Niedriger Ölpreis macht russischer Wirtschaft zu schaffen

Der niedrige Ölpreis trägt die Hauptschuld an der Rezession.

Der niedrige Ölpreis trägt die Hauptschuld an der Rezession.

Ilja Pitaljow/RIA Novosti
Russlands Wirtschaft leidet weniger unter den Sanktionen als befürchtet. Nur 0,5 Prozent des Verlustes an Wirtschaftskraft seien darauf zurückzuführen, so eine Studie der Zentralbank. Weitaus mehr zu schaffen mache der Wirtschaft hingegen der niedrige Ölpreis.

Die gegen Russland verhängten Sanktionen der USA und der Europäischen Union haben nur geringe Auswirkungen auf das russische Wirtschaftswachstum gehabt. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) sei sanktionsbedingt um lediglich 0,5 bis 0,6 Prozent geschrumpft. Den weitaus größeren Einfluss auf den Rückgang des russischen BIP habe der rekordverdächtige niedrige Ölpreis gehabt. Dies ist das Ergebnis einer Studie Andrej Sinjakows und Sergej Selesnews von der russischen Zentralbank sowie Ökonom August Roitman vom Internationalen Währungsfonds (IWF), berichtet die russische Wirtschaftszeitung Kommersant. Nach offiziellen Angaben ist das russische BIP im Zeitraum von Januar bis Juli 2015 verglichen mit dem Vorjahr um 3,4 Prozent geschrumpft.

Wladimir Bessonow, Leiter des Studienzentrums für Inflationsprobleme und Wirtschaftswachstum an der Higher School of Economics, bestätigt die Ergebnisse der Studie: „Die Exaktheit solcher Einschätzungen ist immer relativ, aber im Großen und Ganzen kann ich zustimmen, dass der Rückgang des russischen Bruttoinlandsproduktes nicht so sehr mit den Sanktionen, sondern viel eher mit sinkenden Rohstoffpreisen zusammenhängt“, erklärt er.      

Der Ölpreis macht der russischen Wirtschaft am meisten zu schaffen

Bessonow begründet seine Annahme damit, dass ein bemerkenswerter Rückgang des BIP nicht seit der Einführung der Sanktionen vor einem Jahr zu beobachten sei, sondern erst seit Anfang des Jahres, nachdem der Ölpreis zuvor weltweit erneut eingebrochen war. „Der Einfluss der Sanktionen auf die Wirtschaft war von Branche zu Branche unterschiedlich: In einigen Bereichen war die Strategie der Importsubstitution erfolgreich. Aber die Wirtschaft wird auch durch den Leitzins und den damit verbundenen Kosten für Kredite beeinflusst. Kredite sind besonders teuer für die verarbeitende Industrie“, so Bessonow. Ende 2014 hob die russische Zentralbank den Leitzins auf 17 Prozent an und beeinflusste die Kreditwerte im Land. Später wurde der Leitzins wieder auf 10,5 Prozent gesenkt.

Die Studie der Zentralbank befasst sich mit der BIP-Dynamik nach der Einführung der Finanzsanktionen gegen Russland Ende 2014 und des Rückgangs der Ölpreise von 100 US-Dollar auf nur noch 50 bis 55 US-Dollar pro Barrel. Das von den Autoren verwendete Model basiert auf den Werken von Arnold Harberger, Mitbegründer der Chicagoer Schule, und Carlos Vegh von der Johns Hopkins University. Die Autoren setzen dabei voraus, dass ausländisches Kapital im Laufe der kommenden fünf Jahr unverfügbar bleibt. Dies dürfte eine Auslandsverschuldung des privaten Sektors im Jahr 2019 ausschließen. Basierend auf diesen Einschätzungen sollte die russische Wirtschaft ab 2017 um 1,5 Prozent pro Jahr wachsen.

Alexei Baskakow, Leiter der Analyseabteilung des Unternehmens Finekspertisa glaubt, dass Rohstoffexporteure von der Situation profitieren könnten. Sie bezögen ihre Einnahmen in ausländischen Währungen. Für andere Branchen auf dem Auslandsmarkt wäre die Inflation jedoch sehr schlimm. „Wir arbeiten mit beinahe allen Wirtschaftsbranchen und können derzeit von keinen positiven Entwicklungen berichten. Eine Ausnahme sind vielleicht die Importsubstitutionsprojekte, die von staatlichen Banken unterstützt werden“, erklärt Baskakow.   

Georgij Waschtschenko, Leiter der Transaktionsabteilung bei IK Freedom Finance an der russischen Börse, meint, dass wegen des Rückgangs des Ölpreises die Ölförderung am arktischen Schelf irrelevant sei. Es ergebe keinen Sinn, die Finanzierung der Ankäufe von Geräten zu intensivieren, die von Sanktionen betroffen seien. „Hauptfaktor für die Rezession ist die Inflation, die durch den Absturz des Rubels verursacht wurde. Der Absturz wurde seinerseits durch die Senkung des Ölpreises und den Verzicht der Zentralbank auf die Unterstützung des Rubelkurses ausgelöst“, meint der Experte. 

Mehr zum Thema: 

Klamme Kassen: Über Russlands Regionen kreist der Pleitegeier

Alle Rechte vorbehalten. Rossijskaja Gaseta, Moskau, Russland