Kann Russland Griechenland retten?

Russland kann Griechen bis 1,5 Mrd. Euro spenden. Diese Gelder müssen jedoch zur Finanzierung konkreter Projekte eingesetzt werden, was den Griechen nicht gefallen wird. Foto: Reuters

Russland kann Griechen bis 1,5 Mrd. Euro spenden. Diese Gelder müssen jedoch zur Finanzierung konkreter Projekte eingesetzt werden, was den Griechen nicht gefallen wird. Foto: Reuters

Griechenland ist unter Druck. Wenn das Land nicht am heutigen Dienstag eine fällige Rate an den Internationalen Währungsfonds zahlt, droht die Staatspleite. Russland könnte helfen, zeigte man sich doch zuletzt gerne Seite an Seite. Doch die wirtschaftliche Lage Russlands ist ebenfalls angespannt.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) erwartet heute von Griechenland den Eingang einer Zahlung in Höhe von 1,5 Milliarden Euro. Wenn Griechenland nicht zahlt, wird es keine weitere finanzielle Unterstützung für das Land geben. Den Griechen droht dann die Zahlungsunfähigkeit.

Russland könnte noch als Retter der Südeuropäer auftreten, meinen Marktakteure. Russische Experten halten eine solche Entwicklung jedoch für unwahrscheinlich. Denn einerseits stelle eine Staatspleite Griechenlands für Russland keine Gefahr da, andererseits leide Russland selbst unter einer Wirtschaftskrise. Das Land verfüge schlicht nicht über ausreichende Mittel, um den Griechen nachhaltig unter die Arme zu greifen. 

„Der Rückgang, den die russische Wirtschaft Ende 2014, Anfang 2015 erlebte, verschärfte noch die Lage im Land, die bereits durch die Isolation Russlands von den Weltmärkten nicht gut war“, sagt der stellvertretende Rektor an der Fakultät für Bankwesen und Finanzen der Russischen Akademie für Wirtschaft und Verwaltung, Konstantin Korischtschenko. Seiner Einschätzung nach würden die Auswirkungen einer wahrscheinlichen griechischen Staatspleite und eines möglichen Absturzes chinesischer Märkte für Russland weitaus weniger schmerzhaft sein als für den unter einer großen Schuldenlast leidenden Westen.

Die Gesamtschulden Griechenlands belaufen sich auf 320 Milliarden Euro respektive 177 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Davon schuldet Athen allein Deutschland 56 Milliarden Euro. „Die griechische Wirtschaft braucht radikale Reformen. Während der wirtschaftliche Umbau sich vollzieht, werden ungeheure Geldsummen in die Ökonomie des Landes fließen müssen“, meint Alexej Koslow, Chefanalyst bei UFS IC. Angesichts des Marktumfeldes und des Drucks, dem die eigene Wirtschaft gegenwärtig ausgesetzt sei, könnte Russland jedoch keine ausreichenden Mittel zur Verfügung stellen.

Die Frage nach Hilfen für Athen habe aber nicht nur einen wirtschaftlichen, sondern auch einen politischen Charakter, betont Koslow. Das habe der Besuch des griechischen  Ministerpräsidenten Alexis Tsipras beim diesjährigen Internationalen Wirtschaftsforum in Sankt Petersburg gezeigt, wo Tsipras der bedeutendste Gast aus der ausländischen Politik gewesen sei.

Wenn Russland sich zu einer Unterstützung der Griechen entschließe, könnte es dafür etwa 1,4 bis 1,5 Milliarden Euro aufwenden, schätzt Koslow. Diese Gelder müssten jedoch zur Finanzierung konkreter Projekte eingesetzt werden, was den Griechen nicht gefallen würde. Die Summe sei zudem bei Weitem nicht ausreichend, um Griechenlands Probleme zu lösen. Bereits im Juli muss das Land weitere 5,95 Milliarden Euro überweisen.

 

Russische Hilfe könnte das Verhältnis zur EU weiter belasten

Zudem könnte ein russisches Hilfsprogramm für Griechenland das Verhältnis zwischen Russland und den EU-Staaten weiter belasten, wie Anton Soroko, Analyst bei der Investmentholding Finam, bemerkt. „Russland hat kein Recht, den Gläubigern zuwiderzuhandeln. Schließlich ist Griechenland EU-Mitglied, sodass wirtschaftliche Probleme in erster Linie innerhalb der Union gelöst werden müssen“, meint er.

Etwaige subventionierte oder gar unentgeltliche Zahlungen wären auch für Russland von Nachteil, fügt Soroko hinzu. Denn Russlands BIP sinkt immer schneller, nach Angaben des russischen Ministeriums für wirtschaftliche Entwicklung im Mai 2015 um 4,9 Prozent. Im April ging es noch um 4,2 Prozent zurück.

Wirtschaftsexperte Korischtschenko merkt an, dass Russland von den negativen Auswirkungen einer möglichen griechischen Zahlungsunfähigkeit zwar weitaus weniger betroffen wäre als andere Länder. Dennoch wären die Folgen spürbar, wenn auch nicht ganz so schmerzhaft wie in Europa. Zum einen sei mit einer „Flucht in die Qualität“ zu rechnen: Die Obligationen von Schwellenländern würden verkauft, US-Anleihen gekauft werden. Das verursache sinkende Kurse auf den Aktienmärkten und verzögere in der Folge die Finanzierung. Zum anderen seien die griechischen Ereignisse zeitlich mit sinkenden Märkten in China zusammengefallen, was eine größere Negativwelle erzeugen werde.

Korischtschenko kann der griechischen Krise sogar etwas Positives abgewinnen: „Nach der Umstrukturierung griechischer Schulden wird es für Russland wie auch für andere Partner Griechenlands deutlich einfacher werden, gemeinsame Projekte zu entwickeln, ohne befürchten zu müssen, dass die gewährten Kredite für die Tilgung alter Verpflichtungen verwendet werden“, sagt er. Ein solches Projekt ist zum Beispiel die Pipeline „Turkish Stream“, die von Russland aus über den Grund des Schwarzen Meeres bis nach Südeuropa führen soll. Um dieses Vorhaben umzusetzen, hat Russland seine Bereitschaft erklärt, an Griechenland als Projektpartner einen Kredit in Höhe von zwei Milliarden Euro zu vergeben.

 

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