenpolizei eingerichtet.

Rubelkrise macht Russland attraktiv

 

Am 6. Mai wurde der Travel & Tourism Competitiveness Report 2015 veröffentlicht. Russland nimmt darin den 45. Platz ein, womit es seine Position um 18 Punkte gegenüber 2013 verbessert hat. Das Ranking umfasst 141 Länder und wird in Zweijahresabschnitten durch das Internationale Wirtschaftsforum und die Strategy Partners Group zusammengestellt.

Reisen nach Russland wurden nach dem Rubelverfall günstig: Seit Mai 2014 ist der Preis der russischen Nationalwährung in der Dollar-Umrechnung um 44 Prozent gesunken. Damit sind auch Hotels günstiger geworden. Für zusätzliche Punkte in der Gesamtbewertung haben die zahlreichen Sehenswürdigkeiten in Russland, die Natur und Kultur bieten, gesorgt. Außerdem wurde eine Verbesserung der Luftverkehrsanbindung berücksichtigt.

Eines der größten Probleme des Landes seien die zu harten Visumsanforderungen an Ausländer, beklagen Experten. Außerdem sei die Aufgeschlossenheit Russlands gegenüber dem Ausland auf einem niedrigen Niveau. Die Autoren der Studie bemängeln auch das ungünstige Geschäftsklima in Russland. Was die Sicherheit anbelangt, befindet sich Russland etwa auf dem gleichen Stand wie Myanmar oder Jamaika.

In dem Bericht wird darauf hingewiesen, dass ein Großteil der Daten noch vor der Angliederung der Krim an Russland erhoben wurde. „Ob die aktuellen wirtschaftlichen und geopolitischen Faktoren sich auf das Ranking 2015 auswirken werden, wird erst nach der nächsten Studie klar", sagt Alexej Prasdnitschnych, Partner der Strategy Partners Group.

 

Kaum günstige Hotels

Ein wichtiger Punkt auf der Tagesordnung sind zudem die Unterkünfte. Zwar wurde kürzlich das Park Izmailovo Moscow, ein Vier-Sterne-Hotel mit 110 Betten der türkischen Dedeman-Kette, eröffnet. Aufgrund der Krise wurde jedoch der Bau einiger World-Class-Hotels in der Hauptstadt vorerst eingestellt. Darunter seien auch das ambitionierte Projekt der Crocus Group

zum Bau eines Holiday-Inn-Hotels mit 1 050 Betten und ein Marriott-Hotel, schreibt die russische Wirtschaftszeitung „Wedomosti".

Vor allem die Verfügbarkeit bezahlbarer Gasthäuser bleibt ein Problem. Angesichts dessen plant die Moskauer Stadtverwaltung, kleinere Hotels im Stadtzentrum zu errichten, die von den Hoteliers für eine Laufzeit von 49 Jahren gepachtet werden können.

Auch in der Provinz ist die Lage im Hotelbau ungewiss. In den letzten Jahren sind in den anziehungsstärksten Gegenden Russlands 
anspruchsvolle Tourismusresorts entstanden – etwa das Altay Resort im Altai oder das schillernde Grand Hotel Rodina in Sotschi. Doch die Krise zwingt zu Bescheidenheit. Kürzlich hat das Sportministerium, das die Fußball-Weltmeisterschaft 2018 in Russland verantwortet, seinen Verzicht auf den Bau von 25 Hotels in mehreren Gastgeberstädten erklärt.

Zahlen

 

11,98 Milliarden US-Dollar (etwa 10,5 Milliarden Euro) gaben ausländische Touristen nach aktuellen Angaben des Weltwirtschaftsforums (WEF) im Jahr 2013 in Russland insgesamt aus.

2,6 
Millionen ausländische Touristen haben Russland im Jahr 2014 besucht. Das waren drei Prozent weniger als im Jahr zuvor, wie das russische Touristenamt Rostourism mitteilte.

350 
Tausend deutsche Touristen reisten Angaben von Rostourism zufolge 2014 nach Russland. Mehr ausländische Besucher kamen nur aus China (410 000 Touristen).

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