Hat die Zentralbank die Krise ins Rollen gebracht?

Seit dem Ende der Kursregulierung befindet sich der Rubel im freien Fall.

Seit dem Ende der Kursregulierung befindet sich der Rubel im freien Fall.

Shutterstock/Legion Media
Der Übergang zu einem flexiblen Wechselkurs des Rubels im vergangenen Jahr war eine der wichtigsten monetären Reformen in Russland seit den 1990er-Jahren. Doch seitdem die russische Zentralbank nicht mehr in die Kursentwicklung eingreift, befindet sich die Währung im freien Fall.

Seit Mai dieses Jahres verliert die russische Währung wieder an Boden. Im Vergleich zum US-Dollar und dem Euro verlor der russische Rubel bis August rund 30 Prozent an Wert. Experten glauben, dass der Verfall der Währung direkt mit den sinkenden Ölpreisen zusammenhängt. Von Mai bis August sank der Preis der Erdölmarke Brent um 28 Prozent auf 51,02 US-Dollar pro Barrel.

Im vergangenen November beschloss die russische Zentralbank, auf einen flexiblen Währungskurs umzusteigen. „Der Umstieg auf einen flexiblen Kurs des Rubels war zweifelsfrei eine der makroökonomischen Schlüsselentscheidungen des modernen Russlands“, sagt Konstantin Korischtschenko, früherer Vize-Vorsitzender der Zentralbank und heute Dozent für Fondsmärkte und Financial Engineering an der Russischen Akademie für Volkswirtschaft und Staatsdienst (RANEPA), einer regierungsnahen Hochschule.

Regulierung sollte die Wirtschaft stützen

Zwischen 1995 und 2014 regulierte die Zentralbank den Wechselkurs des Rubels, mal mehr, mal weniger rigoros. „Die Notwendigkeit für eine Regulierung entstand Anfang der 1990er-Jahre aufgrund vieler Faktoren“, erklärt Korischtschenko. Notwendig sei eine Regulierung vor allem für den Kampf gegen die Inflation, der Schaffung notwendigen Vertrauens zum Rubel, dem Ausgleich von Haushaltsdefiziten und zur Anlockung ausländischer Investitionen gewesen.

Einer weiteren Stabilisierung des Kurses habe es nicht bedurft, diese hätte den eigentlichen Trend des Kurses nur zusätzlich verstärkt. Im November 2014 entschied sich auch die Zentralbank angesichts des fallenden Kurses gegen weitere regulatorische Eingriffe. Bis dahin hatte sie US-Dollar auf den Markt gebracht, um so die einheimische Währung immer dann zu unterstützen, wenn diese den festgelegten Kurs nicht selbstständig erreichte.

Für den Strategiewechsel entschied sich die Zentralbank zu einem Zeitpunkt, da der Rubel aufgrund außenpolitischer Spannungen unter großen Druck geraten war. Im Vormonat musste die Zentralbank noch 27,2 Milliarden US-Dollar verkaufen, um den Kurs des Rubels halten zu können. „Der Zeitpunkt zur Durchführung der Reform war nicht gerade gut gewählt“, sagt Anton Soroko, Analyst bei der Investmentgesellschaft Finam: „Die Entscheidung der Zentralbank hat für den starken Rubelverfall Ende 2014 gesorgt.“

Seiner Ansicht nach hätte man mit der Liberalisierung des Kurses bis zu einer Entschärfung der außenpolitischen Lage warten sollen. Dennoch, so räumt der Finanzexperte ein, habe die Entscheidung der Zentralbank heimische Produzenten unterstützt und den Druck auf die Währungsreserven des Landes gesenkt. Im Mai dieses Jahres begann die Zentralbank gar, US-Dollar zur Auffüllung der Reserven zu kaufen.

Löhne sinken, Preise steigen

Der Wechsel hin zu einem deregulierten Kurs des Rubels führte zu Kürzungen der Löhne und zu deutlich steigenden Inflationsraten. Die russische Bevölkerung bekam die Auswirkungen deutlich zu spüren. Laut dem Zentrum für makroökonomische Analysen fielen die Löhne in diesem Jahr bisher um acht Prozent. Umfragen ergaben, dass die russische Bevölkerung für das Jahr 2015 eine Inflation zwischen 27 und 28 Prozent erwartet. Im kommenden Jahr gehen die Menschen von einer Inflation bis zu 15 Prozent aus. Der Unmut in der Bevölkerung wächst.

Als Reaktion auf die Lage reichte Andrej Tscherepanow, ehemaliger Vorsitzender der Abteilung für Auswärtige Operationen der Zentralbank, im Februar 2015 Klage gegen die Entscheidung zur Einführung eines flexiblen Wechselkurses ein. Das Meschtschanskij-Gericht in Moskau lehnte diese ab. Im Juni wurde erneut Klage eingereicht: Ein Einwohner Moskaus verlangte, die Untätigkeit der Zentralbank während des Rubelsturzes Ende 2014 als Rechtsverstoß zu verurteilen. Der Kläger argumentierte, die Politik der Zentralbank habe das Land in eine Krise geführt.

Mit schwindendem Vertrauen legen Unternehmen und auch Bürger ihr Geld immer häufiger in Fremdwährungen an. So beträgt der Anteil der Fremdwährungseinlagen juristischer Personen laut Zentralbank mittlerweile 44 Prozent. „Die Wirtschaft, Banken und auch die Bevölkerung versuchen, sich an die neuen Bedingungen anzupassen. Ersparnisse werden in Fremdwährung getauscht und wegen der Finanzierung wendet man sich an die Regierung“, sagt Korischtschenko. Einen grundsätzlichen Wechsel zu einem flexiblen Kurs des Rubels hält er für möglich, fügt er hinzu. Doch dazu müsse man die Struktur der Wirtschaft ändern und die Abhängigkeit von Rohstoffexporten senken.

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