Halbjahresbericht: Gazprom vermeldet historischen Gewinneinbruch

Nach Meinung russischer Experten sind die negativen Ergebnisse mit einer Fehlstrategie des Unternehmens zu erklären.

Nach Meinung russischer Experten sind die negativen Ergebnisse mit einer Fehlstrategie des Unternehmens zu erklären.

Reuters
Gazprom hat im ersten Halbjahr 2015 das schlechteste Ergebnis in seiner Geschichte erwirtschaftet. Russische Analysten sind der Meinung, dass der Konzern seine Strategie ändern und neue Abnehmer für Energieträger finden müsse.

Der russische Gasmonopolist Gazprom hat im ersten Halbjahr 2015 das schlechteste Ergebnis seiner Geschichte eingefahren: Die Förderung ist um 13,1 Prozent auf 209 Milliarden Kubikmeter und der Gasexport um 12,9 Prozent auf 88,5 Milliarden Kubikmeter zurückgegangen. Soweit das Fazit im Monitoring-Bericht des Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung für das erste Halbjahr 2015.

Das Ministerium schätzt, dass die Erdgasförderung der Gazprom-Gruppe bis Ende des Jahres um 7,2 Prozent auf insgesamt 414 Milliarden Kubikmeter Erdgas schrumpfen wird, was der niedrigste Wert in der gesamten Geschichte des Unternehmens wäre. Dabei kann der Konzern nicht mehr Erdgas verkaufen, weil der Verbrauch an den größten Absatzmärkten bereits zurückgegangen ist.

 

Die Wurzel des Übels lautet Missmanagement

Nach Meinung russischer Experten sind die negativen Ergebnisse mit einer Fehlstrategie des Unternehmens zu erklären. „Das Top-Management von Gazprom macht systemrelevante Fehler bei der Einschätzung des Gasverbrauchermarkts in der Europäischen Union und in der Pazifikregion“, sagt Wassili Jakimkin, Dozent an der Fakultät Finanzen und Bankwesen an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst beim Präsidenten Russlands (RANCHiGS), einer der Regierung nahestehenden Wirtschaftshochschule.

Dem stimmt Chefanalyst der UFS IC Ilja Balakirew zu: „Grundsätzlich ist von systemrelevanten Fehlkalkulationen bei der strategischen Planung von Gazprom auszugehen, das seine Kapazitäten beharrlich ausgebaut und sich dabei nicht um die Nachfrage gekümmert hat.“ Doch er glaubt, dass dabei mehrere Faktoren eine Rolle gespielt haben, von denen nicht alle abzusehen waren und unter Kontrolle gehalten werden konnten. „Dazu gehören die Situation in der Ukraine und die US-amerikanische Schiefer-Revolution“, sagt Balakirew.

Allerdings glauben auch einige, dass die Situation sich zum Jahresende noch verbessern könne. Dmitri Baranow, leitender Experte von Finam Management, hebt hervor, dass diese Kennzahlen lediglich für das erste Halbjahr 2015 gelten und im zweiten Halbjahr ganz anders aussehen könnten. Und Balakirew räumt ein, dass die Planung des Konzerns bei vielen Großprojekten auf Jahrzehnte ausgelegt sei und dass ein vorübergehender lokaler Einbruch der Nachfrage noch nichts zu sagen habe.

Unter anderem hofft Gazprom auf eine wachsende Nachfrage in Europa, und das nicht ohne Grund: Die Nachfrage ist im ersten Halbjahr 2015 erstmals seit zwei Jahren wieder gestiegen. Nach Eurostat-Angaben hat der Gasverbrauch in der EU, der zuvor sieben Quartale in Folge zurückgegangen war, umgerechnet auf das Jahr um zwölf Prozent zugelegt.

 

Gazprom hat zwei Optionen

Wassili Jakimkin zufolge könnten eine strenge Sparpolitik und eine Vermögenskonsolidierung ein Ausweg aus der derzeitigen Situation sein. Er rät, die Flüssigerdgas-Sparte auszubauen und die asiatischen Märkte zu erschließen, weil der europäische Markt für Gazprom permanent schrumpfe.

„Mittel- und langfristig gesehen hat der Konzern zweierlei Möglichkeiten: Entweder er ändert die gesamte Unternehmensstrategie grundlegend oder er erschließt neue Absatzmärkte, indem er großangelegte Projekte für den Pipelinebau und die Erdgasverarbeitung startet“, findet auch Ilja Balakirew. Letzteres würde Gazprom bereits tun, räumt der Analyst ein: Zu dessen neuen Projekten zählen die Pipeline „Turkish Stream“ aus Russland durch das Schwarze Meer in die Türkei und die Gaspipeline „Power of Siberia“ aus Russland nach China.

In Zukunft wird Gazprom nach Meinung von Wassili Jakimkin allerdings höchstwahrscheinlich seine Monopolstellung in Bezug auf Erdgasexporte einbüßen müssen. Laut Schätzungen des Wirtschaftsministeriums wird die Erdgasförderung von Gazprom in Russland zum Ende des Jahres auf 66 Prozent gegenüber 69,5 Prozent im vergangenen Jahr und 74,5 Prozent im Jahr 2012 zurückgehen. Und ein Mitbewerber von Gazprom, der Erdölkonzern Rosneft, der sich ebenfalls in staatlicher Hand befindet, hat bereits vorgeschlagen, die Erdgasexporte vollständig zu liberalisieren und das Gastransportsystem aus dem Monopol auszugliedern. Aus dem offiziellen Schreiben der Unternehmensleitung an das Ministerium für Energiewirtschaft geht hervor, dass der Ölkonzern vorschlägt, bereits 2016 unabhängigen Herstellern Gasexporte genehmigen zu lassen.

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