Lebensmittel-Embargo: Moskau sanktioniert fünf weitere Länder

Russland weitet Lebensmittel-Embargo aus.

Russland weitet Lebensmittel-Embargo aus.

Surab Dschawachadse/TASS
Auf die Verlängerung der Sanktionen durch die Europäische Union hat Russland mit einer Ausweitung seines Einfuhrverbots bestimmter Lebensmittel reagiert. Dieses gilt nun auch für Albanien, Montenegro, Island, Liechtenstein und die Ukraine. Den Ländern drohen Verluste in Millionenhöhe.

Am Donnerstag unterzeichnete der russische Ministerpräsident Dmitrij Medwedjew einen Erlass über die Ausweitung des russischen Lebensmittel-Embargos. Dieses soll nun auch für Albanien, Montenegro, Island, Liechtenstein und die Ukraine gelten. Die Länder hatten sich den Sanktionen der Europäischen Union gegen Russland angeschlossen, die im Juni verlängert wurden. Sie hätten sich bewusst dafür entschieden und damit in Kauf genommen, dass Russland mit Gegenmaßnahmen reagieren würde, erklärte Medwedjew.

Schwerer Schlag gegen die Ukraine

Die Einfuhr landwirtschaftlicher Erzeugnisse aus der Ukraine solle jedoch erst verboten werden, wenn der wirtschaftliche Teil des Assoziierungsabkommens mit der Europäischen Union wie bisher geplant am 1. Januar 2016 in Kraft tritt. Der ukrainischen Wirtschaft könnten Handelsbeschränkungen mit Russland einen schweren Schlag versetzen, meinen Experten.

„Selbst nach dem Handelseinbruch zwischen den beiden Ländern im Jahr 2014 erreichen die ukrainischen Exporte nach Russland noch ein Volumen von neun Milliarden Euro“, sagt Vera Kononowa vom Institut für Komplexe Strategische Forschung (IfKSF). Die Einfuhren landwirtschaftlicher Erzeugnisse und Lebensmittel beliefen sich dabei nach Angaben des russischen Ministeriums für Wirtschaftsentwicklung auf 925 Millionen Euro.

2014 gingen 63 Prozent der ukrainischen Fischexporte in die Russische Föderation und 34 Prozent des ukrainischen Gemüses. 21 Prozent der Milchprodukte, 19 Prozent der Fleischwaren und sieben Prozent des Obstes wurden laut IfKSF aus der Ukraine nach Russland geliefert.

Massive Verluste für Island

Auch Island drohen massive Einbußen durch die Aufnahme in die russische Sanktionsliste. Die isländischen Gesamtexporte nach Russland beliefen sich 2014 auf 231 Millionen Euro. Allein Fisch und Meeresfrüchte hatten daran einen Anteil von rund 189 Millionen Euro. Im vergangenen Jahr sind die Exporte dieser Warengruppe nach Russland im Vergleich zu 2013 finanziell betrachtet um das Doppelte gestiegen. Im europäischen Teil Russlands betrage der isländische Anteil am importierten Fisch 60 bis 65 Prozent, zitiert die russische Zeitung „Wedomosti“ einen großen russischen Fischproduzenten.

„Die Möglichkeiten, ein solches Volumen zu ersetzen, sind eher gering“, gibt Daria Snitko, Analystin vom Zentrum für Wirtschaftsprognosen der Gazprom-Bank, zu bedenken. Ihren Schätzungen zufolge werden südamerikanische und asiatische Länder ihre Anteile am russischen Gesamtimport erhöhen. Das wird allerdings auch Veränderungen im Fischsortiment nach sich ziehen: Frischer Fisch wird durch Tiefkühlware, Fangfisch durch Zuchtfisch ersetzt werden müssen.

Lieferungen von Obst und Nüssen aus Albanien stiegen im vergangenen Jahr noch um das 14-Fache auf rund 4,25 Millionen Euro. Mit einem Anteil von 7,3 Prozent an den gesamten Lebensmittelexporten wurde Russland 2014 zu einem bedeutenden Markt für dieses Land. Auch die Ausfuhren von Gemüse stiegen, und zwar um das Doppelte auf 1,1 Millionen Euro. Obst und Gemüse aus Albanien könnten nun von türkischen und nordafrikanischen Lieferanten substituiert werden, meint Snitko.

Liechtenstein – eine Farce?

Für Montenegro hingegen sind die Auswirkungen des russischen Embargos marginal. Der Anteil an Exporten der betroffenen Lebensmittel nach Russland habe bislang nur 0,1 Prozent betragen, sagt Vera Kononowa. Diese Ausfuhren brachten Montenegro weniger als ein Prozent seiner Exporteinnahmen ein und beliefen sich im vergangenen Jahr auf nicht mehr als 23 000 Euro.

Aus Liechtenstein konnte der russische Zoll nach eigenen Angaben zwar keine Einfuhren von Rind- oder Schweinefleisch, Fisch oder Meeresfrüchten, Milcherzeugnissen, Käse, Obst, Nüssen oder Gemüse feststellen. Dennoch fällt auch dieses Land unter das Lebensmittel-Embargo. Einige russische Medien kommentierten diese Entscheidung der russischen Regierung spöttisch. Die Online-Zeitung „Gazeta.ru“ etwa titelte: „Russland übt Rache an Liechtenstein“. Auf Georgien, Japan und die Schweiz – allesamt Länder, die die Sanktionen gegen Russland ebenfalls unterstützen – wurde das Embargo hingegen nicht ausgeweitet.

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