Russlands Wachstum braucht Investitionen

Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Russland Jaroslaw Lissowolik.

Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Russland Jaroslaw Lissowolik.

TASS
Der Chefvolkswirt der Deutschen Bank in Russland Jaroslaw Lissowolik im Gespräch mit RBTH über den Zustand der russischen Wirtschaft und ihren Weg aus der Krise.

RBTH: Herr Lissowolik, wo steht die russische Wirtschaft momentan?

Jaroslaw Lissowolik: Ich denke, dass das zweite Quartal des laufenden Jahres eine der schwierigsten Phasen in der aktuellen Krise gewesen ist. In der zweiten Jahreshälfte erwarten wir eine langsame Besserung der Situation. Das Minus dürfte geringer ausfallen als in den ersten sechs Monaten. Wir gehen davon aus, dass zum Jahresende das russische Bruttoinlandsprodukt um etwa drei Prozent schrumpfen wird. Aber für die Zukunft ist es unabdingbar, neue Wachstumstreiber zu finden. Diese lassen noch auf sich warten, ebenso wie eine Besserung der globalen Bedingungen für die russische Wirtschaft.

Derzeit erlebt der Rubel, nach seiner zwischenzeitlichen Erholung, eine neue Schwächephase. Woran liegt das?

Der wichtigste Grund ist natürlich der sinkende Ölpreis. Zweiter wichtiger Faktor ist die Angst der Märkte vor einem Abflauen des chinesischen Wachstums, die momentan die Runde macht. Diese Befürchtung lässt verstärkt Kapital aus Schwellenländern abfließen, einschließlich aus Russland.

Was heißt das für die Wirtschaft des Landes?

Die größte Gefahr stellt ein erneuter Anstieg der Inflation dar. Wir haben in letzter Zeit gesehen, dass der Wechselkurs des Rubels wegen teurer Importe der stärkste Einflussfaktor für die Inflation ist. Je länger die Rubelschwäche anhält, desto mehr verfestigen sich die Inflationserwartungen und desto schwieriger wird es, etwas dagegen zu unternehmen.

Was bedeutet ein schwächerer Rubel für ausländische Firmen?

Für langfristig orientierte Investoren zählen solche Faktoren weniger. Bedeutender ist die allgemeine Wirtschaftspolitik, die auf eine Verbesserung des Investitionsklimas ausgerichtet ist. Diese sehe ich momentan noch nicht. 
Natürlich könnte Russland von günstigeren Produktionsbedingungen profitieren. Allerdings muss man wissen, dass es auch auf anderen Märkten spürbare Abwertungen gegeben hat. Zumal nicht nur die Produktivität, sondern auch die Kosten infolge höherer Inflation steigen. In Wirklichkeit wollen Investoren eine vergleichsweise stabile und harte Währung. Wenn der Rubel stark ist, kann die Produktion günstiger modernisiert werden, weil importierte Maschinen in diesem Falle billiger werden. Ich denke, dass die Diskussion um einen schwachen Rubel als Heilsbringer uns in die falsche Richtung führt. Wir sehen zumindest keine Zunahme an ausländischen Investitionen.

Russlands Regierung postuliert eine Wende nach Asien. Wie sinnvoll ist das?

Keine Frage, eine stärkere Zuwendung nach Asien birgt große Dividenden für Russland. Das Problem ist, dass Chinas Wirtschaft derzeit ebenfalls vor ernsthaften Problemen steht. Es ist sinnvoll, seine Wirtschaftsbeziehungen nicht nur in Richtung China zu diversifizieren, sondern auch auf anderen Märkten wie Südkorea oder Südostasien.

Welchen Einfluss hat die Abwertung der Währung Yuan auf Russland?

Kurzfristig führt das zu einem Kapitalabfluss aus den Schwellenländern und setzt somit auch den Rubel unter Druck, wie ich eingangs erwähnt habe. Der Ölpreis könnte dadurch ebenfalls unter Druck geraten. Langfristig aber könnte ein Übergang zu einem offeneren System in China und einer Lockerung der Regulierung Vorteile für Russland und die Weltwirtschaft bringen. Wichtig ist jedoch, Fehler zu vermeiden. Wenn die Finanzmärkte und andere Länder sich zu einem Währungskrieg verleiten lassen, könnte das alle Vorteile zunichtemachen.

China wertet seine Währung ab. Was muss Russland tun, um sein Wachstum anzukurbeln?

Russland muss sich aktiv auf strukturelle Veränderungen und auf eine bessere Funktionsweise des öffentlichen Sektors konzentrieren. Dazu zählt auch eine 
strenge Kostenkontrolle auf allen staatlichen Ebenen, einschließlich Staatskonzerne. Dies wiederum würde mehr Raum für Investitionen in die Infrastruktur schaffen und insgesamt die Effizienz der Wirtschaft steigern. Ich bin mir si
cher, dass Investitionen der wichtigste Motor des künftigen Wachstums in Russland sein werden.

Unternehmen klagen, dass sie gern investieren würden, die Kredite jedoch wegen der hohen Leitzinsen zu teuer seien.

Wir hören oft Forderungen nach günstigem Geld und niedrigen Zinsen. Gleichzeitig soll der Rubel wesentlich abgeschwächt werden, um die viel beschworene Importsubstitution zu ermöglichen. Diese Forderungen sind aber nicht miteinander vereinbar. Je schwächer der Rubel, desto größer ist die Inflation und umso geringer sind die Möglichkeiten für weitere Zinssenkungen durch die Zentralbank. Man muss hier schon konsequent sein. Der Rubel ist schwach, also sind die Kreditzinsen hoch. Daher muss man sich auf die Bekämpfung der Inflation konzentrieren. Dies wird nach und nach erlauben, den Leitzins zu senken. Die Politik der Zentralbank ist absolut gerechtfertigt.

Was halten Sie vom Krisenmanagement der Regierung?

Die Situation verändert sich schnell. Wir befinden uns faktisch in einer Zeit, in der alle globalen Zentren, seien es die USA mit ihrer möglichen Leitzinssteigerung, Europa mit seiner Schuldenkrise und China mit seinem schwächeren Wachstum, Probleme für Länder wie Russland generieren. Zumindest hat man übermäßige Einbrüche beim Wechselkurs des Rubels vermeiden können. Das lässt Raum für künftige Leitzinssenkungen, was wiederum Investitionen erleichtern könnte. Dank diesen Anstrengungen steht der russischen Wirtschaft eine langsame, doch stetige Besserung bevor.

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