Russlands Handel im Wandel der Zeiten

Boris Kustodijew "Jahrmarkt"

Boris Kustodijew "Jahrmarkt"

Die Staatliche Tretjakow-Galerie
Die Diskussionen, Russland müsse sich von der Rolle des Rohstoffexporteurs wegentwickeln, halten an. Es scheint sinnvoll, einen Rückblick auf den Handel des Landes in vergangenen Epochen zu werfen. Die Struktur der Exporte hat sich im letzten Jahrhundert durch die Entwicklung der Technik, den Krieg und die steigenden Rohstoffpreise stark verändert.

Unter den russischen Großfürsten entwickelte sich schon im 14. und 15. Jahrhundert der Handel mit anderen Ländern, als sich dort erste lokale Märkte formierten. So handelte man an der Meeresküste des Reiches mit Rauchwaren, in Rjasan mit Getreide und in Moskau mit Produkten heimischer Handwerker. Als der Binnenhandel eine rasante Entwicklung erlebte, begann man auch mit benachbarten Ländern erste Handelsbeziehungen zu knüpfen. Zu diesen Ländern gehörten beispielsweise Genua, venezianische Kolonien, mit denen man an der südlichen Küste der Krimhalbinsel Handel trieb, der Iran und Länder Zentralasiens. Zu den von den Menschen exportierten Waren gehörten vor allem Rauchwaren, Leder, Vliese, Sättel, Pfeile, Messer, Speck, Wachse, Flachs und verschiedene Sorten Öl.

Ein Jahrhundert später pflegte man intensive Handelsbeziehungen mit Litauen, Schweden und Polen. So verkauften die russischen Handelsleute auf örtlichen Märkten Pelze, Leder, Textilien und Waffen. Später, gegen Mitte des 16. Jahrhunderts, begannen auch die Engländer sich für den Handel mit Russen zu interessieren. Aus diesem Grund gründete man in England eine eigene Organisation mit dem Ziel, Handel mit dem Altrussischen Reich zu treiben. Da dieser Warenaustausch besonders erfolgreich war, entschied man sich auch in den heutigen Niederlanden dazu, eine ähnliche Form des Handels mit dem Osten zu etablieren. So verdienten beide Reiche für eine gewisse Zeit viel Geld als Vermittler zwischen russischen Händlern und all jenen Ländern, die mit dem Altrussischen Reich handeln wollten. Doch dies änderte sich von Grund auf im 18. Jahrhundert, als Peter der Große an die Macht kam.

Peter I. und sein Staatsmonopol

Im 18. Jahrhundert erschloss Russland auch die Region an der Ostsee, was dem Reich viele neue Möglichkeiten bescheren sollte, seine Handelbeziehungen weiter auszubauen. Doch die russischen Handels- und Kaufleute blieben zunächst eher passiv und knüpften daher auch keine neuen Beziehungen. Aus diesem Grund intervenierte der Staat: Die Regierung beschloss, gewisse Waren für sich zu beanspruchen, indem sie diese monopolisierte. Zu den Waren, auf die sich das Staatsmonopol erstreckte, zählten all jene Güter, die in den Nachbarländern besonders gefragt waren: Hanffasern, Flachs, Speckwaren, Wachse, Teer, Sirupe und natürlich Kaviar.

Gegen Ende der Amtszeit Peter I. überstieg der Export russischer Waren den Import um das Doppelte. Zudem schützten die teuren Zolltarife den Binnenhandel des Großreichs. Die von Peter dem Großen initiierte, sehr erfolgreiche Form des Handels hatte Bestand über seinen Tod hinaus und wurde von seinen Nachfolgern weitergeführt.

Bis Ende des 18. Jahrhunderts waren die beliebtesten Exportwaren Leinenstoffe und daraus hergestellte Waren, Getreide und Rauchwaren, die man aus Sibirien in die ganze Welt exportierte.

Wirtschaftlicher Aufschwung und die Industrialisierung

Mit dem Einsetzen des Kapitalismus ging auch eine immer stärker werdende Spezialisierung der einzelnen Märkte im Land einher. Dies bewirkte in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine Verdopplung der Exporte Russlands, wobei Leinen, Hanffasern, Pelze, Felle, Leder und Speck nach wie vor als Exportschlager galten. Auch Getreide wurde zu dieser Zeit vermehrt exportiert – genau wie in den 1840er-Jahren, als es in Europa mehrere Missernten gegeben hatte und so die Nachfrage nach Brotgetreide rasant angestiegen war. Zudem erhöhte sich der Exportanteil von Stoffen und Metallerzeugnissen um einige Prozent, wobei diese Waren vorwiegend nach China, Zentralasien und in die Türkei exportiert wurden.

Durch die Formierung von Monopolen veränderte sich auch der Handel, der zunehmend von großen Industrievereinigungen und Handelsbanken geprägt wurde. Als es schließlich im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts zu einem rasanten Produktionsaufschwung kam, konnte sich Russland als eines der führenden Herstellerländer von Maschinen positionieren.

Die Anfänge des Erdölexports

Russland ist heute vor allem als Erdölproduzent und -lieferant bekannt. Die Anfänge der Erdölexporte lassen sich dabei mit der Konsolidierung der Sowjetunion verbinden. In den Vorkriegsjahren stieg vor allem der Export von Maschinen. Bis 1938 machten diese 70 Prozent aller Exportgüter aus, gemeinsam mit Dampflokomotiven, Eisenbahnwaggons, Autos und Erzeugnissen der chemischen Industrie.

Der Zweite Weltkrieg veränderte auch das Handelswesen. Die UdSSR schloss mit Großbritannien und den USA Importabkommen über Waffen und eine Reihe notwendiger Waren für die Kriegsführung.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges änderte sich die Situation mit der Herausbildung der beiden Blöcke grundlegend. Die Sowjetunion handelte ausschließlich mit den Ländern ihres Blocks. Bis in die 1970er-Jahre wurde das Bild jedoch zunehmend vielfältiger und die Sowjetunion pflegte mit 115 Ländern Handelsbeziehungen. Es wurden vorwiegend Industrieerzeugnisse, Maschinen und Anlagen sowie Rohstoffe wie Erdöl und Erdgas exportiert.

So kam es, dass fast ein Drittel aller Maschinen und Ausrüstungen, die weltweit in Entwicklungsländer exportiert wurden, aus der Sowjetunion stammte. Doch neben traditionellen Exportgütern wurde das Handelsportfolio zudem um neue Waren erweitert: Diamanten, Brillanten und Dienstleistungen im Bereich der Urananreicherung. Industrieländer importierten aus der Sowjetunion vor allem Metalle, Zellstoff, Holz und Textilien. Doch am meisten waren sie an Erdöl und Erdölerzeugnissen interessiert. Dies führte dazu, dass sich der Exportanteil von Erdöl aus der Sowjetunion nach und nach vergrößerte, sodass er 1987 bereits 46,5 Prozent betrug. In den nachfolgenden fünfzehn Jahren sollten sich die Einnahmen aus dem Erdölhandel sogar verdreifachen, was den Rohstoff zum wichtigsten Exportgut Russlands werden ließ.

Dieser Beitrag erschien zuerst bei Gazeta.ru.

Milchkanne und Gemüsewaage: Alltag in der Sowjetunion